Industriekultur – Kulturlandschaft

Als Auftakt der Aktivitäten 2007 lud der Schwerpunkt der Philosophisch-Historischen Fakultät „Schnittstelle Kultur“ kürzlich zu einem Gastvortrag von Prof. Susanne Hauser. Die Kunst- und Kulturwissenschaftlerin – die als informelle Kooperationspartnerin für den SFB „HiMAT“ gewonnen werden konnte – präsentierte Thesen zur Gegenwart und Zukunft der postindustriellen Kulturlandschaft.
Prof. Susanne Hauser
Bild: Prof. Susanne Hauser

Mit „Industriekultur“ und „Kulturlandschaft“ sind zwei Begriffe angesprochen, die seit den 1990er-Jahren zu prominenten Schlagworten aufgestiegen sind und gegenwärtig vielfach mit gestalterischen sowie politischen Intentionen verknüpft werden. Dies ist namentlich dort der Fall, wo – nicht zweckfrei, sondern im Dienste ökonomischer und sozialer Entwicklungen – die „kulturelle“ Neudeutung und Nachbearbeitung von Arealen, Stätten und Relikten einstiger Industrieregionen angestrebt wird: So avanciert das einstige Bergbaurevier zur Destination des „Industriekulturtourismus“; das frühere Fabrikgelände erweist sich als Fundstück und Pflegefall von „Industriearchäologie“ und „Industriedenkmalschutz“; und das alte Arbeitsgerät wird ins Inventar technischer und anderer Museen überführt.

 

Industriekultur

 

Wie Susanne Hauser in ihrem Vortrag hervorhob, ist die gegenwärtige Brauchbarkeit der Begriffe „Industriekultur“ und „Kulturlandschaft“ nur erklärbar, wenn auf ihren tradierten Kern Bezug genommen wird: Dabei lohnt sich zunächst der Blick auf frühe, seit Anfang des 20. Jahrhunderts unternommene Versuche, „Industrie“ und „Kultur“ zusammen zu denken. Etwa zeitgleich mit Intentionen zur Ästhetisierung industrieller Produkte begannen die Förderer einer musealisierten Industrie an die Tür der „Hochkultur“ zu klopfen. Die damit verbundene defensiv-werbende Haltung hielt sich bis in die jüngere Vergangenheit. Erst im Laufe der 1990er-Jahre wurde ein erweiteter, nicht wertend aufgefasster Kulturbegriff – der die Gesamtheit menschlicher Hervorbringungen umfasst – mit der Industrie verknüpft.

 

Kulturlandschaft

 

Gleichwohl klingt in der Rede von „Industriekultur“ bis heute ein positiv-wertendes Moment an – dann nicht zuletzt, wenn sie mit derjenigen von „Kulturlandschaft“ verbunden wird: Dieses schon um 1800 angedachte Konzept wurde um 1990 aufgegriffen, um Landschaft im Sinne einer scheinbar interesselosen, harmonischen Korrespondenz von Mensch und Umwelt zu stilisieren und auf postindustrielle Situationen zu übertragen. Wenn von Kulturlandschaft die Rede sei, so Hauser, meine dies eine „Technologie des Blicks“, mit der prinzipiell jedes beliebige Stück Land sichtbar gemacht und ästhetisierenden, naturalisierenden Verfahren zugeführt werden könne.

 

Damit gehen Probleme einher, die durch Marketing- und Public-Relations-Arbeit allein nicht in den Griff zu bekommen sind: Indem eine Region für beliebige oder nicht einlösbare Interpretationen ihres Zustandes als „Kulturlandschaft“ anfällig gemacht wird, geraten ihre Bewohner in den Zwang zu immer neuen Aussagen über ihre eigene „Identität“. Durch solche Aussagen, die sich mit alltäglichen Praktiken und Wahrnehmungsweisen nicht immer vermitteln lassen, werden soziale Brüche und Konflikte vielfach beschönigt oder verdeckt.

 

Bergbau in kulturwissenschaftlicher Sicht

 

Hier mag sich die Notwendigkeit eines kulturwissenschaftlichen Ansatzes erweisen – wie er auch im Rahmen des Innsbrucker Sonderforschungsbereichs „HiMAT: The History of Mining Activities in the Tyrol“ erprobt werden soll: Ausgehend von Archivforschungen und qualitativen Interviews wird sich das vom Fach Europäische Ethnologie betreute Teilprojekt („Cultural Tendencies and Dominants in Modern Mining“) mit der Überführung des niedergegangenen Bergbaus ins „kulturelle Erbe“ befassen. Einer prominenten These der 1980er-Jahre entgegen braucht sich ein kulturwissenschaftlicher Zugang dabei nicht darauf verwiesen sehen, die Folgeschäden eines technisch-naturwissenschaftlich aufgefassten Fortschritts durch „identitätsstiftende“ Erzählungen zu kompensieren: „Kulturwissenschaften“, so Susanne Hauser, „erzeugen, wie andere Wissenschaften auch, Wissen über gesellschaftlich relevante Prozesse“ – ein Wissen allerdings, das sich „nicht umstandslos in das moderne Projekt einer zunehmend rationalisierten Gesellschaft einsortieren“ lasse.     

 

Die Vortragende

 

Susanne Hauser ist Professorin für Kunst- und Kulturwissenschaft im Studiengang Architektur der Universität der Künste in Berlin. Neuere Buchpublikationen: „Metamorphosen des Abfalls. Konzepte für alte Industrieareale“ (Frankfurt u.a. 2001); „Spielsituationen. Über das Entwerfen von Städten und Häusern“ (Köln 2003); „Ästhetik der Agglomeration” (Wuppertal 2005). Dem Zusammenhang von Industriekultur und Kulturlandschaft widmen sich u.a. Beiträge zu den Sammelbänden: Diethild Kornhardt u.a. (Hgg.): „Mögliche Räume. Stadt schafft Landschaft“ (Hamburg 2002); Hans-Christian von Herrmann u. Matthias Middell (Hgg.): „Orte der Kulturwissenschaft. Fünf Vorträge“ (Leipzig 1998).