Die Hutterer - Vertriebene besuchten Heimat der Vorfahren

Am Höhepunkt der Verfolgung der "Wiedertäufer" in Tirol wurde am 25. Februar 1536 mit Jakob Hutter einer ihrer wichtigsten Exponenten vor dem Goldenen Dachl in Innsbruck auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Das "Verbrechen" der Wiedertäufer hatte vor allem darin bestanden, dass sie sich für die Erwachsenentaufe einsetzten. Auch ihre Entscheidung gegen Privatbesitz und für die Gütergemeinschaft machte sie für die katholische Obrigkeit (weltlich wie kirchlich) zur gefährlichen Gruppe.
Foto aus: Gabriella Nessi Parlato / Gianni Berengo Gardin, Die Hutterer, Tiroler in Amerika, Edition Raetia Bozen
Bild: Foto aus: Gabriella Nessi Parlato / Gianni Berengo Gardin, Die Hutterer, Tiroler in Amerika, Edition Raetia Bozen

Die nach ihrem Märtyrer benannte Glaubensgemeinschaft flüchtete nach Mähren. Weitere Stationen der Vertreibung waren die Slowakei, Siebenbürgen, die Ukraine, Südrussland und schließlich Nordamerika. Heute leben etwa 40.000 Hutterer in mehr als 400 Brudergemeinden in Kanada und (zum geringeren Teil) in den USA. Mit Arnold und Rhoda Hofer weilten kürzlich zwei Nachfahren von Tiroler Hutterern gemeinsam mit dem kanadischen Historiker Werner O. Packull zu Besuch in Innsbruck. Den Anlass dazu bot die Vorstellung der deutschen Ausgabe eines Buches von Packull über die Hutterer. Am Zustandekommen von Besuch und Übersetzung hatte das Innsbrucker Institut für Geschichte, insbesondere Prof. Heinz Noflatscher maßgeblichen Anteil, wobei der mehrtägige Aufenthalt der Gäste aus Kanada mit zahlreichen Begegnungen auch vom Institut für Historische Theologie und dem Zentrum für Kanadastudien mitorganisiert wurde. Prof. Noflatscher erzählt von einem seit Jahren bestehenden Austausch zwischen Wiedertäufer-Forschern aus USA, Kanada, Tschechien und Österreich. Seit den 70er-Jahren gebe es einen "Aufschwung der Reformationsgeschichte". Das Interesse an den Hutterern erstrecke sich weit über Historiker und Theologen hinaus, etwa auf Politologen, Philologen und Soziologen. "Beim Buch Packulls ist es meine Aufgabe gewesen, einen Verlag und eine Übersetzerin zu finden sowie die entsprechenden finanziellen Mittel dafür aufzutreiben. Am Institut für Geschichte ist das Thema Hutterer damit aber nicht abgeschlossen", erklärt Noflatscher, "derzeit entstehen eine weitere Dissertation und eine Diplomarbeit."

Arnold und Rhoda Hofer trafen während ihres Besuches in Innsbruck auch mit Landeshauptmann Wendelin Weingartner und Tiroler Bauern zusammen. Bemerkenswert ist, dass sich die Hutterer aufgrund der Abgeschiedenheit, in der ihre Gemeinden seit Jahrhunderten leben, einen alten Tiroler Dialekt, der gut verständlich ist, erhalten haben. Ihre Lebensweise ist bis heute an strengen religiösen Regeln orientiert. Die Gütergemeinschaft und die Ablehnung der Wehrpflicht sind ebenso wesentliche Elemente wie eine streng patriarchale Ordnung. Weil sie eine Gemeindegröße von 100 Menschen für ideal halten, werden Höfe bei Erreichen einer bestimmten Größe geteilt. In der Gemeinde der Hofers in Manitoba-Calgary laufen derzeit die Vorarbeiten zu einer Teilung, erzählt Hofer. Einige Meilen von der Colonie "River-Band" entfernt sei ein Grundstück erworben worden. Welche Familien schließlich die neue Gemeinde besiedeln werden, entscheide möglicherweise das Los. Haupterwerb der Hutterer ist die Landwirtschaft und die Zimmerei, beides unter Einsatz modernen Geräts. Die Besitzlosigkeit ist sehr weit gehend, abgesehen von minimalen privaten Geldbeträgen wird über jede Anschaffung von der gewählten Gemeindeobrigkeit entschieden.In den Hutterergemeinden ist eine von Frauen geführte Gemeinschaftsküche üblich, die Mahlzeiten werden gemeinsam eingenommen, wobei die Geschlechter an getrennten Tischen sitzen

"Die Hutterer in Tirol - Frühes Täufertum in der Schweiz, Tirol und Mähren"
von Werner O. Packull
Übersetzung Astrid von Schlachta
Universitätsverlag Wagner, 580 Schilling


Dies ist ein Beitrag aus der UNIZEITUNG März 2001. Die "UNIZEITUNG. Das Journal der Universität Innsbruck" erscheint viermal jährlich als Wochenendbeilage der Tiroler Tageszeitung. Unter public-relations@uibk.ac.at können Sie kostenlos ein Exemplar der aktuellen UNIZEITUNG bestellen.