Lebende Bauwerke

Bäume spielen in der Architektur oft eine untergeordnete Rolle und dienen hauptsächlich der Dekoration. Rainer Graefe, emeritierter Universitätsprofessor für Baugeschichte und Denkmalpflege, beschäftigt sich mit Bäumen, die selbst Architektur sind: geleitete Linden.
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Bild: Die Tanzlinde in Peesten im Modell (Foto: Fritz Dressler)

„Bei der geleiteten Linde werden die Äste zu einem waagerechten Laubdach gezogen, das von Balken und Säulen gestützt wird. Über diesem unteren Astkranz folgt häufig ein zweiter und dritter geleiteter Kranz. So entstehen in der Baumkrone Lauben und Säle mit Boden, Decke und durchfensterten Wänden aus Laubwerk. Der Baumstamm wächst durch den Saal, der über Leitern oder Treppen zugänglich ist hindurch“, erklärt Prof. Rainer Graefe. Unter seiner Leitung wurde Ende September in Neudrossenfeld bei Bayreuth eine Dauerausstellung im neu gegründeten LindenbauMuseum eröffnet, das Modelle, Bauaufnahmen, Pläne, Bilder und Textmaterial zu den lebenden Bauwerken zeigt.

Lange Tradition

„Die Umformung des Lindenbaums setzt eine beachtliche Kunstfertigkeit voraus und erfordert regelmäßige Pflege über viele Generationen, oft über viele Jahrhunderte“, berichtet der Architekturhistoriker Graefe. Die Ursprünge der geleiteten Linde lassen sich bis in vorchristliche Zeit zurückverfolgen. Sie wurzeln in heidnischer Baumverehrung und Vegetationskulten. Der Lindenbaum genoss besondere Verehrung und war im Dorf traditioneller Ort der Versammlungen, Gerichtsversammlungen und Tänze. So schrieb schon Johann Wolfgang von Goethe in Faust I „Schon um die Linde war es voll, Und alles tanzte schon wie toll“. „Gericht und Gemeindeversammlung finden schon längst nicht mehr unter dem Lindendach statt, aber zur Kirchweih wird in manchen Gemeinden der uralte Brauch des Tanzes in der Lindenkrone noch gepflegt“, so Graefe. Stufenlinden waren über fast den gesamten westgermanisch/deutschen und ehemals deutschsprachigen Raum verbreitet. Das Gebiet reicht dabei im Norden von den Niederlanden bis nach Schlesien und Ostpreußen, im Süden von Elsaß, Baden und der Schweiz bis ins östliche Bayern. Auch heute werden immer noch erstaunlich viele geleitete Linden mit unterschiedlichsten baulichen Ausbildungen in Form gehalten.

30-jährige Forschungen

Der Architekturhistoriker Rainer Graefe beschäftigt sich bereits seit drei Jahrzehnten mit den Bauwerken aus lebenden Bäumen. Seine Fragestellung dabei ist interdisziplinär: die geleitete Linde als Randerscheinung der Architekturgeschichte wird auch unter den Aspekten der Kunst- und Literaturgeschichte, des volkstümlichen Brauchtums, der Stadt- und Gartengeschichte, der Kirchenhistorie und Rechtsgeschichte betrachtet.
Aufgrund Graefes jahrelanger Forschungen bat 2005 auch die Gemeinde Peesten den Innsbrucker Historiker um Unterstützung bei der Rekonstruktion ihrer historischen Lindenlaube. „Die Krone der berühmten Peestener Tanzlinde war früher als riesiger Würfel ausgebildet. Er umschloss einen Saal von fast 100 qm, der über eine steinerne Wendeltreppe zugänglich war. Nach der Zerstörung 1947 blieben nur die Steintreppe und die 12 Steinpfeiler erhalten“, beschreibt Graefe. Eine neue Linde wurde 1951 gepflanzt. Rainer Graefe und seinen Studierenden gelang die komplette Rekonstruktion mit Planzeichnungen, einem Modell im Maßstab 1:20 und digitalem 3D Modell. Der Neubau der Tanzlaube konnte auf dieser Grundlage vom „Förderkreis Tanzlinde Peesten“ im Jahr 2001 fertiggestellt werden. Mit dicht umgrünter Laube ist die Peestener Tanzlinde heute wieder eine vielbesuchte Attraktion. Dieses Projekt war der Auslöser dafür, die Innsbrucker Studierenden der Architektur intensiver in die weiteren Forschungen einzubeziehen. „Die Lindenbäume sind von uns in jahrelanger Arbeit verformungsgerecht aufgemessen worden – eine Neuheit auf dem Feld der Bauforschung“, so Graefe. Auf Grundlage dieser Bauaufnahmen sind von den Studierenden rund 30 Modelle von Stufenlinden gebaut worden. Erstmalig wurden für das Projekt auch in Zusammenarbeit mit dem Arbeitsbereich Vermessung und Geoinformation der Universität Innsbruck drei Stufenlinden mittels Laserscan und 3D-Vermessung aufgenommen und können nun als beeindruckende 3D-Simulationen in der Ausstellung gezeigt werden.

Einzigartige Ausstellung

Die Idee zum LindenbauMuseum entstand im Rahmen der Arbeiten zur Revitalisierung des Ortskernes in Neudrossenfeld. „Der Ort, in dem sich auch eine sehr schöne Tanzlinde befindet, kam auf uns zu, um unsere Forschungen in Sachen Tanzlinden zu nutzen. Im Zuge dieser Zusammenarbeit entstand die Idee, das LindenbauMuseum zu gründen“, erklärt Graefe. Das Museum gibt einen unterhaltsamen, umfassenden Überblick über die Geschichte, Verbreitung und Ausbildung der Stufenlinden mit Modellen, Bauaufnahmen, Zeichnungen, Texten, Fotos und Filmen. „Die Ausstellung soll die Aufmerksamkeit auf den einzigartigen Schatz an geleiteten Linden vor allem in Franken und Thüringen, aber auch in anderen Regionen, lenken. Ziel ist, die uralte Lindenkultur zu erhalten und fortzusetzen, die Gemeinden im Umgang mit ihren Baum-Monumenten zu unterstützen und weiterführende Forschungen zu fördern“, so Rainer Graefe abschließend.

Dieser Artikel von Susanne Röck ist in der aktuellen Ausgabe des Magazins „Zukunft Forschung“ erschienen. Eine digitale Version ist hier zu finden (PDF).