Weltweit schmelzen Gletscher verstärkt

Der Beitrag der weltweiten Gletscherschmelze zum Meeresspiegel­anstieg hat sich in den ersten Jahren des 21. Jahrhunderts gegenüber dem Messzeitraum 1960 – 1990 mehr als verdoppelt. Der Glaziologe Georg Kaser vom Institut für Geographie an der LFU Innsbruck koordinierte die alarmierende, inter­nationale Studie.
Muir Glacier in Alaska, August 1941 (li.) und August 2004, Foto: W.O. Field und Bruce F. Molnia
Bild: Muir Glacier in Alaska, August 1941 (li.) und August 2004, Foto: W.O. Field und Bruce F. Molnia

Da die Massenbilanz von Gletschern eine Reaktion auf klimatische Bedingungen ist, sind jährlich gemessene Massenbilanzen sichere Zeugen von Klimaänderungen. Werden die Daten auf alle Gletscher der Erde übertragen, ergibt das eine grundlegende Abschätzung eines der wichtigsten Beiträge zum gegenwärtig beobachteten Anstieg des Meersspiegels. In den letzten Monaten sind mehrere wesentliche Arbeiten über die Massenänderungen der beiden Eisschilde auf Grönland und in der Antarktis erschienen. Kürzlich ist in den Geophysical Research Letters der American Geophysical Union eine Arbeit erschienen, in der die globale Massenänderung der Gletscher und Eiskappen außerhalb der beiden Eisschilde während der vergangenen Jahrzehnte berechnet wurde.

 

Kooperation internationaler Experten

Diese Arbeit entstand in einer Kooperation von Wissenschaftlern der Trent University, Ontario, in Kanada, dem Institute of Arctic and Alpine Research in Boulder, USA, und der ETH Zürich und wurde von Georg Kaser vom Institut für Geographie und vom Forschungsschwerpunktschwerpunkt Klima und Kryosphäre an der LFU Innsbruck initiiert und koordiniert.

„Zu Beginn war einiges diplomatisches Geschick nötig, um die vier weltweit führenden Wissenschaftler auf diesem Gebiet zur Zusammenarbeit zu bewegen“ so Georg Kaser, „dann hat die Geschichte eine spannende Eigendynamik bekommen“. Während die Berichte über die Eisschilde immer noch sehr kontroversiell und mit großen Ungewissheiten behaftet sind, ist bei der Abschätzung der Gesamtmassenbilanz aller restlichen Gletscher und Eiskappen ein eindeutiger Konsens erzielt worden. Die einzelnen Forscher haben auf Basis der gemessenen Werte unabhängig voneinander und mit unterschiedlichsten Methoden eine Extrapolation auf die weiten ungemessenen Gebiete errechnet. Das Resultat der jetzt präsentierten Zusammenschau ist die am besten abgesicherte Abschätzung aller Einzelkomponenten, die zum beobachteten Anstieg des Meeresspiegels beitragen.

 

Ergebnisse:

Der Studie zufolge ist der Beitrag zum Anstieg des Meeresspiegels von 0.39 ± 0.19 mm pro Jahr zwischen 1961 und 1990 auf den Betrag von 0.98 ± 0.19 mm pro Jahr zwischen 2001 und 2004 angestiegen, das bedeutet also der Meeresspiegel ist in den letzten Jahren um mehr als das doppelte von dem Wert zwischen 1961 und 1990 angestiegen. Für die Zeitspanne 1991 bis 2004 ist der mittlere Betrag 0.77 ± 0.26 mm pro Jahr und macht damit in diesem Zeitraum rund ein Viertel des beobachteten Meeresspiegelanstiegs aus. Vorher war der Beitrag der Gletscher zum Meeresanstieg geringer, seit 2005 dürfte er jedoch vermutlich größer geworden sein.

Die stärksten Abschmelzbeträge wurden für Patagonien berechnet, wo die beiden Eiskappen und einige kleinere Gletscher von 1961 bis 2004 rund 36 m dünner geworden sind. Die Gletscher in Alaska mit rund 26 m, jene im NW der USA und im SW Kanadas mit rund 24 m und die Gletscher in den asiatischen Hochgebirgen mit 13 m folgen in der Rangliste. In diesen Gebieten waren die Klimaänderungen am stärksten. Multipliziert man diese Werte mit den jeweiligen Gletscherflächen, erhält man die einzelnen Beiträge zum Meeresspiegelanstieg. Dabei ändert sich die Reihenfolge. Die Abschmelzung der Gletscher in Alaska trägt am meisten zum Anstieg des Meeresspiegels bei, gefolgt von der Arktis und den asiatischen Hochgebirgen.

 

Der Aufsatz:

KASER, G. J.G. COGLEY, M.B. DYURGEROV, M.F. MEIER, A. OHMURA (2006): Mass balance of glaciers and ice caps: Consensus estimates for 1961–2004. Geophysical Research Letters, 33, L19501, doi:10.1029/2006GL027511.