Immergrüne Energie?

Erneuerbare Energien gelten als klimafreundlich. Ihre Erzeugung ist jedoch mit Eingriffen in die Natur verbunden, die einer objektiven Abwägung bedürfen. Innsbrucker Geographen liefern im Rahmen des Projekts recharge.green Ansätze dazu.
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Bild: In ihrer Akzeptanzstudie arbeiteten die Wissenschaftler u.a. mit Bildern wie diesem, um Veränderungen in der Landschaft zu visualisieren. Bild: Richard Hastik

Einen Proteststurm hat die geplante Errichtung einer Windkraftanlage am Pfänder im Vorarlberger Laiblachtal im vergangenen Jahr ausgelöst. Die Projektbetreiber und Befürworter argumentierten mit „enkeltauglicher“ Energieerzeugung, die Gegner hielten unter anderem die Zerstörung des Landschaftsbildes, die Lärmbelästigung sowie die Bedrohung seltener Tierarten entgegen. Die Diskussion ist insofern bemerkenswert, als sich das Laiblachtal als Energieregion deklariert und wie ganz Vorarlberg bis 2050 eine weitgehende Unabhängigkeit von Energieimporten u.a. durch den Ausbau erneuerbarer Energien anstrebt. „Die Wende hin zu erneuerbaren Energieträgern ist zunächst einmal sehr raumintensiv. Ihre Produktivität hängt proportional mit Fläche zusammen. Man muss nur an Photovoltaik denken: Je mehr Flächen wir haben, desto mehr Strom produzieren wir“, beschreibt Nachwuchswissenschaftler Richard Hastik vom Institut für Geographie ein Faktum, das jede Menge Diskussionsstoff birgt. Hinzu kommt, dass die Errichtung und der Betrieb von Produktionsanlagen mit Auswirkungen auf das Landschaftsbild und damit einer Beeinträchtigung bestimmter sogenannter Ökosystemdienstleistungen verbunden sind. „Erneuerbare Energien wecken zunächst einmal positive Assoziationen, lokal verändert sich aber einiges. Das ist den Entscheidungsträgern und auch der Bevölkerung nicht immer bewusst, was unweigerlich zu Konflikten führt“, sagt Clemens Geitner, Assoziierter Professor am Institut für Geographie. Er und Richard Hastik wissen, wovon sie sprechen: Ausgehend vom Windkraftprojekt am Pfänder haben sie die Energieregion Laiblachtal auf ihrem Weg in Richtung Energiewende ein Stück weit wissenschaftlich begleitet. Ein wichtiger Teil ihrer Arbeit war die Identifikation von Konfliktpotenzialen im Vorfeld im Rahmen einer Akzeptanzstudie. Darüber hinaus lieferten die Wissenschaftler mit dem Instrument „Musterhektar“ sowie einer Bodenfunktionskarte in Kooperation mit anderen Partnern zwei wichtige Entscheidungshilfen zur nachhaltigen Erschließung erneuerbarer Energiequellen. Eingebettet sind ihre praxisnahen Forschungen in das internationale Projekt recharge.green, das die Potentiale und Probleme der Nutzung erneuerbarer Energie im Alpenraum aufzeigt.

Der „Musterhektar“ zur Bewertung

Wie viel Fläche wird tatsächlich benötigt, um eine Gemeinde mit Photovoltaik energieautonom zu machen? Wie verändert sich die Landschaft, wenn verstärkt auf Windkraft gesetzt wird? Was passiert mit landwirtschaftlichen Böden, wenn in großem Stil Biomais für die Energieerzeugung angebaut wird? Wie hoch ist der wirtschaftliche Ertrag, der in einer bestimmten Gegend mit einer bestimmten Energieform gewonnen wird und was geht dabei verloren? – Fragestellungen wie diese werden die verantwortlichen Behörden und Betroffenen künftig überall dort beschäftigen, wo man sich politisch zur verstärkten Nutzung erneuerbarer Energien bekennt. „Wird Strom von einem Braunkohlekraftwerk in Deutschland bezogen, sind die Probleme ausgelagert. Jetzt sind sie plötzlich vor der Haustüre“, verdeutlicht Richard Hastik, der der Ansicht ist, dass mit einer entsprechenden Informationspolitik ein Umdenken bewirkt werden kann. Um die Veränderungen für Mensch und Umwelt zu veranschaulichen und objektive Entscheidungshilfen zu schaffen, haben die Wissenschaftler vom Institut für Geographie in enger Zusammenarbeit mit Vertretern der Regionalentwicklung Vorarlberg und deren Partner DI Mag. (FH) Markus Berchtold-Domig das Instrument Musterhektar geschaffen. Es versucht anhand eines konkreten Landschaftsausschnitts einerseits den Energieoutput und andererseits die damit verbundenen Veränderungen verständlich zu machen. Der Musterhektar ist eine 100 mal 100 Meter große Fläche, die an jeden beliebigen Ort „gelegt” werden kann. Die verschiedenen Musterhektare wurden in Absprache mit Stakeholdern vor Ort ausgewählt und sind repräsentativ für Landschaftsteile in Vorarlberg bzw. in der Pilotregion Leiblachtal. Im Rahmen von Maßnahmen-Szenarien werden die Auswirkungen möglicher Nutzungsänderungen des gegebenen Musterhektars auf die Ökosystemdienstleistungen und andere gesellschaftsrelevante Rahmenbedingungen ausgelotet, bewertet und vergleichbar gemacht. „An einem Musterhektar kann ich konkret zeigen, wie hoch der Energieertrag ist und wie die veränderte Nutzung die Qualitäten der Fläche in Hinblick auf Artenvielfalt, Bodenfunktion oder andere Aspekte verändert“, beschreibt Hastik das Instrument, zu dem es auch ein für Laien verfügbares Onlinetool gibt.

Bodenlobbying

Im Rahmen von recharge.green ist noch ein weiteres Werkzeug zur Anwendung gekommen, das die Entscheidungsfindung bei der Planung neuer Energieproduktionsstätten erleichtern könnte. Es berücksichtigt ein in den Augen von Clemens Geitner vielfach vernachlässigtes, schützenswertes Gut: den Boden. „Interessanterweise waren Böden auch im recharge.green Projekt ursprünglich kaum vertreten, obwohl sie wichtige Ökosystemdienstleistungen für uns erfüllen“, betont Geitner. Das sei nicht untypisch für die Forschungslandschaft, fügt er hinzu. Dabei sind Böden beispielsweise essenziell für die Regulierung des Wasserhaushalts, für den Erhalt der Biodiversität, aber auch für die landwirtschaftliche Produktion. „Gerade bei der Planung neuer Infrastrukturen ist es wichtig zu wissen, welche Funktionen der Boden erfüllt“, verdeutlicht Geitner. Eine Bodenfunktionskarte, wie sie Geitner und Hastik für Vorarlberg und für das Leiblachtal zusammen mit der externen Expertin Dr. Gertraud Sutor aus Bayern besonders detailliert erstellt haben, zeigen, was Böden leisten. „Bodenbeschaffenheit und Bodenfunktionen wechseln im Leiblachtal relativ kleinräumig. Wenn entsprechende Informationen vorliegen, kann man zum Beispiel die für die landwirtschaftliche Produktion wichtigen, fruchtbarsten Böden erhalten und an ihrer Stelle weniger fruchtbare für die Energiegewinnung nutzen“, beschreibt Geitner eine Anwendungsmöglichkeit der ersten Bodenfunktionskarten für Vorarlberg, die, wie er berichtet, auch bei den Stakeholdern sehr gut angekommen sind.

recharge.green

Im Projekt recharge.green untersuchen 16 Partner in Deutschland, Frankreich, Italien, Österreich, der Schweiz und Slowenien Fragen rund um die Nutzung erneuerbarer Energien in den Alpen. Die Forschung wird in Kooperation mit Pilotregionen durchgeführt, die Ergebnisse werden dort getestet. Recharge.green läuft noch bis Juni 2015 und wird vom Europäischen Fonds für regionale Entwicklung im Rahmen des Alpenraumprogramms mitfinanziert. Der Projektbeitrag der Universität Innsbruck kommt von Clemens Geitner und Richard Hastik vom Institut für Geographie.

Dieser Artikel ist in der Februar-Ausgabe des Magazins „wissenswert“ erschienen. Eine digitale Version ist hier zu finden (PDF).