Vorgestellt: Energiewenden im historischen Fokus

Die Forschungsinteressen von Patrick Kupper liegen in der transnationalen Wirtschafts-, Sozial- und Umweltgeschichte der europäischen Moderne. Dabei beschäftigt ihn unter anderem die historische Analyse von Energiewenden. Der Wissenschaftler ist seit August 2014 am Institut für Geschichtswissenschaften und Europäische Ethnologie beschäftigt.
Patrick Kupper
Bild: Patrick Kupper ist seit August 2014 Professor am Institut für Geschichtswissenschaften und Europäische Ethnologie beschäftigt. (Bild: Kupper)

„In meinen Forschungsprojekten beschäftige ich mich nicht nur mit sozialen und wirtschaftlichen Fragestellungen, sondern ich interessiere mich insbesondere auch für die Wechselbeziehungen zwischen Mensch und Natur, oder eben zwischen Gesellschaft und Umwelt“, präzisiert Patrick Kupper seinen Schwerpunkt in der Forschung, bei dem für ihn vor allem die reziproken Beziehungen besonders wichtig sind. Mit der aufkommenden Diskussion über die Umwelt, deren Zerstörung und die Endlichkeit natürlicher Ressourcen entstand auch die Umweltgeschichte, welche den Wandel der Beziehungen zwischen Menschen und dem Rest der Natur thematisiert, denn, so Kupper, der Mensch sei ja selbst zugleich Teil der Natur. „Ich bin der Meinung, dass diese umwelthistorische Herangehensweise die hergebrachte Wirtschafts- und Sozialgeschichte bestens ergänzt und zugleich erneuert. Die drei Eckpunkte Wirtschaft, Ökologie und Soziales sollten nicht voneinander getrennt untersucht werden“, so Kupper. Damit meint der Wissenschaftler, dass eine umfassende Analyse wirtschaftlicher Gesichtspunkte auch die Berücksichtigung sozialer und ökologischer Gesichtspunkte erfordert. Gleichzeitig können bei der Untersuchung ökologischer oder sozialer Fragen die wirtschaftlichen Dimensionen nicht außer Acht gelassen werden. So ergibt sich eine Dreiecksbeziehung, die Kupper als analytischer Rahmen geeignet erscheint.

Energieregime prägen die Zeit

„In Innsbruck habe ich ein Projekt begonnen, das mir sehr am Herzen liegt. Hier beschäftige ich mich mit der Energiegeschichte, genauer mit historischen Energiewenden“, erläutert der Wissenschaftler. Der Begriff der Energiewende kommt aus der gegenwärtigen Diskussion über Energie, Ressourcen, Nachhaltigkeit und erneuerbare Energiequellen. Kupper wird in einem Projekt versuchen, bereits stattgefundene Energiewenden zu historisieren und genauer zu schauen, was es bedeuten könnte, wenn heute von einer Energiewende gesprochen wird: „Wird es reichen, Energieträger oder Technologien auszutauschen und vermehrt auf Wind anstatt Erdöl zu setzen? Ich frage, ob eine Energiewende, die eine solche Bezeichnung verdient, nicht größere gesellschaftliche Konsequenzen hat und damit auch höhere gesellschaftliche Anforderungen stellt. Um das herauszufinden, möchte ich mir jene Perioden der letzten gut 200 Jahre anschauen, in denen es zu Wechseln in den vorherrschenden Energieregimen gekommen ist.“ Patrick Kupper verwendet den Begriff eines Energieregimes bewusst für seine Untersuchungen, da er davon überzeugt ist, dass sich im Hintergrund von Wandlungsprozessen komplexere Mechanismen abspielen: „Während sich gewisse historische Momente durch eine große Offenheit auszeichnen, fällt es in anderen sehr schwer, die betretenen Pfade wieder zu verlassen. Beispielsweise lässt sich ein fossiles Energieregime, das stark auf Erdöl basiert, nach 50 Jahren nicht so einfach ersetzen, indem man Windräder und Sonnenkollektoren aufstellt.“ Kupper versucht zu verdeutlichen, dass der reine Wille, die Energiepolitik zu überdenken und neue Wege einzuschlagen, nicht ausreicht. Der Regime-Begriff ist für ihn auch deswegen ein passender, da er eine bestimmte Festigkeit und Zählebigkeit suggeriert. „Immerhin prägt ein Energiesystem nicht nur die Wirtschaft und die Umwelt, sondern insbesondere auch unsere Gewohnheiten und Verhaltensweisen“, so Kupper. Der Wissenschaftler verdeutlicht zudem, dass es sich bei solchen Entscheidungen nicht nur um ökonomisch-technische Fragen handelt, sondern auch um gesellschaftliche Fragen und das Überdenken von gesellschaftlichen Leitbildern, die sich beim Wechsel eines Energieregimes mit verändern müssen.

Das Neue ersetzt das Alte nicht

Wie Kupper erklärt, können bereits bestehende und etablierte Energieregime nicht einfach so durch ein anderes ersetzt werden. Zu viel wurde bisher in die Entwicklung und den Aufbau derer investiert, als dass sie ohne weiteres durch neue Konzepte ausgewechselt werden können. Der Wissenschaftler veranschaulicht: „Lange Zeit war Holz der wichtigste Energieträger, mit dem Wärme erzeugt werden konnte. Als später Kohle und dann Erdöl und Erdgas sowie der Ausbau der Wasserkraft folgten, fällt auf, dass keiner der neuen Energieträger die früheren vollständig verdrängte.“ Untersuche man den Wandel von Energieregimen in der Vergangenheit, dann werde deutlich, dass zwar neue Technologien und Ressourcen dazu kommen, sich die alten aber im Normalfall weiter halten. „Frühere Energiewenden waren stets mit einer Ausweitung des Energieangebots verbunden, denn die neuen Systeme ergänzten zunächst einmal die alten. Grundsätzlich beobachten wir ein expandierendes System über 200 Jahre hinweg“, so Kupper. Die historische Analyse zeige, dass es aufgrund gesellschaftlicher Verhaltensweisen nicht leicht ist, den Wechsel von Energieträgern durchzusetzen. Wie Kupper betont, haben sich mit der Entwicklung und den Veränderungsprozessen in der Energiewirtschaft auch die Leitbilder, Erwartungen und Handlungsweisen der Menschen verändert. Technische Innovationen alleine reichten nicht aus. Um erfolgreich zu sein, mussten diese vielmehr in die Gesellschaft eingepasst werden, bevor sie diese dann wiederum verändern konnten. Kupper möchte daher auch herausfinden, wie die entsprechenden Weichenstellungen abgelaufen sind. „Ich möchte mir anschauen, wie es dazu gekommen ist, dass neue Wege in der Energiewirtschaft eingeschlagen wurden. Welche Rolle spielte die Ressourcenausstattung eines Landes und welche Rolle gesellschaftliche Präferenzen? Warum zum Beispiel haben Entscheidungsträger in der Nachkriegszeit auf Atom und nicht auf Wind oder Solar gesetzt? Dies sind Fragen, die mich beschäftigen werden“, so der Wissenschaftler.

Zur Person

Patrick Kupper, geb. 1970, studierte an der Universität Zürich und an der Humboldt-Universität zu Berlin Allgemeine Geschichte, Umweltwissenschaften, Schweizergeschichte und schweizerische Verfassungskunde. In seiner Dissertation „Atomenergie und gespaltene Gesellschaft“ (Universität Zürich, 2003) beschäftigte er sich mit der Geschichte der zivilen Nutzung der Kernenergie. Daraufhin war er in verschiedenen Positionen an der ETH Zürich tätig. Von 2002 bis 2005 war er Co-Projektleiter von ETHistory und verfasste gemeinsam mit David Gugerli und Daniel Speich das Buch „Die Zukunftsmaschine“ (2005)/„Transforming The Future“ (2010). Zudem leitete er das Archivierungsprojekt ARK (Archiv zur Geschichte der Kernenergie in der Schweiz). 2011 habilitierte er sich an der ETH Zürich in Geschichte der Neuzeit mit einer Arbeit zur transnationalen Geschichte des Schweizerischen Nationalparks. Die Studie wurde 2012 unter dem Titel „Wildnis schaffen“ publiziert und gewann 2013 den Turku Book Award für das beste Buch in Umweltgeschichte der Jahre 2011 und 2012. 2014 erschien die amerikanische Übertragung „Creating Wilderness“. 2007 weilte Patrick Kupper als Schnitter Fellow für Technikgeschichte am German Historical Institute, Washington D.C., und 2010 als Carson Fellow am Rachel Carson Center in München. 2012 bis 2014 war er Mitglied des Zentrums Geschichte des Wissens (ZGW) der Universität Zürich und der ETH Zürich. Von 2014 bis 2016 ist er Fellow am Forschungskolleg des Zentrums für Religion, Wirtschaft und Politik (ZRWP) in Basel. Er engagiert sich unter anderem in der European Society for Environmental History ESEH und der Internationalen Gesellschaft für historische Alpenforschung IGHA.