„Eine Wiedervereinigung Nord- und Südtirols löst das Minderheitenproblem nicht!“

Als erstes gemeinsames Projekt der drei Länderschwerpunkte der LFU Innsbruck und des Büros für Südtirolagenden untersuchte eine internationale Expertengruppe kürzlich das Spannungsverhältnis von Sprachminderheiten, Politik und Identität.
v.l.: Prof. Jean-Michel Eloy, Luigi Nicolussi Castellan, Prof. Günther Pallaver, Prof. Ernst Steinicke und Rektor Manfried Gantner
Bild: v.l.: Prof. Jean-Michel Eloy, Luigi Nicolussi Castellan, Prof. Günther Pallaver, Prof. Ernst Steinicke und Rektor Manfried Gantner

In einem fast bis auf den letzten Platz gefüllten ORF Tirol Kulturhaus eröffnete Rektor Manfried Gantner die Veranstaltung „Südirol, Trentino, Québec, Okzitanien und wer noch? Minderheiten, Politik, Identität“. Als Referenten konnten Prof. Jean-Michel Eloy (Professor für Linguistik an der Université de Picardie-Jules Verne, Amiens/Frankreich), Prof. Simon Langlois (Université Laval, Québec/Canada), Luigi Nicolussi Castellan (Bürgermeister von Lusérn/ Provinz Trient und Träger des Ehrenzeichens der LFU), Prof. Günther Pallaver (Institut für Politikwissenschaft, LFU) sowie als Moderator Prof. Ernst Steinicke (Institut für Geographie) gewonnen werden.

 

„Gemeinsames Ziel, nicht unterschiedliche Herkunft!“

 

„Die LFU pflegt aus tiefster Überzeugung heraus internationale Kontakte, sie bietet Studierenden, ForscherInnen und MitarbeiterInnen aus aller Herren Länder Ausbildungs- und Arbeitsplätze an, denn gute Forschung und Lehre können nur im Austausch mit anderen stattfinden“, so Rektor Gantner. „Dabei ist das gemeinsame Ziel bestimmend und nicht die unterschiedliche Herkunft. Hierfür zeugen etwa zahlreiche internationale Abkommen und Partnerschaften, wie etwa in Europa, Asien, den Vereinigten Staaten, beispielsweise New Orleans, und viele mehr. Universität leitet sich von „Universitas“ – „Gesamtheit“ ab und in diesem Sinne ist eine der primären Voraussetzungen, dass Menschen verschiedenster Herkunft, Religion, sozialer Funktion u.v.a. mehr, barrierefrei zusammenarbeiten, forschen, lernen, lehren und sich entwickeln. In diesem Sinne stellt die Universität ein neutrales Territorium dar, doch dieses darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass es trotz vieler Bemühungen auch Schwierigkeiten gibt. Dialog und Diskussion sind die besten Rezepte um tagtäglich an der Lösung von Problemen zu arbeiten.“

 

Minderheit – was ist das?

 

Bevor die eigentliche Diskussionsrunde begann, machte Prof. Steinicke auf Probleme der Ethnoterminologie aufmerksam, die ein allgemeines Verständnis über Minderheitenfragen – selbst innerhalb der EU – erschwert. Darauf hob er die gelungene regionale Auswahl der Minderheitengebiete hervor, welche von den Länderzentren der LFU vorgenommen wurde. So umfasste die Diskussionsrunde sowohl Vertreter aus ganz kleinen Gemeinschaften mit nur einigen 100 Angehörigen (Lusern) als auch Vertreter mittelgroßer und großer Gruppen, wie die Québecois, die etwa ein Viertel der 32 Mio. Kanadier bilden. Außerdem berührte man in der Diskussion Länder mit unterschiedlichen Definitionen von sprachlichen Minderheiten. Während Italien – wie die meisten europäischen Staaten - als sprachlichen Minderheiten nur die autochthonen Gruppen (minoranze linguistiche storiche) anerkennt, werden in Kanada auch den Zuwanderern der letzten Jahrzehnte Minderheitenrechte gewährt. Völlig konträr dagegen die Auffassung von Frankreich, das offiziell innerhalb seiner Staatsbürger keine sprachlichen Minderheiten kennt. Dementsprechend unterschiedlich gestaltet sich in den Beispielsgebieten auch der Schutz von Minderheiten bzw. ihr Erhalt.

 

Back to the roots

 

In den anschließenden Diskussionsrunden kam – trotz aller Heterogenität der einzelnen Minderheitengebiete – einheitlich die Meinung heraus, dass die Globalisierung – mit ihrer engen internationalen Verflechtung in wirtschaftlicher Hinsicht, bei den Migrationen oder auch in der Vereinheitlichung von Lebensstilen – nicht unbedingt zu einer Schwächung der Minderheiten bzw. der regionalen sprachlichen Gruppen führe. Gerade durch die Globalisierung werde in einer Art Gegenbewegung der Wert regionaler bzw. auch lokaler Kulturen erkannt, was wiederum eine besondere Rückbesinnung auf die ethno-linguistische Herkunft nach sich zieht. Dies gelte auch für die Sprachinseldeutschen von Lusern, wo in der Gegenwart der alte deutsche Dialekt von den Jungen neu entdeckt wird. Allerdings sei deren absolute Zahl bedingt durch Entvölkerung und Überalterung sehr bescheiden.

Die Frage, ob sich in Frankreich ein Umdenken abzeichnet und es evtl. zu einer Renaissance der Regionalsprachen, auch jene der okzitanischen Dialekte (Provenzalisch, Gaskognisch, Auvergnat usw.), komme, musste offen bleiben. Mag sein, dass die sprachpolitischen Ausnahmeregelungen, die man der Region Korsika gewährte, dafür einen Impuls erzeugen könnten. Freilich stehen die Probleme, die mit der autochthonen regionalen Sprachenvielfalt in Frankreich zusammenhängen, derzeit im Schatten der Integrationsproblematik kürzlich Zugewanderter.

 

Volksgruppenrechte sichern Einheit Kanadas

 

Ein Problem, das sich sowohl in Südtirol als auch in Québec stellt, gilt der rechtlichen Stellung der staatstragenden Mehrheit im Territorium der Minderheit. Wie Prof. Pallaver ausführte, sei in Südtirol die italienische Gruppe tatsächlich in einigen Bereichen – v.a. aufgrund des ethnischen Proporzes – benachteiligt. Dies wurde anhand des Beispiels „Top-Management“ eingehend diskutiert. Einschränkungen sprachlicher Art müsse auch die anglophone Bevölkerung in Québec hinnehmen. Prof. Langlois, der auch Direktor des office québecois de la langue française ist, erklärte in diesem Zusammenhang die Notwendigkeit der besonderen Pflege der französischen Sprache in Québec. Auf die Frage, ob es wieder einmal zu einem Referendum kommen könne, das die Abspaltung Québecs von Kanada verlangt, meinte er, dass es zwar im Moment dafür keinen Anlass gebe, doch sei dies bei einer Rücknahme von zugestandenen Volksgruppenrechten durchaus wieder eine Option.

 

Nord- und Südtirol: Grenzen beseitigen, nicht verschieben

 

Gegen Ende der Diskussion wurden auch Fragen zum Selbstbestimmungsrecht der Südtiroler bzw. konkret zur Rückkehr Südtirols zu Österreich gestellt. Prof. Pallaver antwortete, dass es im gegenwärtigen Europa nicht um Grenzveränderungen, sondern um Beseitigung von Grenzen gehen solle. In diesem Zusammenhang wurde auch angemerkt, dass selbst mit einer Rückkehr Südtirols das Minderheitenproblem nicht gelöst sei. Im Gegenteil, Österreich hätte dann neben der slowenischen, kroatischen, ungarischen, tschechischen, slowakischen, Roma- und Sinti- zusätzlich noch eine ladinische und italienische Minderheit.