„Der letzte Akt von religiös motiviertem Terrorismus war das Papst-Attentat 1981!“

Prof. Pino Arlacchi gilt weltweit als Experte in Sachen organisierte Kriminalität. Mittwoch Abend analysierte er auf Einladung des Italien-Zentrums der LFU den Zusammenhang von Globalisierung und Kriminalität.
v.l.: Vizerektor Tilmann Märk, Dr. Hansjörg Jäger (Wirtschaftskammer Tirol), Dr. Günter Unterleitner (Hypo Tirol Bank), Prof. Pino Arlacchi, Dr. Barbara Tasser (Italien-Zentrum), Rektor Manfried Gantner.
Bild: v.l.: Vizerektor Tilmann Märk, Dr. Hansjörg Jäger (Wirtschaftskammer Tirol), Dr. Günter Unterleitner (Hypo Tirol Bank), Prof. Pino Arlacchi, Dr. Barbara Tasser (Italien-Zentrum), Rektor Manfried Gantner.

Nicht nur als stellvertretender Generalsekretär der Vereinten Nationen, zuständig für Drogenkontrolle und Internationale Verbrechensbekämpfung, oder an der Seite des später ermordeten Richters Giovanni Falcone erlangte Arlacchi Einblick in die Strukturen und Machenschaften des internationalen organisierten Verbrechens.  „Internationale organisierte Kriminalität schafft sich illegale Märkte. Diese entstehen umso leichter, je mehr bestehende legale Märkte reglementiert werden“, so Prof. Arlacchi zu Beginn seiner Ausführungen. Erst wenn ein Gesetz bestimmte Transaktionen verbiete, könne dieses Gesetz gebrochen werden und sich ein illegaler Markt entwickeln. Dies geschehe nicht spontan, sondern entwickle sich langsam und nachhaltig. Enorme Gewinnspannen seien jene Kraft, mit denen sich diese Märkte vehement allen Versuchen, sie trockenzulegen, widersetzen, so Arlacchi.

 

„Klassische“ illegale Märkte stagnieren seit 15 Jahren

 

Vor allem die 1980er und die frühen 1990er Jahre seien das „Golden Age“ des illegalen Drogen- und Waffenhandels gewesen, so Prof. Arlacchi: „Hinsichtlich der Gewinnspannen, Preise, Käufer und Verkäufer stagnieren diese Märkte jedoch seit rund 15 Jahren zu Gunsten des Menschenhandels, der Geldwäsche, des Steuerbetrugs und der Umweltkriminalität.“ Auch wenn die „klassischen“ illegalen Märkte an Bedeutung verlieren, wachse in Summe die globalisierte organisierte Kriminalität. „Verlieren Sie aber nicht die Relationen aus den Augen“, mahnte Arlacchi anhand eines Beispiels. „Medien überschätzen die Macht und den Gewinn des organisierten Verbrechens im Regelfall um das 10 bis 20-fache. Unlängst titelte eine kalabresische Tageszeitung, der Jahresumsatz der lokalen Mafia liege bei 23 Mrd. US-Dollar. Ganz Kalabrien aber erwirtschaftete im Vergleichszeitraum ein BIP von 21 Mrd. US-Dollar. Wäre die Aussage der Zeitung korrekt, wer hätte dann noch Ambitionen, die Mafia zu bekämpfen, wenn sie erfolgreicher wirtschaftet als eine ganze Region? Und wo soll das ganze Mafia-Geld sein? Jeder in Kalabrien müsste Ferraris und Porsches vor seinen Villen stehen haben. Realiter ist diese Zahl auf etwa ein bis maximal zwei Mrd. US-Dollar zu revidieren“, stellt Arlacchi fest.

 

Organisierte Kriminalität von innen her aushöhlen

 

So wie die globalisierten legalen Märkte wachsen auch die globalisierten illegalen Märkte permanent. Um letzteren beizukommen, müsse deren immanente Schwäche ausgenützt werden, führte Prof. Arlacchi aus: „Moderner Kapitalismus baut neben der Infrastruktur vor allem auf dem Vertragswesen auf. Transaktionen auf illegalen Märkten können aber nicht vertraglich eingefordert werden. Vor welchem Gericht soll der Käufer Klage über die mangelnde Qualität von Drogen einbringen? Illegale Märkte können sich zwar globalisieren, aber keine allgemein gültigen Regeln erstellen und einklagen. Ehrencodizes oder Treffen der „Bosse“, wie in Mario Puzos „Der Pate“, können weder Verträge ersetzen noch Vertrauen herstellen. Auch mit Waffengewalt lassen sich Konflikte innerhalb der organisierten Kriminalität nicht dauerhaft lösen. Organisiertes Verbrechen wie die Mafia ist aus marktwirtschaftlicher Sicht, und darum geht es angesichts der horrenden Gewinnspannen, eine unzureichende Institution. Illegale Märkte sind somit limitiert, da es an Regulativmechanismen fehlt. Auf diese Schwäche der organisierten Kriminalität muss die Verbrechensbekämpfung setzen, um dauerhaft von Erfolg zu sein.“

 

„Today’s Counterterrorist Strategies have failed!“

 

Organisierte Kriminalität spiele laut Prof. Arlacchi eine immer größere Rolle bei inner- und zwischenstaatlichen Konflikten und Kriegen. „Was heute schnell als religiöser respektive islamistischer Terrorismus bezeichnet wird, hat per se nur zweitrangig tatsächlich etwas mit Religion zu tun. Im Regelfall steckt organisierte Kriminalität dahinter, die, um Macht und Einfluss zu erlangen, sich den Deckmantel der Religion umhängt und derart Menschenmassen für ihre Zwecke zu mobilisieren versucht. So wie Milosevic zum eigenen Machterhalt Bevölkerungsgruppen mit nationalistischen und religiösen Motiven gegeneinander ausspielte, so ging es auch Saddam Hussein um den eigenen Machterhalt und nicht um die Verteidigung des Islam gegen den Westen. Auch vertritt Osama Bin Laden vorrangig die kriminellen Interessen seiner Organisation, etwa den Drogenhandel, und nicht jene des Islam.“ Die Habsucht einiger weniger, aber bestens organisierter Krimineller sei der Kern solcher Konflikte. Die Strategien zur Bekämpfung des Terrorismus der meisten Staaten bauten laut Prof. Arlacchi aber nach wie vor auf den Thesen des „Clash of the religions and cultures“ auf. „Wir haben es bei solchen Annahmen jedoch mit aufgesetzten Stereotypen zu tun, die an der Realität vorbeizielen. Dem Terrorismus kann so jedenfalls nicht erfolgreich begegnet werden.“

 

Zur Person Pino Arlacchi:

 

Prof. Pino Arlacchi, geboren 1951 in Gioia Tauro (Kalabrien), war von 1982 bis 1994 an den Universitäten in Florenz, Kalabrien und New York tätig. Von 1984 bis 1986 war er als Berater des italienischen Anti-Mafia-Parlamentsausschusses tätig, 1989 wurde er Präsident der Internationalen Vereinigung für das Studium des organisierten Verbrechens. Anfang der 1990er Jahre schuf Arlacchi in seiner damaligen Eigenschaft als leitender Berater des italienischen Innenministeriums die „Direzione Investigative Antimafia“, jene italienische Polizeibehörde, die mit dem Kampf gegen das organisierte Verbrechen betraut wurde.

 

Prof. Arlacchi gehörte von 1995 bis 1996 dem italienischen Senat an und war von 1994 bis 1995 Mitglied der Abgeordnetenkammer. In dieser Zeit wurde er auch zum stellvertretenden Vorsitzenden der italienischen Parlamentskommission gegen das organisierte Verbrechen gewählt. 1994 erhielt er einen Ruf als Professor für Soziologie an die Universität Sassari.

 

Von 1997 bis 2001 war Prof. Arlacchi stellvertretender Generalsekretär der Vereinten Nationen, zuständig für Drogenkontrolle und internationale Verbrechensbekämpfung. Prof. Arlacchi arbeitete eng mit dem später ermordeten Richter Giovanni Falcone zusammen, der „pentito“ Tommaso Buscetta gab ihm Einblick in den Aufbau und das internationale Geflecht der Mafia. Heute beschäftigt sich Pino Arlacchi vor allem mit dem Problem der internationalen Geldwäsche.

 

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