Politische Kommunikation und die Macht der Kunst

Herrschergedröhn, disziplinierende Baukunst, lebende Bilder – kürzlich trafen sich WissenschafterInnen und Studierende des Schwerpunkts „Politische Kommunikation und die Macht der Kunst“ zu ihrem dritten transdisziplinären Workshop, um über Ausdrucksformen von Macht und Herrschaft und das Medium der Kunst zu diskutieren.
TeilnehmerInnen am Workshop.
Bild: TeilnehmerInnen am Workshop.

Wie fühlte sich ein mittelalterlicher Mensch, wenn er nach sechs bis sieben Stunden Fußmarsch in die nächste Stadt kam, sich durch ein Gewirr von Straßen und Gassen zwängte, um dann plötzlich vor einer übergroßen Kathedrale zu stehen? Wieso muss man zu wirklich „wichtigen“ Gebäuden eigentlich stets Treppen hinaufsteigen, während der Gutsherr in der Regel sein Haus auf einer Anhöhe stehen hat, von der aus er auf seinen Besitz und seine „Untertanen“ hinunterblickt? Wie kann man sich das „laute Gedröhn“ vorstellen, mit dem Herrscher einst ihre Macht durchsetzten – oder ist der auch der Mächtigste, der am meisten Lärm macht?

 

Diese Fragen standen im Zentrum des nunmehr dritten Workshops zum Thema „Politische Kommunikation und die Macht der Kunst“, der am Montag den 19. Juni an der LFU Innsbruck stattfand. Organisiert wurde der Workshop durch die Forschungsgruppe des gleichnamigen Schwerpunkts an der philosophisch-historischen Fakultät: MusikwissenschafterInnen, Historikerinnen, KunsthistorikerInnen, ArchäologInnen, PhilosophInnen und Gäste von der Fakultät für Politikwissenschaft und Soziologie sowie von der philologisch-kulturwissenschaftlichen Fakultät beteiligten sich an dem intensiven ganztägigen Arbeitsmeeting.

 

Ziel der Forschungsgruppe war es, bei diesem Workshop durch Experten von außen zusätzliches Know-how in den Schwerpunktsbildungsprozess einzubinden. Im Zentrum des Workshops standen deshalb diesmal zwei Gastreferenten, die sowohl durch ihre interdisziplinären Ansätze als auch durch ihre Beschäftigung mit den Ausdrucksformen und „Bildern“ von Macht und Herrschaft zentrale Aspekte des Schwerpunkts in ausgewiesenen Forschungen vertreten. Städte, Paläste, Straßen werden als politische Räume betrachtet, während am Beispiel spätmittelalterlicher Herrschaftsumzüge die frühmoderne „Eventkultur“ als regelrechte PR-Maschinerie der damaligen Herrscher „entlarvt“ wird.

 

Baukunst als Ausdruck von Macht und Herrschaft

Mit Bernd Roeck von der Universität Zürich (u.a. Fellow der British Academy und team leader in einem Programm der European Science Foundation) konnte eine der internationalen Koryphäen auf dem Gebiet als Gastreferent gewonnen werden. In seinem Vortrag behandelte er das Thema „Baukunst und Sozialdisziplinierung“: Roeck ging der Frage nach, wie Bauwerke und urbane Konzepte auf die Menschen wirkten und diese konditionierten. Dabei strich er heraus, dass es Konstanten wie Größe, Raumfolgen, (kostbares) Material, (erhöhte) Lage oder die Anordnung von Gebäuden gibt, die „disziplinierend“ und „konditionierend“ auf Menschen wirken. Daneben kommt es aber auch zu maßgeblichen Änderungen: War etwa im Humanismus noch die „gebogene Linie“ und damit die gekrümmte Straße als Ideal angesehen worden, so entwickelte sich im Absolutismus die Gerade und damit auch die „Schachbrettstadt“ mit schnurgeraden Boulevards zum Vorbild. Allein diese Anlage der Straßen drückt in sich bereits ein Herrschaftskonzept und eine Machtvorstellung aus.

 

Musik und „Lärm“ als Herrschaftsinstrumente

In die Welt der Musik, lebenden Bilder und Festinszenierungen führte der Vortrag des Musikwissenschafters Björn Tammen (derzeit Universität Wien, zuvor Universität Köln; unter anderem Preisträger der Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften). Tammen ging dabei spätmittelalterlichen Herrschaftseinzügen auf den Grund. Dabei strich er insbesondere die Rolle von Musik und Tanz bei solchen Festlichkeiten heraus. Auch wenn uns keine „akustischen“ Kostproben dieser Prunkveranstaltungen erhalten geblieben sind, vermitteln Darstellungen so genannter „lebender Bilder“ zumindest einen stummen Eindruck der musikalischen Darbietungen.

 

Lebende Bilder gehörten zu den großen Attraktionen der frühmodernen Zeit: Der heutige Medienkonsument kann sie sich in etwa als Vorformen der Computeranimationen oder Videoclips vorstellen, denn Beschreibungen weisen darauf hin, dass diese Bilder zum Teil in der Form frühmoderner „Automaten“ aufgeführt wurden, die sich auf wunderbare Weise wie von selbst bewegten. Daneben gab es aber auch Darstellungen durch „echte“ Personen, wie sie uns von modernen Festumzügen mit ihren „Themenwagen“ bekannt sind. Der akustische Eindruck konnte dabei von lieblichem Gesang bis zu „lautem Gedröhn“ reichen, denn der erfolgreiche Herrscher zeichnete sich nicht nur durch entsprechende musikalische Fertigkeiten aus, sondern vor allem dadurch, dass er durch seine Lautstärke Feinde und Untertanen regelrecht niederschmetterte.

 

Perspektiven des Schwerpunkts

In der Nachmittagssitzung diskutierten die beteiligten Forschenden des Schwerpunkts gemeinsam mit den Gastreferenten über Begriffe, Forschungsansätze und vor allem die Perspektiven des Schwerpunkts. Dabei wurden die in Obergurgl präsentierten Forschungsperspektiven kritisch beleuchtet und weiter differenziert. Beide Gastreferenten bescheinigten dem Schwerpunkt, dass er sich im Zentrum hochaktueller und zugleich brisanter Themen befinde. Sie betonten das Interesse der Forschungswelt am Innsbrucker Schwerpunkt, der mit dem ersten internationalen Graduiertenkolleg der Geisteswissenschaften in Österreich (Universitäten Innsbruck, Frankfurt, Bologna und Trient) bereits eine solide Verankerung besitzt. Gewünscht wurde eine zusätzliche Vernetzung mit anderen Universitäten im weiteren Entwicklungsverlauf des Schwerpunkts.

 

Der Workshop schloss mit einer Präsentation des projekt.service.büros der LFU Innsbruck zu den Fördermöglichkeiten über Drittmittel. Der Schwerpunkt sieht seine Aufgabe nachhaltig darin, dem wissenschaftlichen Nachwuchs eine geeignete Plattform zu bieten, wo junge Forschende durch inter- oder transdisziplinäre Zusammenarbeit und verstärkte Internationalisierung der Forschung einen optimalen Wissenspool und entsprechende institutionelle Rückbindung für innovative Forschung erhalten sollen. Deshalb wird die Serie der Workshops, zu denen international ausgewiesene GastreferentInnen aus den beteiligten Fachgebieten eingeladen werden, bereits im Herbst mit zwei weiteren Workshops fortgesetzt.