SPEED: Spoken English in Early Dialects

Ferdinand de Saussure und Noam Chomsky, die beiden Gründerväter der modernen Linguistik des 20. Jahrhunderts, haben zu Recht den Systemcharakter von Sprachen hervorgehoben. Eine Folge dieses methodischen Postulats war aber, dass lange ein zu einseitiges Interesse an der schriftlichen Standardsprache der Gegenwart vorherrschte.
SPEED: Spoken English in Early Dialects
Bild: Das SPEED-Projektteam: Prof. Manfred Markus, Mag. Vera Stadelmann und Dr. Reinhard Heuberger (v.l.).

Seit den 1970er Jahren schlägt das Pendel wieder zurück. Das anglistische Projekt SPEED (Spoken English in Early Dialects), das kürzlich vom FWF im Rahmen des "Translational Research Programms" für drei Jahre bewilligt wurde (Projektleiter: Prof. Manfred Markus und Dr. Reinhard Heuberger), entspricht methodisch der neuen Forschungstendenz: es befasst sich mit dem vorwiegend mündlichen Sprachgebrauch in englischen Dialekten, und zwar unter sprachhistorischem Bezug auf das 18. und 19. Jahrhundert. Das Projekt stützt sich korpuslinguistisch auf eine digitalisierte Version des English Dialect Dictionary (EDD) von Joseph Wright (1896-1905).

 

Dieses 5000 Seiten starke Wörterbuch, so freuen sich die Antragsteller von der anglistischen Linguistik, Prof. Manfred Markus, Dr. Reinhard Heuberger und Mag. Vera Stadelmann, ist eine wahre Schatzgrube, deren Wert man bisher nicht recht erkannt hat. Dialekte spiegeln nicht nur den mündlichen, sondern auch den überkommenen Sprachgebrauch wider. Im 19. Jahrhundert galt dies noch mehr als heute, denn die allgemeine Schulpflicht, moderne Verkehrsmittel und die Medien haben den Dialekten inzwischen heftig zugesetzt. Wright selbst verdankte der Einführung der allgemeinen Schulpflicht in England (1871), dass er mit 15 doch noch lesen und schreiben lernte und auf dieser Grundlage später eine bemerkenswerte Karriere als Oxford-Professor machte. Vor allem aber erkannte er die Zeichen der Zeit: Die alten Dialektwörter, Wendungen und Aussprachen mussten aufgezeichnet werden, sollten sie nicht verloren gehen.

 

Bei der Aufzeichnung halfen hunderte von Mitarbeitern, und es wurden ebenso viele ältere Glossare ausgewertet. Wright orientierte sich am Oxford English Dictionary (OED), mit dessen Erstellung man um 1860 begonnen hatte, das aber den Dialektwortschatz weitgehend ausgeklammert hatte. Das OED ist inzwischen längst auf CD-ROM verfügbar, und der Zugriffsnutzen dieses Mediums ist kaum zu überschätzen. Wrights EDD verspricht eine vergleichbare Revolution in der Analyse des Dialektwortschatzes, übrigens unter Berücksichtigung der Sprachvarianten in den USA und den größeren englischen Kolonien des 19. Jahrhunderts (Kanada, Australien u.a.).

 

Das Projekt SPEED sieht neben den ehrenamtlichen Antragstellern fünf Mitarbeiter vor. Die Digitalisierung selbst wurde der Digitalisierungsabteilung der UB (Leitung: Dr. Günther Mühlberger) übertragen; die Vorarbeiten sind schon weit fortgeschritten. Dabei geht es nicht nur um eine bloße Maschinenlesbarkeit des Wörterbuches mit seinen sechs Bänden, sondern um die genaue Erfassung der z. T. sehr komplexen Struktur. Die geplante CD-ROM wird etwa wortfeldspezifische Suchbefehle erlauben, aber auch das Aufspüren von Typen der Metaphernbildung und – besonders wertvoll – die Erstellung regionalspezifischer Dialektwörterbücher. In diesem Bereich halten die Projektleiter eine kommerzielle Nutzung des Projekts – jenseits der frei zugänglichen Online-Version des elektronischen Wörterbuchs - für denkbar. Der Hauptzweck des digitalisierten Wörterbuchs liegt aber in dessen Verwendung für Diplomarbeiten, Dissertationen, Konferenzpräsentationen und Publikationen jedweder Art. Eine internationale Konferenz, die für 2009 in Innsbruck geplant ist, soll den zahlreichen Kooperationen der Antragsteller des Projekts mit KollegInnen zwischen Toronto und Wellington/NZ, und andererseits zwischen Anglistik und Informatik, Rechnung tragen.

 

Text: Prof. Manfred Markus und Dr. Reinhard Heuberger, Institut für Anglistik