Schreiben mit Gefühl

Gefühle in Texten: Die Germanistin Heike Ortner hat sich angesehen, wie Emotionen in Texten vermittelt werden. Möglichkeiten dazu gibt es viele, und sie sind nicht immer offensichtlich. Mit Online-Medien und Briefen von Franz Kafka hat sie zwei sehr unterschiedliche Quellen auf Emotionsdarstellungen untersucht. Fest steht: Emotionen spielen auch in Texten eine wichtige Rolle.
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Bild: Wörter wie „Liebe“, „Hass“ und „Freude“ benennen ein Gefühl direkt, aber es gibt viele andere Möglichkeiten, Gefühle auszudrücken.

Wie drücken Menschen ihre Gefühle aus? Sprechen sie darüber? Schreiben sie sie nieder? Welche Regeln gilt es dabei zu befolgen? „Emotionen in der Sprache sind eine spannende Sache, da es sehr viele unterschiedliche Wege gibt, Gefühle sprachlich auszudrücken“, erklärt Dr. Heike Ortner. Die Germanistik forscht zu Emotionen in der Sprache, insbesondere in Texten. „Emotionen in der Sprachwissenschaft sind etwas anderes als etwa in der Psychologie: In der Psychologie geht es um Emotionen als solche, um ihre Bedeutung, Rezeption und ihre Entstehung – ich interessiere mich für den Ausdruck eines Gefühls, dafür, wie es in die Sprache getragen wird.“

Emotion im Text

Heike Ortner räumt auch gleich mit einem in der Sprachwissenschaft immer noch weit verbreiteten Urteil über schriftlichen Ausdruck auf: Nämlich, dass Geschriebenes nicht emotional sei, weil jedem Schreiben ein Nachdenkprozess vorausgehe – und dieses Nachdenken zu wohlüberlegten, wenig emotionalen Texten führe. „Diese Sicht meint im Umkehrschluss zugleich, dass der mündlichen Kommunikation das Emotionale inhärent wäre, weil durch die Unmittelbarkeit ein Nachdenkprozess fehlt. Aber das ist genauso falsch – auch mündliche Kommunikation folgt Regeln und Abläufen, da werden nicht zwangsläufig Emotionen ausgedrückt“, sagt die Germanistin. Emotionen sind auch in Gesprächen situationsabhängig: Ein Bewerbungsgespräch wird zwangsläufig weniger emotional verlaufen als Geplauder unter Freunden bei einem Glas Bier oder Wein. Gleiches gilt für schriftliche Kommunikation: Persönliche Briefe oder Whatsapp-Nachrichten sind emotionaler als die Bedienungsanleitung für einen neuen Toaster oder ein anderer Gebrauchstext.

Um den Zusammenhang zwischen Sprache und Emotion und die verschiedenen Arten, wie Emotionen in Texten dargestellt werden, genauer zu erforschen, hat sich Heike Ortner zwei sehr unterschiedliche Textgattungen angesehen: Einerseits Artikel auf den Websites der Medien ORF, „Der Standard“, „Kronen Zeitung“, „Zeit“ und „Bild“, andererseits persönliche Briefe des Schriftstellers Franz Kafka. „Sehr viele Arbeiten gibt es zu Emotionswörtern: Wie werden die Wörter Liebe, Hass, Freude und daraus abgeleitete Verben eingesetzt?“, erklärt Heike Ortner. Damit hängt auch unmittelbar eine Form des Schreibens über Emotionen zusammen, nämlich die Emotionsbenennung: „Wenn jemand schreibt, er fühle sich gut, benennt er die Emotion direkt. Diese Form kommt allerdings nicht allzu oft vor, hauptsächlich finden wir das in persönlichen Schriftstücken wie Briefen oder Tagebüchern.“ Anders beim Emotionsausdruck: Ohne das Gefühl zu nennen, ist klar, welches Gefühl gemeint ist, zum Beispiel bei Flüchen oder Ausrufesätzen. „Das ist wesentlich spannender als die klare Benennung: Wenn jemand flucht, muss da nicht dabei stehen, dass ihm etwas missfällt, und wer einen Wunsch äußert, muss das Wort ‚Hoffnung’ nicht daneben schreiben, damit klar ist, was er fühlt.“

Bedeutungsunterschiede

Ähnlich verhält es sich mit Bewertungen – sie sind allerdings nicht immer emotional. „Bewertungen sind dann emotional, wenn persönliche Erfahrungen hineinspielen. ‚Ich finde den Film zum Kotzen’ ist eine sehr emotionale Aussage und auch in Nebenbemerkungen können Bewertungen stecken – etwa ‚Das Trampel hat den Teller kaputt gemacht’ sagt mit dem Wort ‚Trampel’ schon aus, was der Schreiber von der Person hält.“ Emotionen werden oft durch Konnotationen in Wörtern transportiert: Die Wörter „Asylant“, „Asylwerber“ oder „Flüchtling“ werden (nicht vollständig korrekt) in Texten austauschbar verwendet, tragen aber ganz unterschiedliche emotionale Bedeutungen. „Bei solchen Wörtern ist klar, dass sie Emotionsträger sind, allerdings kann sich das auch ändern und ein Wort wird vom Träger positiver Konnotationen zu einem neutralen oder negativ behafteten Wort“, erläutert die Germanistin. In diese Gattung fallen auch sogenannte „Hochwertwörter“, die ohne Kontext für sich stehen und einen emotionalen Wert tragen, etwa „Freiheit“, „Demokratie“ oder „Menschenrechte“.

Neben diesen Arten, Emotionen in einem Text darzustellen, ist für eine Analyse auch die verwendete Grammatik, semantische Aspekte – welche Wörter in welcher Kombination werden verwendet – und die Pragmatik, also die Lehre vom sprachlichen Handeln, wichtig. „Es macht natürlich einen Unterschied, an wen ein Schriftstück gerichtet ist. Wenn ein guter Freund in einem Brief plötzlich gesiezt wird, hat das einen anderen emotionalen Gehalt als ein ‚Sie’ an einen entfernten Bekannten. Ein Ausrufesatz ist anders zu bewerten als eine Frage und natürlich macht die Wortkombination einen Unterschied. Alle diese Ebenen wirken ineinander, das macht eine Analyse nicht immer ganz leicht.“

Textanalyse

Die Analyse der Medienberichte und Briefe zeigen für Heike Ortner sehr eindeutig, welche Gefühle der jeweilige Verfasser oder die Verfasserin auf welche Weise zeigt. „Welche bei der Leserin oder dem Leser ankommen, ist eine andere Frage – aber die stelle ich mir gar nicht, das wäre eine fachlich komplett andere Studie.“ Insbesondere Medien haben gar nicht nur durch die Texte selbst, sondern schon durch die Themenauswahl die Möglichkeit, Emotionen zu vermitteln – und oftmals werden Themen nicht mehr nur nach Relevanz, sondern auch nach Emotionalität ausgewählt. „Diese emotionale Darstellung betrifft übrigens Qualitätsmedien in gleichem Maß wie Boulevardmedien. In nahezu allen Ressorts, wenn auch unterschiedlich stark, setzen Medien immer stärker auf Personalisierung – wenn Personen im Vordergrund stehen, spielen Emotionen auch in vermeintlich sachlichen Berichten eine große Rolle und wirken für einen Leser spannender“, erläutert die Germanistin. Und Franz Kafka, dessen Briefe sich die Forscherin ebenfalls angesehen hat? Er erweist sich als vielfältiger, als ihm viele Vorurteile zuschreiben: „Kafka gilt als düster und depressiv, das geht aus seinen Briefen nicht so eindeutig hervor. Er ist sehr ambivalent, spielt viel mit Metaphern – in einem Satz stellt er eine Behauptung auf, die er im nächsten wieder in Frage stellt.“ Heike Ortners Forschung zu Emotionen in Texten ist vergangenes Jahr unter dem Titel „Text und Emotion. Theorie, Methode und Anwendungsbeispiele emotionslinguistischer Textanalyse“ in Buchform erschienen.

Dieser Artikel ist in der Februar-Ausgabe des Magazins „wissenswert“ erschienen. Eine digitale Version ist hier zu finden (PDF).