Grenzgänge – „Tiroler Identität(en)“ im Zeitalter der Globalisierung

Das Projekt „Grenzgänge. Sieben „Tiroler“ Orte des Durch- und Übergangs in zeithistorischer und volkskundlicher Sicht“ untersucht den Prozess der Begrenzung und Entgrenzung hinsichtlich kultureller, wirtschaftlicher, administrativer, rechtlicher und geografischer Aspekte. Ende Juni wurde das Projekt in Trient der Öffentlichkeit vorgestellt.
Dott. Andrea di Michele (Archivio Provinciale di Bolzano), Prof.ssa Emanuela Renzetti (Università di Trento) und Prof. Ingo Schneider bei der Projektpräsentation am 23. Juni in Trient
Bild: Dott. Andrea di Michele (Archivio Provinciale di Bolzano), Prof.ssa Emanuela Renzetti (Università di Trento) und Prof. Ingo Schneider bei der Projektpräsentation am 23. Juni in Trient

„Die Vorüberlegungen zu unserem Projekt reichen einige Jahre zurück“, erklärt Prof. Ingo Schneider, Leiter des Forschungsschwerpunkts „Schnittstelle Kultur“ an der Philosophisch-Historischen Fakultät. Am Beginn stand die Überlegung, für das wissenschaftliche Programm des 200-Jahr-Jubiläums des Tiroler Freiheitskampfes ein kleines Projekt über den Felbertauerntunnel, die „Lebensader Osttirols“, vorzuschlagen. Trotz kontroverser Debatten ob dessen Notwendigkeit, hatte sich dort bald gezeigt, dass der Tunnel nicht nur wirtschaftliche Vorteile für die BewohnerInnen auf beiden Seiten hatte, sondern auch eine menschliche Annäherung brachte (was sich in vielen kleinen Dingen, etwa auch in den Heiratsbeziehungen zeigt). „Ein Straßen- und Tunnelprojekt ist immer auch ein kulturelles Werk, das nach seiner Fertigstellung gewissermaßen ein Eigenleben führt und Entwicklungen auslösen kann, die eben auch für die Kulturwissenschaft Volkskunde/Europäische Ethnologie bedeutsam sind“, begründet Prof. Schneider die Relevanz der Forschung.

 

Über Grenzziehungen und Entgrenzung

„Ausgehend von diesem Fallbeispiel entstand sehr bald die Idee, unser Vorhaben zu erweitern und unseren Blick von einem Tunnel als einem Ort des Durchgangs und der Verbindungen auf verschiedene ausgewählte Grenz- und Durchgangsorte als Orte, an denen historisch gewachsene Verbindungen getrennt bzw. zumindest zeitweise erschwert wurden, dann aber, wie das durch den Beitritt Österreichs zum Schengenabkommen der Fall war, wieder erleichtert wurden,“ so Prof. Schneider. Das wissenschaftliche Interesse der ForscherInnen richtet sich dabei vor allem auf das Verhältnis von räumlichen Tatsachen und sozialem, kulturellem Leben. Im Mittelpunkt stehen Fragen nach dem Einfluss von politischer und wirtschaftlicher Grenzziehung bzw. Entgrenzung auf die Menschen, Orte sowie auf die Ausbildung von Identität(en).

 

Interdisziplinär und transnational - Forschung ohne Grenzen

Um zu einer „dichten“ Beschreibung und einem tieferen Verständnis der Kultur von Grenz-, Durch- und Übergangsorten zu gelangen, ist das Projekt sowohl interdisziplinär als auch transnational konzipiert. Die Untersuchungsgebiete umfassen Orte an Staatsgrenzen (Brenner, Reschen, Arnbach-Winnebach, Ala), Grenzen/Nicht-Grenzen/symbolische Grenzen (Salurn/Salorno) sowie Staats- oder Landesgrenzen umgehende Tunnelbauten (Felbertauern: Salzburg – Osttirol und Proveis: Südtirol – Trentino). An jedem Untersuchungsort bilden je ein Historiker und eine Volkskundler das forschende Kernteam. Beteiligt an dem Projekt sind WissenschaftlerInnen aus Österreich (Mitarbeiter und Studierende des Fachs Europäische Ethnologie der Universität Innsbruck) und Italien (Verein Storia e Regione, Archivio Provinciale di Bolzano, Università di Trento, Fondazione del Museo Storico in Trento). 2009 wird ein erster Band nur mit Beiträgen der Innsbrucker Ethnologen erscheinen, 2010 sollen dann die Gesamtergebnisse gemeinsam publiziert und präsentiert werden. Angedacht sind dabei zwei Bände, einer in deutscher der andere in italienischer Sprache.

(ck)

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