Gefühle (anders) Denken

Wie werden Emotionen in den unterschiedlichen Wissenschaftsdisziplinen theoretisiert und welche Bedeutung wird der Kategorie Geschlecht darin beigemessen? Diese und viele daran anschließenden Fragen wurden auf der Tagung „Kritik der Gefühle. Feministische Positionen“ Ende März an der Universität Innsbruck diskutiert.
v.l.: Carola Meier-Seethaler (Bern) und Erika Thurner (Innsbruck).
Bild: v.l.: Carola Meier-Seethaler (Bern) und Erika Thurner (Innsbruck).

Die Tagung wurde von Mag. Agnes Neumayr in Kooperation mit dem interfakultären Forschungsschwerpunkt „Geschlechterforschung“ und der Fakultät für Politikwissenschaft und Soziologie veranstaltet.

 

Obwohl die Bedeutung von Emotionen und Gefühlen mittlerweile ein zentrales Thema in unterschiedlichen Wissenschaftsdisziplinen darstellt, geben sich die meisten Ansätze „geschlechterblind“ und widmen der Bedeutung der historischen, sozialen und politischen Konstruktion und Instrumentalisierung von Emotion als weiblich und Vernunft als männlich nur wenig Aufmerksamkeit. Dieser Leerstelle sollte in der international besetzten, sowie auch als Lehrveranstaltung angebotenen Tagung „Kritik der Gefühle“ thematisiert werden. Renommierte WissenschafterInnen aus den Politik-, Sozial-, Geistes-, und Wirtschaftswissenschaften versuchten aus unterschiedlichen, zum Teil auch inter- und transdisziplinären Perspektiven, das Verhältnis von Geschlecht und Emotion zu klären. Fragen nach der historischen Bedeutung, Veränderbarkeit und Diskursivität von Gefühlen, ihrer Konstruktion innerhalb eines staats- und demokratietheoretischen Rahmens ebenso wie nach der gegenwärtigen Rolle und dem strategischen Einsatz von Emotionen in aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen wurden diskutiert.  

 

So zeigte etwa die Politikwissenschafterin Erna Appelt in ihrem Vortrag „Diskurse um Affekt und Ratio in klassischen und gegenwärtigen Demokratietheorien“, welche geschlechtsspezifischen Subtexte den traditionsreichen Staatstheorien von Locke, Hobbes oder Rousseau zugrunde liegen und wie der moderne, vernunftbegabte  Staatsbürger als männlich gefasst und Frauen als den Kindern-gleich die Vernunft für politisches Handeln abgesprochen wurde.

 

An diese historischen Konstruktion der Vernunft als männlich und des Gefühls als weiblich setzten auch andere ReferentInnen der Tagung an: Barbara Sieben, Managementforscherin aus Berlin, zeigte in ihrem Vortrag „Emotion und Geschlecht als Managementthema“ wie in der Literatur zum Thema Frauen und Führung zwar das Interesse an Emotionalität und Geschlecht gestiegen sei, dabei aber gleichzeitig wiederum – auch durch die populärwissenschaftliche Interpretation naturwissenschaftlicher Forschungen zu weiblicher und männlicher Gehirnaktivität – eine Essentialisierung von Weiblichkeit stattfinde. Auch durch eine Positivierung angeblicher weiblicher Fertigkeiten wie z.B. „Frauen sind kooperativer, einfühlsamer, weniger wettbewerbsorientiert“ würden wiederum geschlechtliche Dichotomien fortgeschrieben und ungleiche arbeitsmarktpolitische und ökonomische Strukturen unangetastet bleiben.

 

Eine interessante transdisziplinäre Zusammenführung versuchte auch die Politikwissenschafterin und Organisatorin der Tagung, Agnes Neumayr, welche in ihrem Vortrag den „Natalitätsansatz“ von Hannah Arendt sowie die kunsttheoretisch-ästhetisch inspirierte Philosophie von Susanne Langer mit neuen naturwissenschaftlichen Erkenntnissen aus den Neurowissenschaften verband, um aus der Gleichzeitigkeit von kognitiven und emotiven Gehirnaktivitäten eine neue feministische Kritik an der Binarität von Ratio und Effekt abzuleiten.

 

Die PhilosophInnen Heiner Hastedt (Universität Rostock), Eva-Maria Engelen (Konstanz), Hilge Landweer (Berlin) und Ingrid Vendrell (Berlin) hingegen versuchten den Stellenwert der Emotionen für eine philosophische Erkenntnistheorie zu klären. Während Hastedt und Engelein aus einer dekonstruktivistisch und poststrukturalistisch inspirierten Herangehensweise stärker die Diskursivität und (u.a. kulturelle, sprachliche) Kontextualität von Gefühlen thematisierten, versuchten Landweer und Vendrell eine erkenntnistheoretische Unterscheidung zwischen „unechten“ und „echten“ Gefühlen zu treffen.

 

Weitere Referentinnen waren: aus den Geschichtswissenschaften Ellinor Forster und Christina Antenhofer (beide Universität Innsbruck), aus der Soziologie Helmut Kuzmics (Universität Graz und Helena Flam, Birgit Sauer (Wien) und Carola Meier-Seethaler (Bern) aus der Politikwissenschaft; Universität Gertraud Ladner aus der Theologie (Innsbruck).

 

Noch in diesem Jahr erscheint der Sammelband „Kritik der Gefühle“, Hg. Von Agnes Neumayr im Milena Verlag.

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