Gibt es Leben im Vostok-See?

In der Antarktis liegt, rund 3.750 Meter unter dem Eis, der 14.000 Quadratkilometer große und rund 1.000 Meter tiefe Vostok-See. Entnommene Bohrkerne geben ForscherInnen Aufschluss über das Klima der letzten 420.000 Jahre. Ob es Leben in diesem See gibt, ist nach wie vor ungewiss.
Der Vostok-See in der Antarktis liegt rund 3.750 Meter tief unter dem Eis.
Bild: Der Vostok-See in der Antarktis liegt rund 3.750 Meter tief unter dem Eis.

Der 3.623 m lange Vostok-Eiskern hat viele Fragen über historische Klimaschwankungen beantwortet, gleichzeitig jedoch eine Reihe von Rätseln aufgegeben, die wahrscheinlich noch lange nicht gelöst werden können. Eines davon betrifft die Entstehung des Sees vor mehreren Millionen Jahren, ein anderes die Frage, ob es im Vostok-See Leben gibt, und wenn ja, welche Formen es angenommen hat und welchen Weg die Evolution gegangen ist. „Da Leben im Prinzip überall dort existieren kann, wo es flüssiges Wasser gibt, und da Mikroorganismen auch im angefrorenen Eis des Vostok-Sees gefunden wurden, können wir davon ausgehen, dass es auch im Vostok-See Leben gibt“, so Prof. Roland Psenner vom Institut für Zoologie und Limnologie der LFU im Rahmen eines Vortrages des Naturwissenschaftlich-Medizinischen Vereins am vergangenen Dienstag.

 

Rückschlüsse auf Evolution

 

Ein ungelöstes technisches Problem, an dem die Beantwortung dieser Fragen jedoch hängt, ist immer noch die Beprobung des Seewassers, da man bisher keine Möglichkeit kennt, Wasser ohne mögliche Kontamination des Sees zu entnehmen. Damit bleibt der Vostok-See im Zentrum der Untersuchungen und – notgedrungen – der Spekulationen über das Leben in Extremlebensräumen, er liefert aber gleichzeitig Anregungen für die Exploration außerirdischer Himmelskörper, die ähnliche Bedingungen aufweisen, wie z. B. niedrige Temperaturen und von mehreren Kilometern Eis bedeckte Ozeane oder Seen.

 

Jeder Meter eine „Klimafundgrube“

 

Bis in eine Tiefe von 3.310 Metern fanden ForschInnen „normales“ Gletschereis, das aus Schnee und Firn unter hohem Druck gebildet wurde und ungestörte Informationen über die Temperatur und die Zusammensetzung der Atmosphäre und der Niederschläge der letzten 420.000 Jahre enthält. Zwischen 3.310 und 3.539 Metern Tiefe wurden stark deformierte Gletschereisschichten gefunden, das darunter gelegene so genannte angefrorene Eis oder Wassereis enthält Staub und grobe Gesteinspartikel. In 3.623 Metern Tiefe, also etwa 130 Meter oberhalb der Wasserfläche des Vostok-Sees, der an dieser von 3.750 Meter dickem Eis bedeckt ist, wurde die Bohrung gestoppt; Wenn diese letzten Meter bis zur Wasseroberfläche durchbohrt würden, könnte theoretisch die erste flüssige Probe aus dem Vostok-See entnommen werden. Dass dieses Unterfangen aber bei weitem nicht so einfach ist, liegt nicht nur an der großen Eisdicke und den harten Bedingungen der Antarktis, sondern vor allem daran, dass bisher nicht klar ist, wie Wasser entnommen werden kann, ohne den See mit Bohrflüssigkeit zu kontaminieren.

 

Technische Rahmenbedingungen schwierig

 

„Der Vostok-See ist und bleibt ein Faszinosum für die Wissenschaft und für die Allgemeinheit. Nach allem, was wir über extreme Lebensformen unter Mikroorganismen und die Bedingungen im See wissen, können wir annehmen, dass Bakterien im Wasser des Vostok-Sees nicht nur überleben, sondern auch wachsen. Welche Gruppen das sind, welche Nahrungsquellen sie nutzen, an welchen Orten sie in größeren Dichten vorkommen und ob sie ein primitives Nahrungsnetz bilden, werden wir wohl erst dann erfahren, wenn wir eine unkontaminierte Wasserprobe aus dem See erhalten“, so Prof. Psenner. Da die Abundanzen etwa 3 Größenordnungen unter denen in Oberflächengewässern liegen und auch kleiner sein dürften als im darüber stehenden Gletschereis, ist eine absolut sterile Entnahmetechnik Voraussetzung für alle weiteren Untersuchungen. Prof. Psenner: „Sollte es gelingen, auch einen Sedimentkern zu entnehmen, würden wir Aufschlüsse über die antarktische Vergletscherung, die Entstehung und die Entwicklung des Vostok-Sees und die mögliche Evolution seiner Organismen erhalten.“