Das Bild des siegreichen Alexanders des Großen

Am 13. Juni lud der Forschungsschwerpunkt „Schnittstelle Kultur“ an der Philosophisch-historischen Fakultät gemeinsam mit dem Institut für Alte Geschichte und Altorientalistik und dem Frankreichschwerpunkt zu einem Vortrag des renommierten französischen Althistorikers Pierre Briant.
Pierre Briant
Bild: Pierre Briant

Das Thema des Vortrags war  „L'image d'Alexandre victorieux et la vision de l'expansion européenne dans l'historiographie des XVIIIe et XIXe siècles“ / „Das Bild des siegreichen Alexanders und die Vision der europäischen Expansion in der Historiographie des 18. und 19. Jahrhunderts“.

 

Prof. Pierre Briant hat weltweit den einzigen Lehrstuhl für „Histoire et civilisation du monde achéménide et de l'empire d'Alexandre“ am Collège de France inne. Vor dem ahlreich erschienenem Publikum sprach er über die Rezeptionsgeschichte des siegreichen Alexanders des Großen im Kontext der europäischen Expansion im 18. und 19. Jahrhundert. Zu dieser Zeit ließen die Entwicklung des Indienhandels und das gemeinsame Interesse an See- und Landwegen, im Besonderen in England, Frankreich und Russland, die Eroberungen Alexanders des Großen als einen Präzedenzfall politischer und kommerzieller europäischer Expansion nach dem mittleren Osten, Zentralasien und Indien erscheinen.

 

Aus diesem Blickwinkel betrachtet, wurde die (angebliche) Dekadenz des antiken persischen Reiches häufig als Spiegel der (angenommenen) Dekadenz des Osmanischen Reiches angesehen: Beide Reiche wären nichts anderes als ein „Koloss auf tönernen Füßen“ gewesen. Um 1810 glaubte der deutsche Historiker Arnold Heeren dann auch, in den Siegen Alexanders gegen Dareios Vorzeichen des unausweichlichen Kollapses des Osmanischen Reiches erkennen zu können. In diesem Sinne galt Alexander als der erste Europäer, der antrat, Asien zu erobern. „Er hat begonnen was jetzt vollendet werden wird trotz aller Hindernisse, die Herrschaft Europas über Asien. Er hat zuerst die Europäer siegreich in den Orient geführt“, wie B.-G. Niebuhr in seinen „Vorträgen“ ausführt. Dieser Vergleich erlaubt verschiedene Schlussfolgerungen: über den Erfolg und die Ergebnisse der makedonischen Eroberungen, aber auch über deren Misserfolg, wenn man die Interessen der europäischen Zivilisation gegenüber dem Orient betrachtet.

 

Pierre Briants Vortrag stellte den Auftakt zu einem interdisziplinären Forschungsvorhaben innerhalb des Fakultätsschwerpunktes „Schnittstelle Kultur: Kulturelles Erbe – Kunst – Wissenschaft – Öffentlichkeit“ mit dem Arbeitstitel „Inszenierung von Sieg und Niederlage“ dar. In diesem Projekt wird von der These ausgegangen, dass die Art und Weise, wie ein Sieg bzw. eine Niederlage inszeniert werden und in welcher Weise er bzw. sie im kulturellen Gedächtnis verankert werden, Wesentliches über die dahinterliegenden kulturellen Phänomene aussagen. Dabei gilt es, die Inszenierung eines Sieges nicht nur als ein situationsgebundenes Verhaltensmuster, das als notwendige Konsequenz aus einem vorangegangenen Konflikt – sei es ein sportlicher Wettkampf, eine Krankheit oder ein Krieg – resultiert, zu erklären, sondern als einen Indikator für kulturelle, gesellschaftliche oder politische Entwicklungen oder Zustände zu verstehen.

 

Die MitarbeiterInnen des geplanten Projektes, das mittelfristig zu einem internationalen Kongress und langfristig zu einer Ausstellung zur Thematik im breiten öffentlichen Rahmen führen soll, kommen aus den unterschiedlichsten Fächern der Philosophisch-Historischen Fakultät (Alte Geschichte, Altorientalistik, Archäologien, Europäische Ethnologie, Geschichte, Kunstgeschichte). Das Forschungsvorhaben soll in Kooperation mit anderen Forschungsschwerpunkten der Universität Innsbruck durchgeführt werden.