Kultur und Unbehagen in der Psychoanalyse

Prof. Josef Aigners Vortrag zu „Kultur und Unbehagen in der Psychoanalyse“ bildete gestern den Auftakt zu einer Vortragsreihe, die die Gesellschaft für Psychoanalyse an der LFU Innsbruck in Zusammenarbeit mit dem Arbeitskreis „Wissenschaft und Verantwortlichkeit“ im Rahmen des Sigmund-Freud-Jahres organisiert.
Prof. Josef Aigner
Bild: Prof. Josef Aigner

Die Freud’sche Psychoanalyse – das zeigt sich ganz besonders auch im heurigen ‚Jubeljahr’ zu Freuds 150. Geburtstag – ist in der Öffentlichkeit in erster Linie als therapeutische Einflussform bekannt und teilweise geachtet. Interessanterweise war dieser Teil seines Werks für Freud selbst nicht der bedeutendste: dagegen ging es ihm hauptsächlich um die ‚Wahrheiten’, die er mit der Psychoanalyse über das Wesen der Menschen und ihre konfliktreiche Verflechtung mit der sie umgebenden Kultur ausfindig machen wollte. Auf dieser Suche stieß Freud auf sehr ‚unangenehme Wahrheiten’ über unsere Kultur, die wohl viel mehr Anlass zur Vernachlässigung und Ignoranz seines Werkes – auch besonders in seinem Heimatland – gegeben haben. Freud hält unserer Kultur den Spiegel vor, und es geht einer kritischen psychoanalytischen Forschung und Tradierung von Freuds Werk heute darum, das ‚Unbehagen in der Kultur’ auf seine Relevanz für heutige Verhältnisse hin zu befragen und unter Umständen neu zu schreiben.

 

Auf die konfliktreichen Verflechtungen zwischen ebendieser kritischen psychoanalytischen Forschung und Tradierung und der gegenwärtigen Hochschulkultur ging Prof. Aigner zu Beginn seines Vortrags ein: Die Psychoanalyse, zitierte er die Psychoanalytikerin Lilli Gast, sei immer noch nicht in der Hochschulkultur angekommen bzw. dort, wo sie angekommen ist, werde sie immer weniger geduldet und immer mehr an den Rand gedrängt. Und das, obwohl die Psychoanalyse mit ihrer Lernkultur des Fragens, des Reflektierens und des radikalen Infragestellens der Wirklichkeit (im Gegensatz zu deren bloßer Vermessung) viel stärker dem ursprünglichen universalen Bildungsideal der Universität entspreche.Ist denn ihr Begründer, sind die Erkenntnisse Sigmund Freuds heute noch aktuell? Immerhin wurde vergangenes Jahr bereits der hundertste Jahrestag seiner Kulturtheorie, und wird dieses Jahr bereits Freuds 150ster Geburtstag begangen – gemessen an der geringen Halbwertszeit vieler wissenschaftlicher Ergebnisse eine unglaublich lange Zeit. Und doch trennt uns, wie Aigner bemerkte, von Freuds späten, kulturtheoretischen Schriften, nicht einmal ein Menschenalter.

 

Eine dieser kulturtheoretischen Schriften, Freuds 1930 publizierter Essay „Das Unbehagen in der Kultur“, in dem er der Frage nach dem Verhältnis und Umgang des Menschen zu der ihn umgebenden Kultur nachgeht, bildete den Ausgangspunkt für Prof. Aigners Überlegungen zu Rolle und Bedeutung von Glück, Unglück und dem Gefühl der Aggression in unserer Kultur – einer Kultur, so die „Diagnose“, die eine Kultur der Vermeidung von Leiden und der Todesverdrängung sei; in der „Das Ende des Alterns“ proklamiert werde, in der das Fehlen von Trauerritualen Symptom einer Unfähigkeit zu trauern und Ursache eines chronifizierten Leidens sei.

 

Die entscheidende Kulturleistung, „der Triebverzicht“, das Akzeptieren der Einschränkung der eigenen persönlichen Freiheit, ist, um es mit Freud bzw. Dr. Aigner zu sagen, in unserer Welt der Fehlverteilung von Wohlstand, in der Überproduktion neben Hungerkatastrophen steht, „ungerecht verteilt“. Dem tiefen Skeptizismus Freuds, der – nicht zuletzt aus der Erfahrung der „Urkatastrophe“, des 1. Weltkrieges heraus – eine destruktive Grundanlage des Menschen annahm, diesem Skeptizismus wollte sich Aigner, auch in einer Zeit zunehmenden Wirtschaftsdrucks dann aber doch nicht gänzlich anschließen und schloss seinen Vortrag mit der Hoffnung, dass sich gleichzeitig neue Freiheiten für den Menschen erschließen werden, und dass gerade in dieser Zeit der Psychoanalyse und ihrem skeptischen Denken und Hinterfragen eine wichtige Funktion zukomme.

 

Die übrigen Vorträge aus der Reihe „Das Unbehagen in der Kultur“ finden am 11., 12., 18. und 19.10., jeweils um 19.30 Uhr im Madonnensaal der Theologischen Fakultät statt.