Zeitvergehen: Real, aber nur lokal

Die Vergangenheit ist „fix“ und unabänderlich, die Zukunft aber „offen“ und beeinflussbar. Seit Einstein wissen wir aber, dass es keine eindeutig definierte Gegenwart als „Trennlinie“ zwischen Vergangenheit und Zukunft gibt. Den scheinbaren Widerspruch zwischen Alltagserleben und Relativitätstheorie will der Philosoph Daniel Saudek lösen.
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Bild: Wie vergeht Zeit? Mit dieser Frage beschäftigt sich Daniel Saudek. (Foto: Pixabay/nile)

„Time is an illusion. Lunchtime doubly so.“ Was Douglas Adams seinen Charakter Ford Prefect im „Hitchhiker’s Guide to the Galaxy“ so auf den Punkt bringen lässt, beschäftigt auch die Wissenschaft – und die ist sich bezüglich der Illusion alles andere als einig. Wie vergeht Zeit und warum vergeht sie überhaupt? Dass Zeit ganz ohne menschliches Zutun fließt und universell gleich ist, galt lange als erwiesen – bis Albert Einstein mit der speziellen Relativitätstheorie nachweisen konnte, dass Zeitmessungen zweier Beobachter, die mit unterschiedlicher Geschwindigkeit unterwegs sind, objektiv unterschiedliche Ergebnisse liefern. „Das schließt absolute Gleichzeitigkeit aus und heißt, dass wir keine absolut gültigen Zeitpunkte in der Geschichte des Universums postulieren können. Daraus ergeben sich zwei Fragen: Ist unsere Erfahrung, dass Zeit von einer fixen Vergangenheit in eine offene Zukunft fließt, eine bloße Illusion? Und, wenn die zeitgenössische Kosmologie von einem sich entwickelnden Universum spricht, das sich im Verlauf der Zeit ändert: Wie ist das möglich, wenn es so etwas wie ‚die Welt zu einem bestimmten Zeitpunkt’ gar nicht gibt?“, sagt Dr. Daniel Saudek vom Institut für Christliche Philosophie. Er beschäftigt sich mit der Zeit – und damit, die alltägliche Erfahrung einer gestuften Zeit und die Relativitätstheorie zumindest philosophisch zu vereinen.

Ein dritter Weg

In der aktuellen Diskussion gibt es zwei große Strömungen: „Vertreter des ‚Block-Universums’ schließen aus der Relativitätstheorie, dass das Zeitvergehen illusorisch ist – sie sehen sowohl Vergangenheit als auch Zukunft als fix an, für sie gibt es keinen Unterschied zwischen Vergangenem und Zukünftigem. Befürworter der sogenannten A-Theorie deuten hingegen die Zeit als eine Abfolge von ‚Momentaufnahmen’ des Universums, was jedoch zu einem Konflikt mit der Relativität der Gleichzeitigkeit führt“, erklärt Daniel Saudek. Der Philosoph arbeitet an einem dritten Weg – und greift dabei auf Aristoteles zurück: Der definierte Zeit als eine Zahl zur Messung von Veränderungen, die dadurch auftreten, dass Dinge – Gegenstände, Lebewesen – aufeinander einwirken. „Zeit ist für Aristoteles demnach etwas Lokales: Für eine Interaktion zwischen Gegenständen brauche ich nur eine lokale Umgebung, in der sie interagieren. Hingegen braucht es, anders als Kurt Gödel meinte, keine Abfolge von ‚Jetzt-Zuständen‘ des ganzen Universums, damit Zeit existieren kann. Aristoteles stellt damit eine, insbesondere seit Kant gängige, Zeit-Beschreibung auf den Kopf: Zeit wird dadurch gemacht, dass etwas passiert; es braucht für ihn nicht zuerst die Zeit, damit etwas passieren kann“, sagt Daniel Saudek. Dass Zeit vergeht, ist so keineswegs illusorisch – sie ist allerdings von lokalen Umständen abhängig. Zugleich ist die schon beobachtete Zeit fix, die lokale Vergangenheit damit unabänderlich, die lokale Zukunft allerdings offen für den Einfluss von Agenten.

Bedeutung für die Welt

Die Allgemeine Relativitätstheorie erlaubt, sogenannte kosmische Zeitfunktionen zu definieren, die es erlauben, Zeiten Zustände des Universums zuzuordnen. „Wir können so zum Beispiel vom Universum vor fünf Milliarden Jahren sprechen und seine Eigenschaften beschreiben. Allerdings können Begriffe wie Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft nur lokal definiert werden, sodass Vorstellungen wie die des ‚Universums jetzt’ aufgegeben werden müssen oder eben nur noch lokal definiert werden können. Das Universum jetzt kann in unserer näheren Umgebung beobachtet werden – dann ist es aber nur das ‚Universum jetzt’ von der Erde aus gesehen, nicht universell“, erklärt der Innsbrucker Philosoph seinen Zugang. Das Universum weder als unveränderlicher Block, seine Entwicklung auch nicht als stetige Abfolge von „Gegenwarten“: „Wir können uns das Universum als einen raumzeitlichen Block vorstellen, dessen Inhalt zum Teil von Entscheidungen von Agenten bestimmt wird, die ihre lokale Zukunft beeinflussen können“, sagt Daniel Saudek, der seine Überlegungen voraussichtlich nächstes Jahr in Buchform publizieren wird.