Das Haus ist ein Lichtgefäß

Sichtbar und doch nicht greifbar – das Licht fasziniert die Architektin und Wissenschaftlerin Gabriela Seifert, die an der Fakultät für Architektur an der Uni lehrt und forscht. Ihre künstlerischen und wissenschaftlichen Arbeiten sind von diesem Einfluss geprägt.
Living Room
Bild: Das "living room" in Gelnhausen vereint besondere Lichtkonzepte. (Bild: formalhaut)

Ein besonderes Wohnhaus ist im Spannungsfeld zwischen neuer und alter Architektur, Innovation und Tradition, öffentlichem und privatem Raum sowie dem Spiel mit Licht und Dunkelheit entstanden. Gabriela Seifert kreierte gemeinsam mit ihrem Partner Götz Stöckmann das „living room“ in Gelnhausen, in der Nähe von Frankfurt am Main. 64 Lochfenster in Fassade und Dach setzen das Licht eindringlich in Szene und unterstreichen den von den Architekten gewählten Leitsatz: „Das Haus ist ein Lichtgefäß“. Mitten in der Altstadt, einem historisch gewachsenen mittelalterlichen Stadtkern, präsentiert sich das Architektur- und Kunstprojekt von „formalhaut“, dem Unternehmen von Gabriela Seifert, das sie gemeinsam mit ihrem Partner betreibt. Ihre Kreativität und Erfahrungen bringt die Architektin direkt in ihre akademische Lehre am Institut für Gestaltung an der Uni Innsbruck ein. Den Studierenden neue Sichtweisen und Perspektiven aufzuzeigen, ist eines der Ziele von Seifert. „Am Institut arbeiten wir zum Schwerpunkt ‚Mensch und Raum’, ‚Raumwahrnehmung’ und ‚Immaterielle Qualitäten in der Architektur’. Dabei ist es uns ein großes Anliegen, die Bedürfnisse von Menschen und ihren soziokulturellen Gruppen in die Gestaltung von Räumen mit einzubeziehen“, erläutert Seifert. Die Architektin veranschaulicht, dass in ihrem Fach der Raum nicht nur als einfacher Innen- oder Außenraum verstanden werden soll. Eher begreift sie und ihre Kolleginnen und Kollegen am „studio2“ den Raum als ein größeres Konstrukt, zu dem der Außen-und Stadtraum ebenso zählt, wie die uns umgebende Landschaft und Natur. Raum ist für die Architektin etwas größeres, in dem wir uns bewegen. „Mir ist es wichtig, das Außen in die Architektur zu integrieren und nicht nur Löcher in die Fassade zu bauen, um das Tageslicht in den Innenraum zu lenken“, verdeutlicht die Architektin, die ein gesamtes Licht- und Raumkonzept verwirklichen will. Die Architektur um der Form Willen, ist nicht primäres Ziel der Künstlerin. Vielmehr versucht sie, Licht, in den unterschiedlichsten Formen und Zuständen, erlebbar zu machen.

Licht-Raum

Raum und Licht sind zwei Größen, die, laut Gabriela Seifert, untrennbar miteinander verbunden sind. „Eine wesentliche Frage in der Architektur ist die nach der Schönheit. Was ist schön und was macht Schönheit aus? In meinen Augen ist es das Licht, das die Schönheit eines Raumes erst vermittelt, stellt die Architektin ihre Ansichten dar. Die Symbiose von Licht und Raum ist für Seifert nicht nur in der klassischen Architektur von Gebäuden und Innenräumen greifbar. Fasziniert von Effekten, Formen und neuen Möglichkeiten, macht sich die Architektin dort auf die Suche nach dem Licht, wo man es nicht vermutet – in der Nacht. Dazu entsteht eine dreibändige Publikation, das „dim diary“, das in Australien fotografiert wird. „Das Tageslicht ist eine Selbstverständlichkeit, die uns täglich umhüllt und mit der wir es gewohnt sind, zu leben. Ein großer Unterschied in der Gestaltung von Räumen und deren Beleuchtung besteht in der Verwendung von Tages- oder Kunstlicht“, so die Wissenschaftlerin. Eine normale Arbeitsbeleuchtung hat eine Intensität von etwa 1.000 Lux, wobei ein heller Sonnentag etwa 100.000 Lux zu bieten hat. „Besonders fasziniert mich aber ein ganz anderer Licht-Raum, abseits von dem so mächtigen Tageslicht. Es ist das schwache und diffuse Licht, das mich beeindruckt. Die Dämmerung lässt uns Raum ganz anders und mit allen Sinnen erfahren“, so Seifert. Den Lichtraum in der Nacht fotografisch festzuhalten, ist eines der Projekte, an dem die Architektin arbeitet. „Diese Arbeiten sind Zeichnungen mit Licht, fotografisch durch nächtliche Langzeitbelichtungen sichtbar gemachte Räume“, erläutert Seifert. Ausgerüstet mit einfachen Taschenlampen werden geometrische Figuren und Texte in die Landschaft „geschrieben“. Die Schwierigkeit besteht darin, die entstehenden Lichtfiguren vorher umgekehrt perspektivisch in die Topografie der Landschaft zu konstruieren. Das Licht im Raum bekommt in diesem Projekt der Architektin eine neue Dimension und neue Bedeutungen. „Beobachtet man das sichtbare Universum von der Erde aus, so sieht man auch dort Muster, Formen und Figuren. Mit Studierenden zeichneten wir für eines der Fotos Sternzeichen mit Licht auf der Erde nach“, erläutert Seifert, die ihren Studierenden besonders die erweiterte Wahrnehmung für Dimensionen, Räume und Grenzen mitgeben möchte. Die Spannung der Beziehung zwischen Kosmos und Erde wird in diesem Projekt deutlich.

Sternenzelt im Schlafzimmer

Das Licht der Nacht auch konkret in die Architektur miteinzubeziehen, war für Seifert eine weitere große Herausforderung. Im „living room“ ist es gelungen, den Landschaftsraum in das architektonische Konzept zu integrieren. Nicht genug, dass das Haus rundherum mit Fenstern umgeben ist, die Architekten haben sich für die Realisation ihres Konzepts etwas ganz Ungewöhnliches einfallen lassen. „Wir holen den nächtlichen Sternenhimmel ins Schlafzimmer“, so Seifert. Um dies zu realisieren, wurde das Schlafzimmer des Hauses als eine Schublade gebaut, mit der der Innenraum nach außen gefahren werden kann. Plötzlich findet man sich, im Bett liegend, außerhalb des Hauses, unter dem Licht des Kosmos wieder. Das „living room“ ist ein Ensemble von Konzepten und Ideen, das derzeit städtebaulich noch erweitert wird. Das Spiel mit Außen- und Innenraum, privatem und öffentlichem Raum sowie Natur- und Lichtraum wird von der Öffentlichkeit interessiert und begeistert aufgenommen. Das Haus ist ein Lichtgefäß – Gabriela Seifert liebt und lebt für den besonderen Raum in der Architektur

Dieser Artikel erscheint in der aktullen Ausgabe von „Zukunft Forschung“, dem Forschungsmagazin der Universität Innsbruck. Eine digitale Version der Magazin-Ausgabe ist hier zu finden.