Jesper Juul: „Die letzten Gehorsamen sitzen hier!“

Wenn Vortragende es schaffen, ganze Hörsäle zu füllen, ja sie gar zum überquellen bringen, dann muss das Thema einfach interessieren. Und so war es auch als Jesper Juul, erfolgreicher Familientherapeut und gefeierter Buchautor, am Abend des 31. März vor sein Innsbrucker Publikum trat und diesem die Ansätze und Methoden einer neuen und revolutionären Lern- und Erziehungskultur darlegte.
Der Vortrag von Jesper Juul stieß auf reges Interesse
Bild: Der Vortrag von Jesper Juul stieß auf reges Interesse
Das Ende der traditionellen Erziehung?

Im Umgang mit Kindern spielen sich überall auf der Welt die gleichen Szenen ab: Ungehorsam und Disziplinlosigkeit, immer wiederkehrende Konflikte, zermürbende Machtkämpfe und destruktives Verhalten. All das stellt Eltern, Erzieher und Ausbildner tagtäglich vor neue pädagogische Herausforderungen, denen sie trotz Aufgebot all ihrer erzieherischen Kompetenz nicht selten machtlos gegenüber stehen. Was also läuft schief in der bisherigen Lern- und Erziehungskultur? Werden die Kinder immer schwieriger oder ist die traditionelle Erziehung mit ihrem Latein am Ende? Für den dänischen Familientherapeuten Jesper Juul liegen die Dinge einfach: „Alles was wir bisher über Entwicklungspsychologie gelernt haben ist falsch. Man kann es also ruhig vergessen!“ Und hinsichtlich des derzeit herrschenden „erzieherischen Neokonservatismus“, der mit immer härteren Regeln und Konsequenzen wirbt, sagt Juul ganz klar: „ Unsere Welt kann sich nicht rückwärts entwickeln. Die Sache mit dem Gehorsam funktioniert nicht mehr. Es ist vorbei.“ Und mit einem lächelnden Blick ins Publikum fügt er hinzu: „ Die letzten Gehorsamen sitzen hier!“

 

Kinder sind kompetent

Was wir brauchen sind also neue erzieherische Ansätze und ein Umdenken in der Beziehung zu Kindern. Denn auffälliges Verhalten von Kindern hat laut Juul vor allem eine Ursache: einen tief greifenden Beziehungskonflikt zwischen Erwachsenen und Heranwachsenden, der primär auf einer falschen Einschätzung des Kindes gründet. Kinder sind von Geburt an ebenso sozial und kompetent wie Erwachsene. Diese Kompetenz, die sich entsprechend ihrer kindlichen Reife äußert, muss ihnen nicht erst durch Erziehung angediehen werden. Jugendliche und Kinder wollen arbeiten, lernen und kooperieren, dies funktioniert aber nur, wenn sie in einer gleichberechtigten Beziehung zum Erwachsenen stehen, also als Subjekte und nicht  (wie von der traditionellen Erziehungslehre bisher) als Objekte angesehen werden.

 

Vom Gehorsam zur Verantwortung

Die traditionelle Erziehungslehre geht vom Konzept der Begrenzung aus, stellt Regeln auf und spricht dem Kind von vornherein jegliches selbstverantwortliches Handeln ab. Jesper Juul hat im Laufe seiner langjährigen Beratungsarbeit als Familientherapeut und Curriculum Manager von Family-lab International gezeigt, dass diese Methodik falsch ist und Kinder sehr wohl verantwortlich sein können. „Kinder leben nicht alleine, aber sie leben selbst“, sagt Jesper Juul. „Was sie natürlich nicht können“, so Juul weiter, „ist die Verantwortung für die Beziehungsqualität zu den Erwachsenen zu übernehmen. Das liegt in der Hand der Erwachsenen.“
Seine Ansätze, die das Kind als gleichwürdig, sozial kompetent und verantwortlich ansehen, hält Jesper Juul für den einzigen Weg, eine tragfähige Beziehung zum Kind herzustellen. Gehorsam habe damit nichts zu tun, Verantwortung jedoch sehr viel.

 

Ohne Beziehungsebene keine Sachebene

Das ILS (Institut für LehrerInnenbildung und Schulforschung) hat Jesper Juuls Vortrag in Zusammenarbeit mit dem Impulszentrum Cool für Cooperatives Offenes Lernen, Steyr organisiert. Die Aussagen des revolutionären Familientherapeuten stoßen hier auf großen Zuspruch. „Ohne Beziehungsebene gibt es keine Sachebene, wodurch der Beziehung zwischen Lehrenden und Lernenden natürlich eine essentielle Bedeutung zukommt“, so Anneliese Schluga vom ILS. Die Ansätze Juuls, die auf einer gleichberechtigten Beziehung zwischen Erwachsenem und Heranwachsendem gründen, werden in die LehrerInnenausbildung am ILS einbezogen: Bei den Lehrveranstaltungen stehe das Lernen, als eigenverantwortiches Tun im Mittelpunkt. Lehren sei dabei natürlich ein inhaltliches Thema - zentral sei aber, dass alle SchülerInnen selbst lernen und LehrerInnen sie dabei unterstützen müssen.

Text: Eva Griesser