Textiles Bauen – die Zukunft der Architektur?

Zwei Tage lang stand das Institut für e[x]perimentelle Architektur.Hochbau ganz im Zeichen des textilen Bauens. Um den Architekten, Architekturstudierenden und Architekturinteressierten die Bandbreite der Möglichkeiten im Umgang mit Textilen und verwandten Materialien vom Kleid bis zur gespannten Membran vor Augen zu führen, organisierte das Institut die „Textiltage“.
v.l. Arch. Erich Gutmorgeth (Institut für e[x]perimentelle Architektur.Hochbau, LFU), Prof. A. Bürgen (Hochschule Niederrhein, Fa. Shape 3, Wuppertal, Dtl.), Prof. B. Putz-Piecko (Universität für angewandte Kunst, Wien) und Dipl.-Ing. Peter-Michael Schultes (TU Wien).
Bild: v.l. Arch. Erich Gutmorgeth (Institut für e[x]perimentelle Architektur.Hochbau, LFU), Prof. A. Bürgen (Hochschule Niederrhein, Fa. Shape 3, Wuppertal, Dtl.), Prof. B. Putz-Piecko (Universität für angewandte Kunst, Wien) und Dipl.-Ing. Peter-Michael Schultes (TU Wien).

Behandelt wurden die unterschiedlichsten Themen, das jeweilige Material betreffend, der derzeitige Stand der Technik, des Wissens, der Herstellung und Anwendungen sowie ein Ausblick in die Zukunft: „Wo geht die Reise hin?“. „Immer wieder führen wir Materialtage zu bestimmten Materialen durch. Wir wollen diese Themen von zwei Seiten her aufrollen – von der spielerischen und von der wissenschaftlichen. Die Betontage vor zwei Jahren näherten sich der Thematik eher von der wissenschaftlichen Seite“, erklärte Arch. Erich Gutmorgeth vom Institut für e[x]perimentelle Architektur.Hochbau: „Nun beschäftigen wir uns mit dem Material Textil vor allem auf eine spielerische Art und Weise.“

 

Prominentes Beispiel Allianz Arena

„Ein Textil ist nicht nur ein Material sondern eher ein System – eine Philosophie“, sinnierte Dipl.-Ing. Peter-Michael Schultes von der TU Wien, der die Moderation der Textiltage übernahm: „Textilien und Folien sind Sinnbild für Flexibilität und Mobilität, auch für geistige Mobilität“. Beispiele von textilem Bauen gäbe es schon genug. Schultes verweist hier vor allem auf die Allianz Arena in München und auf einen Wohnbau in Salzburg der Architekten Max Rieder und Wolfgang Tschapeller.

 

Die Vorteile, die Textilien und Folien mit sich bringen sind geringere Kosten und eine schnelle und problemlose Erneuerbarkeit. Außerdem gibt es bereits textile Dachbahnen, die polymere Solarbalken eingebaut haben und so Strom ins System einspeisen, am Markt. Auch die Haltbarkeit dieser Materialien ist verblüffend: Die Folien des Millenium Towers in London haben eine Haltbarkeitsgarantie von mindestens 30 Jahren. „Gebäudezyklen sind heute wesentlich kürzer als die Haltbarkeit von Materialien“, erklärte Schultes.

 

Textile Architektur – ein europäischer Exportartikel

„Das textile Bauen ist absolut die Technik der Zukunft, vor allem in Bezug auf Fassaden“, prognostizierte Schultes: „Das Wechselspiel zwischen Massiv- und Leichtbau ist ein sehr faszinierendes gestalterisches Element“. Diese Technik ist nicht nur auf große Arenen und Megabauwerke anwendbar, sondern der normale Gebrauch im Alltagsleben wurde während der Textiltage vermehrt ins Zentrum des Interesses gerückt. Vor allem bei der Bauweise der Niedrigenergiehäuser, „bei der sehr stark die Mitarbeit der Menschen gefordert ist, die in diesem Haus leben, kann mit Textilien sehr viel gemacht werden, sei es als Sonnenschutz, oder auch als Klimafaktoren“, erklärt Schultes das Prinzip textilen Bauens.

 

Forschung für die Zukunft

In Bezug auf die Frage der Stabilität verweist Schultes auf ein spezielles Programm aus Deutschland, das ein Finden von textilen Möglichkeiten und Formen rechnerisch mit der Stabilität und Nutzbarkeit verbindet: „Bisher war dieses Programm ‚Formfinder’ nicht öffentlich zugänglich und sehr teuer. Jedoch ab Sommer 2006 soll es öffentlich zugänglich gemacht werden“. Der Bereich des textilen Bauens befindet sich derzeit noch im experimentellen Stadium. Vor allem auch der Anspruch der Wärmedämmung an ein Baumaterial ist derzeit ein Thema, das vor allem die Forschung und die Wissenschaft beschäftigt.

 

Karriereleiter textiles Bauen

„Gerade deshalb kann die junge Generation auf diesem Gebiet sehr viel einbringen“, appelliert Schultes an die Architekturstudierenden: „Das textile Bauen ist eines der wenigen Sprungbretter im Bereich der Architektur“. Schultes verweist hier auf eine Milleniumsbefragung deutscher Architekturbüros, bei der nur zwei Prozent angaben, sich jemals mit textiler Architektur beschäftigt zu haben. „Jungarchitekten können sich in diesem Feld sehr früh profilieren und Karriere machen, da das Netzwerk noch klein ist“, motiviert Schultes.