Ein blaues Wunder

Die Methode des Blaudruckes gewann Ende des 17. Jahrhunderts große Bedeutung in Europas Textilverarbeitung. Beatrix Nutz vom Institut für Archäologien hat das Handwerk in Nord-, Ost- und Südtirol genauer untersucht. Unterstützt von der Firma Durst Phototechnik erforschte sie acht Monate lang das alte Handwerk des Blaudruckes.
Model mit dem ensprechenden Muster auf Stoff aus dem Musterbuch der Färberei Schwaighofer in Brixen, datiert ins 18. Jahrhundert.(Foto Beatrix Nutz)
Bild: Model mit dem ensprechenden Muster auf Stoff aus dem Musterbuch der Färberei Schwaighofer in Brixen, datiert ins 18. Jahrhundert.(Foto Beatrix Nutz)

„Der Reserveblaudruck ist eine Form des Textildrucks, bei dem mit Papp auf weißen Stoff gedruckt und der Stoff anschließend blau gefärbt wird“, erklärt Beatrix Nutz, Projektmitarbeiterin am Institut für Archäologien. „Wäscht man den Papp dann anschließend aus, bleibt ein weißes Muster auf blauem Stoff.“ Da sich diese Reservedruck-Methode nur zum Kaltfärben eignet, beschränkte man sich auf den Naturfarbstoff Indigo. „Mit allen anderen Farbstoffen, die zu dieser Zeit verwendet wurden, konnte man nur heiß färben – im heißen Farbbad hätte der Reservepapp aber nicht gehalten“, erläutert die Archäologin.

Der aus Gummiarabikum und Tonerde bestehende Reservepapp wurde mit sogenannten Druckmodeln auf den Stoff aufgebracht. Die aus Holz und Metall gefertigten Druckmodeln wurden von sogenannten Formstechern oder Formschneidern hergestellt. „Während ein Formschneider Muster aus dem Holz herausschnitzt, bringt der Formstecher Ornamente aus Metall auf dem Model auf“, erklärt Beatrix Nutz den Unterschied.

Grün und Blau schlagen

Auf der Methode des Blaudruckes basieren auch einige Sprichworte, die heute noch in Verwendung sind. „Da beim Färben mit Indigo der Stoff erst nach der Reaktion des Farbstoffes mit Sauerstoff blau wird - nach dem Herausziehen aus dem Färbebad ist er erst gelb, dann grün und erst nach einiger Zeit blau – war die Methode vielen etwas unheimlich. Den wissenschaftlichen Hintergrund kannte man damals noch nicht“, erläutert Nutz. Daher stammt die Warnung: „Vorsicht, der kann hexen und blaufärben.“ Auch die Redewendung „grün und blau schlagen“ basiert auf dem Färben mit Indigo. „Diese Redewendung hat mit der heutigen Verwendung nichts zu tun. Sie kommt daher, dass die Färber, um den Oxidationsprozess zu beschleunigen, auf die Stoffe geschlagen haben und diese sich dann erst grün und dann blau färbten“, weiß die Archäologin. Ebenso ist das sogenannte „blaue Wunder“ auf das Färben mit Indigo zurückzuführen.

Ursprünge in Indien

Der Ursprung der Methode des Blaudruckens ist nicht eindeutig geklärt, die Wissenschaftler gehen davon aus, dass die Methode aus Indien stammt, von wo aus sie sich über den Orient bis nach Afrika ausbreitete. Eine Kindertunika aus der Zeit zwischen 500 und 700 nach Christus, die in einem Grab in Achmim in Ägypten gefunden wurde, gilt als einer der ältesten noch erhaltenen Textilien die mit Reserveblaudruck behandelt wurden.   Durch die englischen und niederländischen Kolonien kam sowohl die Methode des Blaudruckes als auch der Farbstoff des Echten Indigo in größeren Mengen nach Europa. „In Europa wurde bis dahin hauptsächlich der Färberwaid zum Blaufärben verwendet; das Färben ist damit aber etwas aufwändiger als mit Indigo“, erläutert Beatrix Nutz. Verwendet wurde der Blaudruck sowohl für Kleider und Schürzen wie auch für Taschentücher, Kopftücher, Bett- und Tischwäsche. „Bei meinen Recherchen bin ich auf ein Musterbuch gestoßen, in dem genau geregelt war, welches Muster für welchen Stoff verwendet wird. So wurden beispielsweise kleine Blümchen für Schürzen und Kleider bevorzugt“, so die Archäologin. Regionale Eigenheiten sucht man bei den Mustern allerdings vergeblich. Beatrix Nutz führt das vor allem auf die Walz – die traditionelle Wanderschaft, auf die Handwerksgesellen in dieser Zeit verpflichtend geschickt wurden – zurück. „Reisetagebücher von Blaudrucker-Gesellen berichten von Reisen durch ganz Europa – Natürlich haben diese Gesellen auch immer wieder neue Muster mitgebracht. Man kann sagen, dass sich die Muster eher nach den vorherrschenden Modetrends als nach regionalen Eigenheiten richteten.“

Betriebsspionage

In England und Holland erlebte der Blaudruck seinen Aufschwung bereits im 17. Jahrhundert, in den deutschsprachigen Raum kam er erst etwas später. „Im 17. Jahrhundert wurde im deutschsprachigen Raum noch Direktdruck mit Ölfarben betrieben. Da diese Farben aber nicht wirklich waschecht waren und durch das verwendete Öl mit der Zeit ranzig wurden, waren die mit Blaudruck bearbeiteten Stoffe beliebte Importware“, berichtet die Archäologin. Dies führte dazu, dass der Textildrucker Jeremias Neuhofer aus Augsburg seinen Bruder nach England schickte, um mittels Betriebsspionage herauszufinden, wie Blaudruck funktioniert. „Nach etwas Anlauf hat das auch geklappt, nur konnte Neuhofer den Blaudruck aufgrund der Zunftregeln nicht allein durchführen, da er Drucker aber nicht Färber war. Also musste er sich erst mit einem Färber zusammentun“, so Nutz. Nachdem Neuhofers Geschäft dann so gut lief, dass er aufgrund der großen Nachfrage auch einen Formstecher beauftragen musste, um die Modeln anzufertigen, blieb die Methode allerdings nicht mehr lange geheim und wurde nach und nach von weiteren Betrieben übernommen. Die steigende Nachfrage nach den Blaudrucken führte in manchen Gegenden auch zur Gründung einer eigenen Blaudrucker-Zunft. „Da Blaudrucker sowohl Färben wie auch Drucken mussten passten sie nicht wirklich in die Druckerei- und auch nicht in die Färberei-Zunft – da die Zünfte alle wichtigen Belange der Handwerker regelten, war eine eigene Blaudrucker-Zunft sicher ein Vorteil“, erklärt Beatrix Nutz. Für Tirol kann eine eigene Blaudruckerzunft allerdings nicht belegt werden. „Blaudrucker gehörten hier der Färberzunft an und wurden in den Zunftbüchern nur als Färbermeister geführt.“

Zunft als Heiratsmarkt

Auch in Bezug darauf, wer Färbermeister werden konnte, galten gewisse Regeln. „Da ein Färber sehr viele Betriebsmittel und eine große Fläche benötigte, um die Stoffe zwischen den einzelnen Schritten immer wieder zum trocknen aufzuhängen, konnten sich nur wenige Handwerker einen eigenen Betrieb leisten“, erläutert Nutz. Da es unwahrscheinlich war, dass ein Färbergeselle genug verdiente, um seinen eigenen Betrieb zu eröffnen, wurde meist nur der älteste Sohn eines Färbermeisters selbst Meister. Eine weitere Möglichkeit war, die Tochter eines Meisters zu heiraten, der keine Söhne hat oder auch die Heirat mit der Witwe eines früh verstorbenen Meisters. „Es war durchaus üblich, dass die Witwen geheiratet wurden, da auch in den Zunftregeln festgelegt war, dass die Witwe das Gewerbe weiter führen darf, wenn sie einen Mann aus der selben Zunft nimmt. Ehelichte sie einen Vertreter einer anderen Zunft verlor sie das Gewerbe“, verdeutlicht die Archäologin. Sie verweist dabei auf einen alten Handwerksspruch, auf den sie in einem Färbermuseum in Oberösterreich gestoßen ist: Mit Indigo färbt man blau. Wenn der Meister stirbt, heirate ich seine Frau. Wird der Meister länger leben, muss er mir seine Tochter geben.

Dieser Artikel ist in der April-Ausgabe des Magazins „wissenswert“ erschienen. Eine digitale Version ist hier zu finden (PDF).