Ausstellung (Grenze) Brenner Pass wird auch in Bozen gezeigt

Vergangen Freitag fand die Finissage der Ausstellung (Grenze) Brenner Pass im Archiv für Baukunst der LFU statt. Nun soll die Ausstellung nach Bozen – über den Brenner wandern. Kernaussage der Ausstellung: „Der Brenner hat als kollektiver Gedächtnisort ein Recht auf einen würdigen Fortbestand - Nutzungsideen tragen zur Rekultivierung der Passlandschaft bei.“
v.l. Prof. Rainer Graefe (Institut für Architekturtheorie und Baugeschichte), HR Dr. Christoph Mader, (Vorstand der Abteilung Kultur, Land Tirol), , Wittfrida Mitterer (Südtiroler Kuratorium für technische Kulturgüter), Nationalratspräsident Dr. Andreas Khol, Walter Baumgartner (SVP), Prof. Michael Gehler (Institut für Zeitgeschichte der LFU).
Bild: v.l. Prof. Rainer Graefe (Institut für Architekturtheorie und Baugeschichte), HR Dr. Christoph Mader, (Vorstand der Abteilung Kultur, Land Tirol), Wittfrida Mitterer (Südtiroler Kuratorium für technische Kulturgüter), Nationalratspräsident Dr. Andreas Khol, Walter Baumgartner (SVP), Prof. Michael Gehler (Institut für Zeitgeschichte der LFU).

Wie sehr der Brenner als Gedächtnisort aber auch als Ort der kollektiven Erinnerung  in der Öffentlichkeit verankert ist, kam letzte Woche während der Ausstellungs-Finissage von (Grenze) Brenner Pass zum Ausdruck. Im vollbesetzten Saal im Adambräu in Innsbruck folgten BesucherInnen aus Süd-, Nordtirol und dem Raum Bayern der Rückblende und Vorschau von Nationalratspräsident Dr. Andreas Khol, der mit dem Brenner sehr persönliche Erfahrungen verbindet sowie den spannenden  Darstellungen des historischen und politischen Brenners von Michael Gehler, Professor für Zeitgeschichte an der LFU Innsbruck.

Einleitend ging Gehler auf die Vernetzung des „Dauerbrenners“ Brenner mit dem historischen Symbol für Tirol ein, um dann vertiefend mit pointierten wie unabhängigen Urteilen den Gedächtnis- und Erinnerungsort im Sinne Pierre Noras „lieux de mémoire“ scharf zu stellen. Den Gedächtnisort Brenner definierte Gehler als einen geographischen Raum, der semiotisiert wird. Dabei werde der Ort mit den für ein kollektives Gedächtnis wichtigen Symbolen aufgeladen, die positive oder negative Wertungen aufweisen. Die Italiener würden mit dem Brenner durchaus den Gewinn, den wirtschaftlichen Erfolg und die geografische Vernetzung assoziieren, während die deutschsprachige Bevölkerung Verlust, Abriegelung und Trennung empfinde. Gedächtnisorte sind nicht nur an einen Raum, einen Zeitabschnitt und einen eingegrenzten Personenkreis gebunden, sondern sie überschreiten diese und sind oft historische Verlängerung in die Zukunft. Gehler stellte auch Vergleiche an mit anderen Gedächtnisorten wie dem Siegesdenkmal in Bozen oder dem Bergisel Denkmal in Innsbruck.

Neuer Blickwinkel erarbeitet

„Die Ausstellung (Grenze)- Brenner Pass trägt zur Schaffung eines neuen offenen Bewusstseins für Stätten kollektiver Erinnerung bei, dem sich auch bisher nicht verbundene gesellschaftliche Gruppierungen zu nähern beginnen“, stellte Gehler fest. Kuratorium und Architekturarchiv haben mit der Dokumentation und Erfassung des architektonischen Kernensembles wesentlich dazu beigetragen, dass ein bislang unaufgearbeitetes Thema endlich aus einem neuen Blickwinkel betrachtet wird.

EU entzauberte Brenner

Für Nationalratspräsident Khol habe der Brenner nach wie vor fast traumatische Bedeutung. „In Gossensaß, wenige Kilometer vor dem Brenner erlebte ich in einem Bunker in der Nähe des Platzhofes das Kriegsende und die vorrückenden amerikanischen Panzer“, erzählt Khol. Nachdem der aus Südtirol ausgewiesene Vater 1946 schwarz über die Grenze gegangen war, wurden ein Jahr später die Schwester und er selbst von den Carabinieri den österreichischen Gendarmen im Niemandsland dem auf der anderen Seite wartenden Vater übergeben. Khol erinnerte sich auch an die später legendären Fahrten zum Brennermarkt: „Brennerpatschen“, „Cacciatori“, Riesenpfirsiche, Krawatten, Pullover, Doppelliter Rotwein, später das Visum nach den Ereignissen der 60-er Jahre. „Heute ist alles nur mehr Erinnerung – die Europäische Union hat den Brenner entzaubert, dem Brenner seine Bedeutung genommen, in einer neuen europäischen Landeseinheit, und das ist gut so“, brachte Khol den Ist-Zustand auf den Punkt.

Ausstellung wandert über den Brenner nach Süden

Die gut besuchte Ausstellung (Grenze) Brenner-Pass hat in Innsbruck jetzt ihre Tore geschlossen. Die Schau, die in ihrem  Ausstellungsparcours ausstrahlungsstark den Brenner an der Kaiserstrasse bis hin zum Wirtschaftseldorado in den Siebzigerjahren und dem Grenzrückbau nach Schengen beleuchtet, wird bereits Ende März in Bozen erneut Besucherpublikum anlocken. Dies kündigte während der Begrüßung zu Beginn der Finissage Rainer Graefe vom Institut für Baugeschichte und Denkmalpflege an. Mit der Veranstaltung, durch die Wittfrida Mitterer vom Südtiroler Kuratorium für technische Kulturgüter geführt hatte, wurde nochmals, auch anhand von historischem Filmmaterial aus dem römischen Filmarchiv „Istituto Luce“ und dem amerikanischen Kriegsarchiv von College Park eine thematische Vertiefung geboten.

Rekultivierung des Brenners

Nach dem besonders erfolgreichen Brenner-Kulturevent 2002 mit Anregungen zur Schaffung einer lebendigen Raststätte und dem Zeitzeugentreffen in der singulären weil grenzüberschreitenden Pfarre mit uralter Geschichte hat die Ausstellung (Grenze) Brenner Pass, eine Gemeinschaftsarbeit von Archiv für Baukunst der Uni Innsbruck und Kuratorium, weit über die Grenzen hinaus den Brenner ins rechte Licht gerückt. Das nach Schengen leer gewordene architektonische Kernensemble rund um den ehemaligen Schlagbaum muss mit neuen Funktionen belebt werden, Hand in Hand mit der Rekultivierung einer Passlandschaft, die sich Millionen von Reisenden eingeprägt hat.

Ziel ist es, technische Denkmäler und Zeitzeugnisse ins Bewusstsein zu rücken, die aus weitgehend in Vergessenheit geratenen Epochen wie Alt-Österreich oder aus politisch belasteten Regime-Zeiten wie des Faschismus stammen. Der Brenner stellt mit seinen Zeugnissen gelebter Alltagskultur – im Gedenken an die Grenze von 1918 und an das Europa der Grenzen – inzwischen ein Unikat dar. Am Brenner wurden die historisch markanten Bauwerke dieses Grenzensembles mittels Bauaufnahmen und fotografischen Bestandsaufnahmen für ein Bautenglossar in Zusammenarbeit mit der LFU Innsbruck, Institut für Baugeschichte und Denkmalpflege ausführlich wissenschaftlich dokumentiert.

Die gleichnamige Publikation soll dazu beitragen, am Brenner Alt und Neu zu integrieren, auf der Grundlage eines wohlüberlegten Konzepts. Die kreative Einbeziehung von typischen Bauten und Zeitzeugnissen der Grenze stößt inzwischen auch deshalb auf Zustimmung, weil sie der von der EU geförderten Neubelebung des Brenners ein unverwechselbares Markenzeichen verleihen würde.