Das Schiffswrack von Gnalić (Kroatien)

The Heritage of Serenissima – Das Erbe Venedigs nennt sich ein Forschungsvorhaben im Rahmen des Kultur 2000 Projektes der Europäischen Kommission. Anhand von Fallstudien untersuchen mehrere international besetzte Teams von Archäologen den Einfluss der Handelsmacht Venedig auf die Gebiete im Alpen-Adria Raum, insbesondere an der östlichen Adriaküste. Auch die LFU ist beteiligt.
Funde aus dem Schiffswrack von Gnalić
Bild: Funde aus dem Schiffswrack von Gnalić

Federführend sind drei Universitätsinstitute, das Dipartimento di scienze dell’antichità del Vicino Oriente – Sezione di Archeologia der Universität Ca’ Foscari Venedig, das Institute of Mediterranean Heritage der Universza na Primorskem Koper (Slowenien) und das Institut für Archäologien (vormals Ur- und Frühgeschichte sowie Mittelalter-  und Neuzeitarchäologie) der Universität Innsbruck. Erste Vorberichte über die bisher erzielten Forschungsergebnisse erschienen in den Jahren 2004 und 2005.

Das Schiffswrack vor der dalmatinischen Küste

Das Innsbrucker Universitätsinstitut ist mit drei Mittelalter- und Neuzeitarchäologen unter der wissenschaftlichen Leitung von Univ.-Prof. Dr. Harald Stadler an der Auswertung der Funde aus dem Schiffswrack von Gnalić beteiligt. Die kleine Felseninsel Gnalić ist der kroatischen Adriaküste bei Biograd na Moru nahe Zadar vorgelagert. 1967 entdeckten einheimische Fischer in unmittelbarer Nähe des Eilands in fast 30 m Tiefe die Überreste des besagten Schiffswracks. Im Zuge der daraufhin eingeleiteten Bergung entpuppte sich das Fundensemble als ein Venezianisches Handelsschiff, das Ende des 16. Jh. samt seiner Ladung einem Sturm zum Opfer fiel. Bis heute konnte nur ein Teil der Wrackteile und der Fracht geborgen werden. Die Funde gelangten in das städtische Museum des nahen Biograd na Moru, wo sie bis vor kurzem einer wissenschaftlichen Aufarbeitung harrten.

Das Fundmaterial

Dank der besonderen Erhaltungsbedingungen präsentieren sich die mitgeführten Rohstoffe, Halbfertig- und Fertigprodukte in einem ausgezeichneten Erhaltungszustand und erlauben einen Einblick in die Vielfalt einer renaissancezeitlichen Schiffsladung.  Das geborgene Warensortiment streut von Exportschlagern wie Sgraffitto-Keramik und Venezianischen Glasprodukten über Zinnbarren, Fässern mit Zinnoberrot und Buntmetalldraht bis hin zu Damaststoffen aus oberitalienischen Herstellerbetrieben, Messinglustern aus dem deutschen Lübeck, optischen Brillengläsern und Tausenden von Buntmetallschellen. Dazu gesellen sich die persönlichen Gegenstände der verunglückten Schiffsbesatzung. Die geborgenen Warenplomben geben günstigstenfalls Aufschluss über die Herkunftsorte, die Herstellerbetriebe und den Transportweg dieser Produkte. Die erste Vorlage des Fundmaterials erfolgte schon in den 70er Jahren des 20. Jhd., wobei die Bearbeitung von Glas im Vordergrund stand.

Die Auswertung

Vordergründiges Ziel einer ersten Auswertungskampagne vor Ort seitens der Innsbrucker Archäologen im Juli 2005 war die Sichtung und Dokumentation des Fundmaterials und eine Befund- und Fundanalyse anhand des handschriftlich verfassten Inventarbuches von 1967-1974, das dank der guten Zusammenarbeit mit den Museumsangestellten vor Ort transkribiert werden konnte. Die Objektdokumentation erfolgte mittels hochauflösender Scans und Detailfotographien. Schnitte und Profile der Funde wurden händisch angefertigt, die so erfassten Funde beschrieben und katalogisiert. Die Ergebnisse dieser ersten „Kontaktaufnahme“ mit den Fundmaterialien wurden von den ausführenden Wissenschaftlern Harald Stadler, Michael Schick und Christian Terzer im Rahmen einer viertägigen Expertentagung in Izola (Slowenien) und Venedig Anfang November 2005 vorgestellt.

Forschungsziel

Primäres Forschungsziel ist die vollständige Aufnahme und Auswertung der geborgenen Fundobjekte. Viele von ihnen befinden sich in einem ausgezeichneten Erhaltungszustand. Was bei herkömmlichen Ausgrabungen oft nur mehr bruchstückhaft zum Vorschein kommt, hat sich hier vollständig erhalten. Daraus lassen sich wertvolle Hinweise zur Typologie einzelner Objektgattungen gewinnen, die zukünftig bei der typologischen Auswertung vergleichbarer Funde als maßgebliche Vorlagen dienen werden. Daneben eignen sich derartig „jungfräuliche“, also ungebrauchte Objekte besonders gut für Material-, Herstellungs- und Verarbeitungsstudien, weshalb in dieser Hinsicht mit neuen Ergebnissen zur Arbeitsweise in Herstellerbetrieben zu rechnen sein wird. Besonderes Augenmerk verdienen dabei die Objekte aus organischen Materialien wie Lederbrillen, Damaststoffe, Leinenhemden. Dasselbe gilt im Übrigen für die Holz- und Spanverpackungen der mitgeführten Waren. Neben diesem Detailaspekt der Handelsgeschichte (In welchen Behältern transportierte man die Waren?) wird die Auswertung der Fundmaterialien den Kenntnisstand zu Handelswegen, Handelsbeziehungen und Handelsströmen im frühneuzeitlichen Europa mit besonderer Berücksichtigung des venezianischen Einflussgebietes maßgeblich erweitern.