Sensationsfund in der Universitätsbibliothek

Ein Sensationsfund in der Unibibliothek Innsbruck begeistert die Mittelalterhistoriker: In einem 700 Jahre alten Pergamentcodex wurden rund 200 Abschriften von Briefen und Mandaten des römisch-deutschen Kaisers Friedrich II., seines Sohnes Konrad IV. und anderer Persönlichkeiten des 13. Jahrhunderts entdeckt. Rund 130 der Dokumente des Codex waren der Forschung bisher noch nicht bekannt.
Das Monogramm König Konrads IV.
Bild: Das Monogramm König Konrads IV. Copyright: Stefan Dietrich

Die Sammlung stammt aus der Kartause Allerengelberg in Schnals in Südtirol und befindet sich seit dem 18. Jahrhundert im Besitz der Innsbrucker Universitätsbibliothek. Dass die einzigartigen Dokumente so lange unentdeckt in der Bibliothek schlummerten, liegt laut den Entdeckern u. a. am nichts sagenden bzw. irreführenden Titel im unscheinbaren, kleinformatigen Codex, der „Notule rhetoricales diverse“ („Verschiedene rhetorische Anmerkungen“) lautet.

 

Entdeckt und identifiziert wurden die Texte vom pensionierten Direktor der Universitätsbibliothek Hofrat Walter Neuhauser und dem Innsbrucker Mittelalterhistoriker Prof. Josef Riedmann. Das Auftauchen einer derartigen Menge hochwertiger neuer Quellen aus dem Mittelalters ist, wie die Finder betonen, extrem selten und ein ausgesprochener Glücksfall. Der Vergleich mit dem Ötzi-Fund drängt sich auf, auch wenn Josef Riedmann relativiert: „Unsere Fundstücke sind wahrscheinlich nicht ganz so öffentlichkeits- und werbewirksam wie der Mann aus dem Eis.“

 

Sensationelle historische Erkenntnisse

 

Dennoch steht laut Expertenmeinung außer Zweifel, dass der Innsbrucker Codex das bisherige Wissen über die späte Stauferzeit bedeutend erweitern wird. Das betrifft vor allem die kurze Regierungszeit Konrads IV. (gest. 1254), dessen Biographie auf Basis der neuen Erkenntnisse wohl neu geschrieben werden muss. Josef Riedmann: „Die Zahl der bekannten, von diesem Herrscher ausgestellten Schreiben wird durch die neuen Texte etwa verdreifacht. Die Dokumente zeigen, dass Konrad diplomatische Beziehungen mit dem Papst, dem byzantinischen Kaiser, den Königen von Ungarn, Frankreich, Kastilien, England und Navarra und zum Dogen von Venedig unterhielt. Die meisten Briefe und Mandate betreffen aber sein süditalienisches Erbkönigreich. Wie die Texte belegen, versuchte er dort mit starker Hand die Widerstände gegen seine Machtübernahme niederzuringen.“

 

Aber nicht alle Innsbrucker Dokumente haben einen hochpolitischen Inhalt. Sie zeigen auch, dass Konrad, ganz in der Tradition seines Vaters Friedrich II., mit seinen Beamten vor Ort über die Regelung von Alltagsproblemen seiner Untertanen, etwa Erbstreitigkeiten, korrespondierte. Auch mit Verwaltungs-Kleinkram hatte sich der Herrscher zu befassen. Josef Riedmann: „Die Kanzlei erließ beispielweise die schriftliche Erlaubnis, in einer Nebenstraße zwei Häuser eines Besitzers durch einen Bogen zu verbinden. Andere Schreiben genehmigten den Bau einer Mühle mit der dafür notwendigen Wasserzuleitung oder ordnen an, Brücken in gutem Zustand zu halten. Die Dokumente belegen auch wirtschaftspolitische Maßnahmen, z. B. den Ausbau der Hafenanlagen von Barletta und Salerno.“

 

Neben Texten Konrads IV. und Friedrichs II. finden sich im Innsbrucker Sammelcodex auch Schreiben mehrerer Päpste, des Königs von Jerusalem, ägyptischer Sultane und anderen Herrschern dieser Epoche.

 

Über die Gründe warum die Abschriften ins Südtiroler Kartäuserkloster Allerengelberg (gegründet um das Jahr 1327) gelangten, kann zurzeit nur spekuliert werden. Josef Riedmann hält es für möglich, dass die Texte als stilistische Schreibvorlagen für die Mönche dienten. Wahrscheinlich hatte der Kopist indirekt Zugriff auf Konzepte, die in der Kanzlei Friedrichs und Konrads aufbewahrt waren. In die Universitätsbibliothek Innsbruck kam die Handschrift nach der Aufhebung des Klosters im 18. Jahrhundert.