Institut für Psychologie präsentiert Forschungsergebnisse zur Demokratie in Unternehmen

Das Forschungsprojekt ODEM - Organisationale Demokratie - Ressourcen für soziale, demokratieförderliche Handlungsbereitschaften, das circa 2,5 Jahre dauerte und vom Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur im Rahmen des Forschungsprogramms "New Orientations for Democracy in Europe" gefördert wurde, konnte kürzlich erfolgreich abgeschlossen werden.
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Bei dem Projekt, das von Prof. Dr. Wolfgang G. Weber geleitet und am Lehrstuhl für Angewandte Psychologie von Frau Mag. Christine Unterrainer und Frau Mag. Birgit E. Schmid unter Mitwirkung von Frau Prof. Dr. Anna N. Iwanowa durchgeführt wurde, handelt es ich um eine Kooperation des Instituts für Psychologie mit 37 Unternehmen aus Österreich, Deutschlland und Italien, der University of Haifa und dem Internationalen Institut für Genossenschaftsforschung im Alpenraum.  

Im Zentrum des Projekts ODEM stand die Frage, inwieweit die tertiäre Sozialisation, d. h. der berufliche Alltag, eine substanzielle Funktion für die Förderung demokratischen Bewusstseins erfüllen kann. Es wurde von der Kernhypothese ausgegangen, dass unterschiedliche Formen von organisationaler Demokratie (z. B. in sozialen Partnerschaftsunternehmen, Produktivgenossenschaften, demokratischen Reformunternehmen oder in selbstverwalteten beschäftigteneigenen Betrieben), geeignet sind, die Weiter-/Entwicklung demokratischer und sozial verantwortlicher Handlungsbereitschaften und Wertorientierungen bei den Beschäftigten zu fördern. Dabei sind mit hohen Ausprägungen des Partizipationsgrades (vom bloßen „Informiertwerden“ bis zur gleichberechtigten Mitentscheidung), mit der Reichweite der Partizipation (von arbeitsplatz-bezogenen über taktische bis zu unternehmensstrategischen Entscheidungen) sowie mit einer sozio-moralischen Atmosphäre auch hohe Ausprägungen demokratieförderlicher Handlungsbereitschaften zu erwarten. Die soziomoralische Atmosphäre setzt sich aus folgenden Merkmalen zusammen:

  • offener Umgang mit sozialen Konflikten
  • Wertschätzung für die Beschäftigten, auch untereinander
  • Gelegenheiten zur zwanglosen Kommunikation/Kooperation,
  • angemessene Zuweisung von Verantwortung.
Ablauf

Im Rahmen des Projektes untersuchten die Beteiligten am Institut für Psychologie 24 demokratische Unternehmen (mit unterschiedlichen Graden demokratischer Mitwirkung) und 13 hierarchisch organisierte Unternehmen in Österreich, Deutschland, Italien und Liechtenstein. Dabei kam ein Fragebogeninventar, das sich aus bewährten, adaptierten bzw. für das Projekt entwickelte Skalen zusammensetzt, bei 631 Arbeitenden zum Einsatz.  Die Kooperationspartnerin Prof. Michal Palgi führte mit 327 Teilnehmenden in sechs Betrieben (incl. Kibbuzunternehmen) in Haifa, Israel, Befragungen durch.

Ergebnisse bestätigten Ausgangsthese

Die Ergebnisse, die u. a. mittels Strukturgleichungsmodellen (SEM) berechnet wurden, sprechen überwiegend für die Ausgangsthese. J e stärker Beschäftigte berichten, an organisationalen Entscheidungen in ihrem Unternehmen teil zu haben, desto stärker weisen sie gemeinwesenbezogene Wertorientierungen auf. Diese umfassen: Soziale Verantwortungsbereitschaft, humanistisch-egalitäre Ethik, kosmo-/politisches Engagement sowie die Überzeugung, zur Schaffung einer gerechten Welt beitragen zu können. Weiterhin begünstigen demokratische Mitentscheidungsgelegenheiten besonders dann prosoziale Orientierungen (Hilfeverhalten, Höflichkeit, Perspektivenübernahme, Solidarität) auf Seite der Beschäftigten, wenn die demokratischen Entscheidungsstrukturen mit einer ausgeprägten sozio-moralischen Atmosphäre im Arbeitsumfeld sowie mit einem ausgeprägten organisationalen Commitment (Identifizierung mit dem Unternehmen) zusammentreffen. Die letzten beiden Variablen scheinen auch durch die Erfahrungen mit demokratischen Strukturen gefördert zu werden. Gemeinwesenorientierte Wertorientierungen treten besonders dann auf, wenn die Beschäftigten bereits eine prosoziale Orientierung entwickelt haben, die wiederum zu gewissem Anteil durch das Wirken einer sozio-moralischen Atmosphäre begünstigt wird.

Parallel dazu wurden zusätzlich in drei unterschiedlichen demokratischen Unternehmen problemzentrierte Intensivinterviews mit 12 RepräsentantInnen diverser Beschäftigtengruppen geführt und inhaltsanalytisch ausgewertet. Die Resultate dieser qualitativen Studie bestätigen die meisten der bereits in der Fragebogenstudie aufgefundenen Zusammenhänge. Im Rahmen des Querschnittsdesigns der Studie kann die sozialisatorische Wirkung einer demokratischen Unternehmensstruktur und sozio-moralischen Atmosphäre nicht stringent bewiesen werden. Jedoch machen es existierende Längsschnittstudien über Auswirkungen von Organisationsmerkmalen auf soziale Einstellungen und Verhaltensweisen sehr wahrscheinlich, dass es sich bei den aufgefundenen Zusammenhängen um Sozialisationseffekte handelt. Fazit: Unternehmen können durch demokratische Praktiken zum Erhalt und zur Verbesserung demokratischer Gesellschaftssysteme beitragen.