Genauer hinhören

Vogelgezwitscher, ein vorbeifahrendes Auto, unser Lieblingslied – Klänge und Geräusche in ihren vielfältigen Erscheinungsformen sind unsere ständigen Begleiter. Der Ethnologe Jochen Bonz geht der Frage nach, was ein forschendes Zuhören zu einem besseren Verständnis kultureller Phänomene beitragen kann und untersucht alltägliche „Klanglandschaften“.
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Bild: In unserem alltäglichen Leben spielen verschiedenste Geräuschkulissen eine Rolle. Viele Klänge werden nicht bewusst wahrgenommen.

Zahlreiche kulturwissenschaftliche Forschungsansätze verfolgen das Ziel, Menschen als „kulturelle Wesen“ und ihre gesellschaftlichen Verhaltensweisen besser verstehen zu lernen. Ein Zugang zu diesem komplexen Themenfeld erfolgt über die Berücksichtigung der menschlichen Sinne, allen voran dem Sehen. „Der visuellen Wahrnehmung wird in der Kulturforschung tendenziell eine größere Bedeutung zugemessen“, sagt Jochen Bonz vom Institut für Geschichtswissenschaften und Europäische Ethnologie. In den letzten Jahren setzen sich Kulturwissenschaftlerinnen und -wissenschaftler aber immer mehr mit der Bedeutung des Hörens auseinander – aus gutem Grund. „Wir sind stets von Klängen umgeben, die wir bewusst oder unbewusst wahrnehmen. Wir bewegen uns ständig in so genannten soundscapes“, sagt Jochen Bonz. Diese Klanglandschaften (eine Ableitung aus dem Englischen „landscape“ – „Landschaft“) umfassen alle akustischen Ereignisse in bestimmten Situationen und sind prägend für unsere Wahrnehmung im alltäglichen Leben. Als Beispiel nennt Bonz eine Situation im Straßenverkehr: „Wenn wir eine Straße überqueren wollen und das Geräusch eines heranfahrendes Autos wahrnehmen, bleiben wir stehen. Das machen wir unbewusst, ohne darüber nachdenken zu müssen“. Für den Ethnologen steht dieses Beispiel stellvertretend für viele andere Situationen, in denen sich das Gehörte direkt in einen Sinn überträgt. „Wir hören etwas und wir verstehen es. Ein Geräusch kann unmittelbar eine Bedeutung annehmen.“ Das Hören schafft somit selbstverständliche Zugänge zur Wirklichkeit und ist zentraler Bestandteil unseres Wahrnehmungshorizonts. „In vielen Situationen noch viel stärker und unmittelbarer als das Sehen“, ist der Wissenschaftler überzeugt.

Erinnern

Klänge übersetzen sich für uns Menschen in vielen verschiedenen Situationen in einen Sinn, der sich nicht immer in bestimmten Handlungen manifestieren muss. Das Klangliche ist auch dazu in der Lage, Atmosphären zu schaffen oder Emotionen zu wecken. „Wir hören etwas und merken, dass es uns anders geht. Das liegt darin begründet, dass Klänge mit Erfahrungen, die wir in unserem Leben gemacht haben, gekoppelt sind“. Für den Ethnologen geht es hier weniger um angenehme oder unangenehme Empfindungen, sondern um Assoziationen. „Anfang der 90er Jahre entstand beispielsweise ein Hype um eine neuartige Spielkonsole namens Game Boy und dem Spiel Tetris. Erinnern wir uns heute zurück an die Melodie, die dieses Spiel begleitete, fühlen sich viele mit ihrem individuellen Klangerlebnis geradezu in die Vergangenheit zurückversetzt“, nennt Jochen Bonz ein Beispiel für die nachhaltige „Kraft“ von Klängen.
Anhand der Musik lässt sich dieses Phänomen im Allgemeinen sehr gut verdeutlichen. Von musikalischen Geräuschkulissen in Kaufhäusern bis zum persönlichen Musikgeschmack – Klänge schaffen eine gewisse Stimmung. „Das geschieht ohne unser Zutun und wir können uns diesem ‚Effekt’ auch kaum entziehen“, so Bonz. In der zeitgenössischen populären Musik – einem wichtigen „Untersuchungsgegenstand“ des Ethnologen – sieht Bonz diese Eigenschaft des Hörbaren besonders stark vertreten. „In der heutigen Popmusik haben wir es mit einer Alltagskulturform zu tun, in der sehr stark mit Anspielungen auf Erfahrungen gearbeitet wird, indem beispielsweise Elemente aus der Musik der 80er oder 90er Jahre verwendet werden. Das funktioniert nur, weil wir uns kollektiv daran erinnern“. Die Berücksichtigung dieser Aspekte erachtet Jochen Bonz als essentiell für ein besseres Verständnis kultureller Entwicklungen in verschiedensten gesellschaftlichen Bereichen.

Fans

Bereits seit mehreren Jahren untersucht Jochen Bonz ein sehr präsentes und jedem bestens bekanntes Phänomen unserer Kultur: das Fan-Sein. Am Beispiel von Fußballfans des FC Wacker Innsbruck und des SV Werder Bremen versucht der Ethnologe jene Mechanismen zu verstehen, die Menschen zu Fans werden lassen. Dabei setzt der Ethnologe nicht etwa auf die Verwendung von Fragebögen, sondern auf Feldforschung und die Forschungsmethodik der teilnehmenden Beobachtung. „Ich habe mich unter die Fußballfans gemischt und aufmerksam beobachtet, was geschieht“, erzählt Bonz. Ob beim Mannschaftstraining, beim gemeinsamen Fußball-Schauen in Gaststätten oder an einem Liga-Spieltag im Stadion: Bonz hielt fest, was er wahrnahm und erstellte so genannte interpretative Klangtranskriptionen Ein Beispiel:

Auszug eines Protokolls beim Besuch an einem Trainingstag des SV Werder Bremen

Anfahrt mit dem Fahrrad, das Rauschen vorbeifahrender Autos und das Surren der Fahrradgangschaltung sind zu hören.
05:32 „Guten Morgen“. Schnäuzen.
06:45 Vogelkrächzen und leises, pulsierendes Rauschen. Vögel. Andere Vögel. Bewegung.
[...]
10:56 Menschen. Einzelne Worte. „Alle auf meiner Höhe bleiben. Etwas mehr Tempo...“ Der Konditionstrainer gibt Anweisungen, die Mannschaft ist auf uns zugelaufen.
11.34 Schritte. Offenbar ist jemand gekommen. Stimme. Lachen. Da unterhalten sich zwei zuschauende Jungs.
12:43 Die Unterhaltung zwischen den Jungs läuft weiter. Zwei ältere Zuschauer unterhalten sich auch: „Da, der Weiße. Genau geradeaus.“ Einer von ihnen versucht dem anderen zu zeigen, welcher Spieler sich wo auf dem Platz befindet. „Zwischen den beiden Weißen da, in der Mitte.“
13:51 „Das können se alle.“
[...]

(aus Jochen Bonz: Alltagsklänge - Einsätze einer Kulturanthropologie des Hörens. 2015. Springer VS. Seite 172f.)

Mithilfe dieser Protokolle in Kombination mit qualitativen Interviews und weiteren ethnografischen Forschungsmethoden will Bonz der Fußballbegeisterung auf die Spur kommen. Einige Befunde ergaben sich erst durch das aufmerksame Zuhören: „Ich stellte fest, dass es in vielen Gesprächen auch während eines Spiels gar nicht um Fußball geht. Es herrscht eine gesellige Plauderstimmung, es wird viel gelacht – nicht nur über Fußball“, erzählt Bonz. „Die materiale Präsenz der Klänge eröffnet Aspekte dieses Fan-Seins, die sich mir ohne das Hinhören nie erschlossen hätten“. Hier sieht der Ethnologe auch jenen Aspekt begründet, der das Klangliche für kulturwissenschaftliche Forschungsansätze sehr wertvoll macht. Jochen Bonz erhofft sich durch eine stärkere Berücksichtigung alltäglicher Klänge und Geräusche einen „reicheren“ Blick auf die Wirklichkeit – und damit ein besseres Verständnis kultureller Situationen und Entwicklungen. „Hören kann unsichtbare Dinge sichtbar werden lassen“.

Mehr hören:
Jochen Bonz war zu Gast in unserem Podcast „Zeit für Wissenschaft“ und erzählt ausführlich über seine Feldforschungen und Interessen zwischen Fußball und elektronischer Musik. http://www.uibk.ac.at/podcast/zeit/2014.html#zfw_002

Dieser Artikel ist in der Juni-Ausgabe des Magazins „wissenswert“ erschienen. Eine digitale Version ist hier zu finden (PDF).

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