Vorgestellt: Im Bergbaudienst Ihrer Majestät

Elisabeth I. schickte im 16. Jahrhundert nach Bergknappen, Spezialisten aus Schwaz, um den englischen Kupferbergbau aufzubauen und zu betreiben. Erst seit kurzem sind Stefan Ehrenpreis entsprechende Quellen bekannt, die er nun im Rahmen seiner Professur am Institut für Geschichtswissenschaften und Europäische Ethnologie untersucht.
Vorgestellt: Stefan Ehrenpreis
Bild: Seit März 2014 lehrt und forscht Ehrenpreis an der Uni Innsbruck. (Bild: Pablo Mendivil)

„Nicht die Geschichte eines Landes und die Geschichte eines anderen Landes interessiert mich im Detail, sondern die Geschichte, die beide miteinander verbindet. Hier sprechen wir von der sogenannten Beziehungsgeschichte“, erklärt Ehrenpreis seine wissenschaftlichen Forschungsinteressen, die er seit März 2014 an der Universität Innsbruck verfolgt. Als seinen thematischen Schwerpunkt definiert der Geschichtswissenschaftler die europäische Geschichte zwischen dem 16. und 18. Jahrhundert, die Zeit von Columbus bis zur Französischen Revolution. „Dieser Zeitraum ist in der Geschichtswissenschaft eine Brückenzone. Sie bildet die Verbindung zwischen dem Mittelalter und der neuesten Geschichte des 20. Jahrhunderts“, präzisiert der Historiker, der betont, dass sein Fokus auf geographischen Beziehungsgeschichten liegt. Eine weitere thematische Eingrenzung bilden aktuelle Forschungen rund um die Beziehungen zwischen Mitteleuropa und Westeuropa mit dem Schwerpunkt auf Großbritannien. Ehrenpreis versucht festzustellen, ob und wie ein Austausch zwischen den beiden Räumen stattfand und untersucht diesen im Hinblick auf unterschiedliche Perspektiven: „Besonders interessieren mich kulturelle, politische und religiöse Fragen sowie deren Verhältnis zueinander.“ Einhergehend mit der historischen Betrachtung dieser Beziehungsgeschichten geht der Wissenschaftler auch der Frage nach der Rezeption wichtiger Ideen und politischer Praktiken sowie den Austausch über Texte nach. „Bei einem Austausch geht es immer um Menschen, die zwischen den Räumen hin und her wechseln. Mit ihnen wechseln natürlich auch ihre Vorstellungen, Sprachen und Kulturen. Interessant dabei ist zu untersuchen, wie diese in einem anderen gesellschaftlichen Kontext aufgenommen wurden“, erläutert Ehrenpreis das komplexe Feld der Beziehungsgeschichten. Der Geschichtswissenschaftler betont, welche zentrale Rolle Tirol in diesem komplexen Feld der Beziehungsgeschichten im europäischen Raum im 16. und 17. Jahrhundert gespielt hat.

Tiroler Bergbau-Spezialisten in England

„Vor kurzem sind wir auf Quellen gestoßen, die die ökonomische Verbindungen im späten 16. Jahrhundert zwischen dem Tiroler Bergbau und England belegen“, freut sich der Historiker über einen besonderen Fund. Diese Quellen berichten über den Export Tiroler Bergbautechnologie nach England zwischen 1560 und 1603, der Zeit von Königin Elisabeth I. „Den Kupferbergbau im Norden Englands, im Lake District, aufzubauen, war das Vorhaben der Queen. Dabei beauftragte sie die ursprünglich in Augsburg beheimatete deutsche Kaufleutefamilie Höchstetter, die sich gleichzeitig auch im Tiroler Bergbau, vor allem in Schwaz, engagierte“, erläutert Ehrenpreis. Der jüngste Sohn der Familie, Daniel Höchstetter, wird zu einer zentralen Figur in den historischen Quellen, da er selbst als Chef einer Art Filiale des Familienunternehmens nach England ging, um dort den ersten englischen Kupferbergbau aufzubauen. Damit verbunden waren auch alle weiteren Vorgänge zur Bearbeitung des Kupfers, um mit dem wertvollen Rohstoff beispielsweise Kanonen zu gießen oder Pfannen herzustellen. „Das war tatsächlich der Beginn der englischen Kupferproduktion. Um dies zu bewerkstelligen, brauchte er natürlich Spezialisten für den Bergbau, aber auch Spezialisten, wir würden heute Chemiker sagen, die die Schmelzvorgänge überwachten und entwickelten. Diese Spezialisten hat er hier in Tirol gehabt“, führt der Geschichtswissenschaftler aus. Es sei sehr wahrscheinlich, dass eine große Zahl an Tiroler, vor allem Schwazer, Bergknappen nach Coniston im Norden Englands zogen. Ehrenpreis freut sich über das Bestehen von etwa einem Dutzend Grabsteinen in einer dortigen Kirche, auf denen die Namen von Tirolern zu finden sind. Der Historiker betont auch, dass Tiroler nicht nur deswegen nach England gezogen seien: „Es ist sehr wahrscheinlich, dass einige Tiroler auch in den Dienst der englischen East India Company eingetreten sind, und dann im Dienst dieser global agierenden Handelskompanie in den Raum des heutigen Indischen Ozean gefahren sind.“ So erhoffen sich Ehrenpreis und sein Team in einem größeren Kontext die Frage nach Migration von Tirolern in der frühen Neuzeit beantworten zu können.

Weggehen und Zurückkommen

Die Fragen, wie Elisabeth die I. auf diese in Schwaz und Tirol lebenden Spezialisten aufmerksam geworden sei, beantwortet Ehrenpreis so: „Das ist immer die Schwierigkeit in der frühen Neuzeit, wo es noch kein Telefon, Fax oder Internet gab – dort war es immer eine Frage von persönlichen Beziehungen und die müssen wir leider sehr mühsam erst aus den Quellen herausfinden.“ Daniel Höchstetter sei für die Recherchen die zentrale Figur, die die Beziehungen über seine Familie mit dem Englischen Hof hergestellt hat und so von der Regierung Elisabeths I. angesprochen wurde. Ehrenpreis ist es aber wichtig zu betonen, dass es in der Geschichte nicht nur um solche zentralen Figuren gehe, sondern besonders auch um die normalen Bergknappen aus Schwaz: „Man muss sich vorstellen, dass hier Menschen, die ihr ganzes Leben in Tirol verbracht haben, eine für die frühe Neuzeit sehr gefährliche Schiffsreise unternahmen. Als Söhne von Tiroler Bauern, die eine Ausbildung für den Bergbau absolviert haben, waren diese Erfahrungen der Fremdheit, die sie dann wieder mit zurück in die Heimat genommen haben, besonders bedeutend.“ Laut Ehrenpreis haben sich einige der Bergknappen in England niedergelassen und geheiratet, was aus den gefundenen Grabinschriften in Coniston hervorgehe. Einige seien aber sehr wahrscheinlich wieder nach Tirol zurückgekehrt und mit ihnen auch neue Ideen, kulturelle und politische Ansichten sowie religiöse Anschauungen. „Diese veränderten Sichtweisen wurden nicht überall friedlich diskutiert. Die Kommunikation fand damals, wie auch heute noch vielerorts, in Wirtshäusern statt und dabei kam es immer wieder zu nicht ganz freundlichen Auseinandersetzungen, die in einem Prozess vor Gericht endeten. Die dabei überlieferten Gerichtsakten sind für uns wertvolle Quellen“, verdeutlicht der Historiker.

Ein historisches Durchgangsland

Einen Vorteil für einen multikulturellen Austausch und interkulturelle Beziehungen hat Tirol allein schon durch seine zentrale Lage in Europa. „Tirol ist schon in den älteren Epochen traditionell ein Durchgangsland“, erläutert Ehrenpreis, der auch darauf hinweist, dass spezialisiertes Wissen in Tirol weit über eine regionale Bedeutung hinaus wichtig war und ist. „Tirol, mit der Konzentration auf Schwaz und Hall, war ein europäisches Wirtschaftszentrum, das eine spezialisierte Berufsgruppe hervorgebracht hat, die es so sonst kaum gab“, so der Geschichtswissenschaftler. Zum einen eine Wirtschaftsspezialisierung und zum anderen die Position als Durchgangsland, machen Tirol für jede Art von wirtschaftlichen, kulturellen und künstlerischen Beziehungen interessant und in der europäischen Geschichte zu etwas Besonderem. „Diese beiden Elemente gehen im 19. Jahrhundert verloren, denn der Bergbau endet im Wesentlichen im späten 18. Jahrhundert“, führt der Historiker aus. Nach einer langen Zwischenphase beginnt im Zuge der Industrialisierung eine neue Ära, die zwar nicht mehr an die alte Blütezeit anschließen kann, dafür aber Grundlage für gänzlich neue Entwicklungen ist. Der Tourismus wird zur bestimmenden Form des interkulturellen Austausches in Tirol: „Wenn man so will, dann ist diese Bewegung vergleichbar mit dem, was man im 16. und 17. Jahrhundert schon mal hatte. Genau deswegen ist es aus heutiger Sicht so interessant und wichtig daran zu erinnern, dass es in den älteren Epochen Tirols schon einmal eine ähnliche Bewegung gegeben hat.“ Ehrenpreis weist darauf hin, dass gerade in Zeiten der politischen Diskussionen rund um das Thema Migration, solche Dimensionen der historischen Erinnerungskultur immer wichtiger werden. Für seine Forschungen in Innsbruck hat sich der Geschichtswissenschaftler viel vorgenommen: „Die Vernetzungen, die wir historisch für Europa sehen, versuchen wir auch heute wissenschaftspolitisch in europäischen Kontexten zu verwirklichen“, begeistert sich Ehrenpreis, der davon spricht, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus der ganzen Welt bei Tagungen und Kongressen zu vereinen und so Netzwerke aufzubauen und zu pflegen. „In einem so interdisziplinären Umfeld zu forschen macht mir besonders viel Spaß und ist auch wichtig für den universitären Kontext. Das gefällt mir hier in Innsbruck besonders gut.“

Zur Person

Stefan Ehrenpreis, geboren in Köln, studierte Geschichte, Sozialwissenschaften und Pädagogik an den Universitäten Bochum und Wien und promovierte – gefördert von der Gerda Henkel-Stiftung - 1998 an der Ruhr-Universität Bochum. Nach einer Tätigkeit als wissenschaftlicher Mitarbeiter in einem Forschungsprojekt an der Ludwig-Maximilians-Universität in München wechselte er am 1.4. 1998 an die Humboldt-Universität zu Berlin, wo er bis 2006 als Universitätsassistent am Lehrstuhl für Geschichte der Frühen Neuzeit arbeitete. Hier wurde er 2007 für Neuere und Neueste Geschichte habilitiert. Es folgten Lehrstuhlvertretungen in Bielefeld, Innsbruck und Fribourg sowie ein Lehrauftrag an der Universität Passau. Von 2008 bis 2011 vertrat er die Professur für Geschichte der Frühen Neuzeit am Historischen Seminar der Ludwig-Maximilians-Universität in München.