Dynamisch und flexibel – So arbeiten wir heute

Flexible Arbeitszeiten, das Verschwimmen von Grenzen zwischen Beruf und Privatleben oder die Erwartung einer ständigen Erreichbarkeit am Smartphone sowie per Mail – das sind nur einige Faktoren, die Arbeitende in unserer Gesellschaft nur zu gut kennen. Jürgen Glaser, Arbeits- und Organisationspsychologe, versucht Strukturen in der Arbeitswelt zu verbessern.
Flexibles Arbeiten
Bild: Durch die Arbeitsstrukturen in einer leistungsorientierten Gesellschaft können die ArbeitnehmerInnen krank werden. Bild: Phil and Pam Gradwell (philandpam) (CC BY 2.0): https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/

Die Anforderungen an Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in einem leistungsorientierten Wirtschaftssystem sind besonders hoch. Unter dem Druck der zunehmenden Globalisierung und Marktorientierung wird Flexibilität in vielen Unternehmen zu einem sehr zentralen Thema. Sich immer rasanter entwickelnde Technologien sowie neue und schnellere Wege in der Kommunikation und Vernetzung beschleunigen das Leben der Menschen. Jürgen Glaser beschäftigt sich schon seit über zwanzig Jahren mit Themen der Gestaltung einer gesundheits- und persönlichkeitsförderlichen Arbeit und unterstützt mit seiner psychologischen Expertise auch Firmen, um dort Abläufe zu optimieren und so für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bestmögliche Arbeitsbedingungen zu gestalten.

Krank durch Arbeit

Der Wissenschaftler erklärt, dass im letzten Jahrzehnt eine starke Zunahme an psychischen Erkrankungen von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern verzeichnet wird. „Die Verantwortung zur Entstehung von solchen Krankheiten, wie etwa einer Depression, liegt nicht allein in der Veranlagung der betroffenen Personen, sondern auch in den Arbeitsbedingungen“, betont der Wissenschaftler. In einer modernen Arbeitswelt, in der übermäßiger Zeitdruck und das Motto „höher, schneller, weiter“ fast schon Programm ist, sei es nicht verwunderlich, dass Menschen darunter leiden. Flexible Arbeitszeitstrukturen gehören in vielen Unternehmen ebenso zur gelebten Realität wie entgrenztes Arbeiten. Damit meint der Experte die immer mehr verschwimmende Grenze zwischen Privat- und Arbeitsleben und die geforderte Bereitschaft der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, Mails auch in der „tariffreien“ Zeit und auch am Wochenende abzurufen und zu beantworten. „Man darf hier natürlich nicht prinzipiell die Möglichkeiten einer flexiblen Zeitgestaltung verteufeln. Es gibt, wie fast überall, auch hier zwei Seiten der Medaille. Zum einen gibt es Menschen, die sehr unter diesen Umständen leiden. Wenn hier der Leidensdruck zu groß und auch von keinem Außenstehenden erkannt wird, können diese Menschen krank werden. Umgekehrt gibt es ebenso Personen, die sehr gut mit solchen flexiblen Arbeitsmustern umgehen können und sich sogar freiwillig dazu entscheiden, noch am Abend oder am Wochenende für die Arbeit etwas zu erledigen. Wichtig dabei ist, dass sie selbst die Kontrolle über ihr Arbeitsverhalten haben“, führt Glaser die Vor- und Nachteile solcher Arbeitsbedingungen aus. Wichtig sei auch, so der Psychologe, dass nicht jede Erschöpfung und durch Stress verursachte Müdigkeit als Burnout bezeichnet werde. Neben psychischen Erkrankungen wie etwa einer Depression, können auch Herz-Kreislauferkrankungen oder Muskel-Skelettbeschwerden nachweislich Folgen von ungünstigen Arbeitsbedingungen sein.

Informieren und Vorbeugen

Jürgen Glaser und sein Team engagieren sich, Unternehmen möglichst umfassend und passgenau zu informieren und mit den Verantwortlichen gemeinsam Lösungen zu entwickeln. Dafür befragen sie in einem ersten Schritt alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie Führungskräfte, um anschließend die Ergebnisse mit ihnen zu diskutieren. „Abgestimmt auf das Ergebnis der Befragung gestalten wir Workshops, in denen wir mit den Betroffenen die aktuelle Situation besprechen und versuchen, ihnen in ihrer Situation zu helfen“, erläutert Glaser seine Arbeit in den Unternehmen. Der Experte ermuntert vor allem auch Führungskräfte, sich intensiver mit ihren Mitarbeitern auseinanderzusetzen und je nach deren individuellen Lebenslagen, Bedürfnissen und Kompetenzen zur Selbstorganisation beispielsweise Zeiten der Unerreichbarkeit zu vereinbaren. „Dies darf man allerdings auch nicht unkritisch betrachten, da die Entscheidung und die Kontrolle über das Arbeiten noch bei den Beschäftigten bleiben sollte. Wichtig wäre, den Betroffenen die nötigen Qualifikationen mitzugeben, damit sie reflektiert und bewusst mit ihren Arbeitsressourcen umgehen können“, so Glaser. In den Workshops sollen die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer sowie die Führungskräfte lernen, selbstverantwortlich mit ihrer Zeit und ihren Ressourcen umzugehen.

 Umdenken

Kommunikation wird durch technische Innovationen immer schneller, die Wege zwischen zwei Gesprächspartnern durch verkürzte Transport- und Reisezeiten immer kürzer und die Erwartungshaltung Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern gegenüber immer höher. Paradoxerweise haben die Menschen aufgrund dieser vielen Möglichkeiten der Beschleunigung am Ende nicht mehr Zeit übrig. Das heißt, dass die unzähligen innovativen Technologien zwar Informationen schnell verbreiten und bewegen können, dies den Menschen aber letztlich keine Zeitersparnis bringt. Im Gegenteil – die Informationen kommen vom Gegenüber ebenso schnell wieder zurück, wie sie dorthin gelangt sind. Die wachsende Komplexität einer Welt der immer schneller werdenden Kommunikation und der immer höher werdenden Ansprüche, lässt den Wunsch der Menschen nach einer Verlangsamung des Lebensrhythmus aufkommen. „Auf einer individuellen Ebene lassen sich bereits Trends zur Entschleunigung erkennen. Wir beobachten bei den sogenannten Digital Natives, jenen jungen Menschen, die bereits mit den neuen Medien aufgewachsen sind, den Beginn eines Umdenkens“, so Glaser, der betont, dass ihre Aufgabe als Arbeits- und Organisationspsychologen auch darin besteht, den Verantwortlichen in Unternehmen den Schlüssel zum Erfolg, eine gute Arbeitsorganisation, zu vermitteln. „Wir versuchen, in den angebotenen Workshops Störungen im Betrieb abzubauen. Dazu zählt unter anderem, dass wir den Informationsfluss optimieren wollen und ein besseres Miteinander im Team forcieren. Es ist zu beobachten, dass die Leute dadurch motivierter und weniger gestresst sind. Zusätzlich zeigen sie eine höhere Arbeitsleistung. Ein weiterer Nebeneffekt ist auch, dass sich die Arbeitenden mehr an das Unternehmen gebunden fühlen“, so der Experte. Glaser weist darauf hin, dass sich Betriebe und Führungskräfte mit solchen Maßnahmen auch hohe Kosten durch Fehlzeiten, Arbeitsverweigerung oder Zurückhaltung ersparen. „Mir ist es wichtig, nicht nur den Einzelnen und die Einzelne als verantwortlich zu sehen. Maßnahmen zur Gesunderhaltung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter können nicht ohne den Blick auf die betrieblichen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Verhältnisse umgesetzt werden. Mich dafür einzusetzen, ist Gegenstand meiner Forschung, Lehre und Beratung.“

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 (Bild oben: Phil and Pam Gradwell (philandpam) (CC BY 2.0)

Dieser Artikel ist in der April-Ausgabe des Magazins „wissenswert“ erschienen. Eine digitale Version ist hier zu finden (PDF).