Madl, Gitsche oder Diandl?

Im Tiroler Dialektarchiv lagert ein sprachlicher Schatz: Seit den 1970ern waren Innsbrucker Germanistinnen und Germanisten unterwegs und haben Dialekte aufgezeichnet. Die Vielfalt an Tiroler Dialekten, die dort gesammelt wurde, wird jetzt in einer digitalen Karte festgehalten. Dabei hilft eine neue Computer-Schriftart bei der Darstellung der Lautung.
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Bild: Auszug aus dem Dialektarchiv: Hier beantwortete eine Bäuerin aus Buch in Tirol Fragen über ihre Aussprache von Wetterphänomenen.

Ab den 1970ern waren in Tirol Forscherinnen und Forscher zu Interviews unterwegs. Ihre Mission: Den Leuten auf den Mund zu schauen – und vor allem: Das, was sie sagen, auch festzuhalten. „Es gibt in Tirol eine extreme Vielzahl an Dialekten und Aussprachen. Viele früher ‚typische’ Ausdrücke und Aussprachemuster verschwinden aber zusehends“, erklärt Dr. Yvonne Kathrein. Die Germanistin arbeitet unter der Leitung von Prof. Maria Pümpel-Mader an den Beständen des Tiroler Dialektarchivs, die in jahrelanger Kleinarbeit seit über dreißig Jahren an der Uni Innsbruck entstanden sind. Dort ist zum Beispiel festgehalten, wie ein Mädchen in verschiedenen Teilen Tirols genannt wird: Vom „Madl“ über die „Mötz“ und das „Diandl“ bis zur „Gitsche“ finden sich nicht nur zahlreiche verschiedene Wörter, sondern auch Aussprachen. Um diese Aussprachen schriftlich so gut wie möglich festhalten zu können, bedienen sich die Innsbrucker Germanistinnen einer eigens für deutsche Dialekte entwickelten Lautschrift: „Unser normales Alphabet kann die große Vielzahl an Aussprachevarianten gar nicht abbilden. Die Lautschrift bietet die Gelegenheit, durch zusätzliche Zeichen zum Beispiel zu zeigen, ob ein Laut lang oder kurz ausgesprochen wird, ob und an welcher Stelle er besonders betont wird oder nicht“, sagt Yvonne Kathrein.

Eigene Lautschrift

Die Teuthonista – so der Name dieser Lautschrift – ist in ihren Grundzügen schon Ende des 19. Jahrhunderts entstanden. Auch die Möglichkeit, diese Schrift am Computer abzubilden, gibt es schon längere Zeit; allerdings mit einigen unangenehmen Einschränkungen, wie Yvonne Kathrein erläutert: „Bei der Eingabe der Buchstaben dieser Schrift findet die Schreiberin nicht intuitiv die richtige Taste für das gewünschte Zeichen – zum Beispiel braucht man die Rautetaste für Zeichen, die mit einer Raute nicht das Geringste zu tun haben. Außerdem fügt sich die Schrift nicht sehr organisch und leserfreundlich in einen normalen Fließtext ein.“ In einem Projekt, das von der Universität Innsbruck und dem Land Tirol gefördert wurde, haben die Grafiker des Grafikbüros florianmatthias und die Innsbrucker Germanistinnen nun einen bedeutenden Beitrag dazu geleistet, die Teuthonista endgültig ins Computerzeitalter zu holen: Sie haben eine neue Schriftart entwickelt, die die Teuthonista auch optisch ansprechend abbildet und die bisherigen Unzulänglichkeiten der alten Computerschrift korrigiert. „Die neue Schrift trägt den Namen ‚Taiga’. Sie ist nicht nur viel leichter einzugeben, was die Arbeit stark vereinfacht und Zeit spart, sondern auch optisch funktionaler, weil besser lesbar und schöner anzusehen.“

Das Dialektarchiv – der größte Teil des dort gesammelten Wortmaterials mit seinen Aussprachevarianten stammt aus den 1970er und 1980er Jahren – beinhaltet Wörter der Alltagssprache, die nach einem im deutschen Sprachraum einheitlichen Fragebogen erfasst werden. Dabei geht es um 2.000 Begriffe, die hier abgefragt werden können; einzelne Befragte mussten aber nie alle 2.000 Wörter verraten. „Diese Arbeit verlangte sehr viel Geduld, sowohl vom Interviewer als auch vom jeweils Befragten. Abgefragt wurden Wörter nach unterschiedlichen Themengebieten, etwa zur bäuerlichen Arbeitswelt und Tradition oder zum Wetter“, sagt Yvonne Kathrein. Die sauber in Archivboxen untergebrachten und von den Interviewern handschriftlich in der Teuthonista aufgezeichneten Antworten lagern am Institut für Germanistik.

Die Suche nach der „Grundmundart“

Als Gewährsleute, die den Innsbrucker Germanisten Frage und Antwort standen, waren besonders ortstreue Menschen gesucht – idealerweise Leute, die am jeweiligen Ort sowohl geboren als auch aufgewachsen sind und auch nicht länger anderswo, etwa im Ausland, gelebt haben. Ein Beispiel – siehe das Foto – ist etwa eine Bäuerin aus Buch in Tirol im Unterinntal, die im Jahr 1987 befragt wurde: Sie ist 1926 in Buch geboren und dort aufgewachsen. „Diese Frau beantwortete eine Reihe von Fragen zu Wetterbegriffen – etwa, wie sie zu ‚blitzen’ und ‚donnern’ sagt und wie sie ‚Wetterleuchten’ betont“, erläutert die Germanistin.

Digitaler Sprachatlas

Die optimale digitale Darstellung der Lautung ist für das aktuelle Projekt des Tiroler Dialektarchivs zentral: Gemeinsam mit einer Kollegin arbeitet Yvonne Kathrein an einem digitalen Sprachatlas. „Ein Sprachatlas verbindet die Aussprachedaten mit geografischen Informationen: So sieht man auf einen Blick, wo die Grenzen zwischen Aussprachen einzelner Wörter verlaufen.“ Derartige Sprachatlanten – noch in Papierform – gibt es in Österreich bisher nur in Tirol und in Oberösterreich. Die digitale Variante, an der die Innsbrucker Germanistinnen derzeit arbeiten, greift auf die Daten des Tiroler Dialektarchivs zurück. „Im Dialektarchiv haben wir umfassende Daten von insgesamt 118 Nord- und Osttiroler Gemeinden“, erzählt die Germanistin. Ein großer Vorteil des geplanten digitalen Atlas: Er wird komplett öffentlich zugänglich sein. „Alle am Tiroler Dialekt Interessierten können einerseits darauf zugreifen, andererseits auch Feedback liefern und so zum Ausbau des Atlas beitragen.“

Einige erste Erkenntnisse sind jetzt schon sichtbar, wenn auch noch nicht öffentlich zugänglich: Etwa, dass in einzelnen Gemeinden Osttirols Verben altertümlicher ausgesprochen werden als im Rest des Bezirks. „Das ist recht spannend: In Kals am Großglockner, in Ober- und Untertilliach und in Inner- und Außervillgraten wird das ‚e’ etwa im Wort ‚gesotten’ noch ausgesprochen, teilweise auch als ‚i’ – überall anders ist das in diesem und allen ähnlichen Wörtern verloren gegangen. Man hat etwas ‚gsotten’ oder ‚gsungen’, aber nicht ‚gesungen’.“ Der Verlust dieses Lauts in der Umgangssprache und in anderen Ortsdialekten ist offenbar eine Entwicklung, die an diesen Gemeinden vorübergegangen ist – mit dieser Altertümlichkeit sind die dort heimischen Dialekte heute interessanterweise der Hochsprache näher als andere Mundarten. Diese und ähnliche Auffälligkeiten wollen die Innsbrucker Forscherinnen und Forscher nun wieder sichtbarer machen.

Zur Person

Dr. Yvonne Kathrein (*1980 in Mathon/Tirol) ist seit 2011 Senior Lecturer am Institut für Germanistik der Universität Innsbruck. Ihre Forschungsinteressen liegen in der Namenkunde (Onomastik) und in der Dialektologie des Tiroler Raumes; ihre Doktorarbeit mit dem Titel „Historisches Familiennamenbuch der Landgerichte Freundsberg und Rottenburg. Die Namenlandschaft einer Montanregion“ war der Onomastik gewidmet. Seit 2011 arbeitet sie am Digitalen Tiroler Sprachatlas, dieses Projekt wird vom Land Tirol finanziell unterstützt.

Dieser Artikel ist in der Juni-Ausgabe des Magazins „wissenswert“ erschienen. Eine digitale Version ist hier zu finden (PDF).