Vorgestellt: Wie lebt man in Lampedusa?

Gilles Reckinger, neuberufener Professor für Interkulturelle Kommunikations- und Risikoforschung, interessiert sich besonders für das Leben an der Grenze, die Arbeitswelt und Prekarisierungsprozesse sowie für Jungendforschung. Ein großes Anliegen ist ihm die verborgene und unsichtbare Seite der Migration. Seine Professur wurde von der Stiftung Südtiroler Sparkasse gestiftet.
Gilles Reckinger
Bild: Gilles Reckinger ist Professor für „Interkulturelle Kommunikation- und Risikoforschung“ (Foto: Manfred Arthaber)

„Wie lebt man in Lampedusa?“ Diese scheinbar simple Fragestellung hat Gilles Reckinger ins Zentrum seiner Forschungsinteressen der letzten Jahre gestellt. Seine Faszination für diese Insel ist bereits als Jugendlicher entstanden. Mit der Unterzeichnung des Vertrags von Maastricht und dem Schengener Abkommen lotete der Forscher die Außengrenzen Europas mit dem Finger auf der Landkarte aus. Die Möglichkeit, die südlichste Insel Italiens ohne Pass bereisen zu können, weckte schon damals seine Neugierde. Nachdem Gilles Reckinger die medialen Berichterstattungen über Lampedusa mitverfolgt hat, entschloss er sich im Jahr 2009 zu einer Forschungsreise auf diese Insel aufzubrechen. Gemeinsam mit seiner Frau und einer Videokünstlerin stellte er schnell fest, dass die Insel vollkommen anders ist, als sie in der Öffentlichkeit dargestellt wird.

Kein Platz für Rassismus

Anders als die Medien stellte Reckinger nicht die Migrantinnen und Migranten in den Mittelpunkt seiner Auseinandersetzungen, sondern alle Menschen, die auf der Insel leben. Trotz der schwierigen Lebensbedingungen auf Lampedusa sieht Reckinger diese Insel als Vorbild und „wie ein Laborbeispiel“ für ein interkulturelles Zusammenleben. Auf der kleinen Insel ist kein Platz für rassistische Projektionen. Die etwa 5.000 Lampedusani fühlen sich laut Reckinger von den jährlich bis zu 30.000 ankommenden Migrantinnen und Migranten nicht überschwemmt, wie es in einigen Berichterstattungen dargestellt wird. Für sie sind das Menschen, die Schiffbruch erlitten haben und die ihrer Hilfe bedürfen. Die lokale Bevölkerung kämpft selbst täglich mit den Tücken des Meeres, da sie auf die Lebensmittelversorgung mittels Fähre vom Festland angewiesen ist. „Weil es so ein alter Schrotthaufen ist“, kann diese Fähre im Winter oft auch wochenlang ausbleiben. Das Meer ist ein ständig präsenter Teil des Lebens auf Lampedusa und jeder, der aus dem Meer gerettet wird, sollte die Hilfe bekommen, die er braucht. Dabei es ist unbedeutend, wo diese Menschen herkommen und welche Ansichten sie haben – die unmittelbare Hilfe steht für die Lampedusani an erster Stelle.

„Langsam schauen“

Gilles Reckinger plädiert in einer geschwindigkeitsorientierten Zeit dafür, genau hinzusehen und sich die Zeit zu nehmen, Dinge zu verstehen. Bei seinen Reisen lebte er wochenlang mit den Menschen und nahm sich die Zeit, ihre Geschichten zu hören. Aus der Vielzahl an Gesprächen entstand ein Puzzle, das ihn schlussendlich der Beantwortung seiner Fragestellung näher brachte. Reckinger weist darauf hin, dass die Bilder, die in den Medien verbreitet werden, konstruiert sind. Die Lampedusani, so der Forscher, störten sich mehr an dieser medialen Einmischung als an den ankommenden Menschen. Für Reckinger ist es wichtig, den Menschen ein Gesicht zu geben und sie zu Wort kommen zu lassen: „Hinzuschauen ist nur mit Zeit und Langsamkeit möglich.“

Das Leben an der Grenze

Die Grenze und das Leben zwischen mehreren Ländern, Sprachen und Kulturen prägte Gilles Reckinger schon als Kind, da er selbst in einem kleinen Dorf in Luxemburg, an der Grenze zu Belgien, aufwuchs. Sein Interesse für die Menschen die immer etwas „dazwischen“ sind, ist daher bei ihm schon früh entstanden. Die Migrantinnen und Migranten auf Lampedusa sind für ihn die Vorzeige-Europäer, „weil sie das machen, was die Europäer letztendlich nicht machen – nämlich über Grenzen schauen.“ Reckinger erinnert sich an viele, die sich nach ihrer Ankunft auf Lampedusa auch sprachlich ihrem Umfeld rasch angepasst haben. „Das sind zum Beispiel Leute, die ganz schnell Französisch gelernt haben, nachdem sie auch ganz schnell Italienisch gelernt haben und Englisch sowieso schon konnten.“ Dieses Potenzial dürfe man nicht übersehen. Das Kommen und Gehen und das Überschreiten von Grenzen ist für die Menschen auf Lampedusa alltäglich.

„Das Boot fährt nach Afrika.“

Ein besonders schönes Bild zeichnete ein junger Mann, mit dem Gilles Reckinger die Insel erkundete. „Eigentlich ist Lampedusa wie ein großes Boot.“ Die Insel wird von ihm als ein Boot dargestellt, das alle seine Mitreisenden vereint und ihnen einen gemeinsamen Rahmen gibt. Reckinger thematisierte dieses Bild immer wieder in Gesprächen und die Menschen ergänzten es fortwährend. „Das Boot ist morsch, die Ruder sind faul, der Kapitän ist betrunken.“ Der Forscher fragte nach, wohin sich denn dieses Boot bewege. „Auf keinen Fall nach Italien!“, war eine der Antworten. Laut Reckinger fühlten sich die Menschen auf Lampedusa von Italien verlassen. Einer der Befragten antwortete zu seiner Überraschung: „Das Boot fährt nach Afrika.“ Auch damit verstärkte er das Empfinden der Lampedusani gegenüber Italien. Sie seien solidarisch untereinander und mit den Menschen, die aus Afrika kommen. Die Bewohner auf Lampedusa seien genauso arm wie die ankommenden Migrantinnen und Migranten und grenzten sich damit auch von dem Europa ab, das sie im Stich gelassen habe.

In seiner aktuellen Forschung beschäftigt er sich wieder mit dem Süden Italiens. Im Fokus stehen diesmal Migrantinnen und Migranten, die über Lampedusa nach Europa gekommen sind und auf Obstplantagen in Kalabrien als Arbeiter unter katastrophalen Bedingungen ihr Auskommen finden müssen. Auf die Frage, ob er noch Kontakt zu Menschen auf Lampedusa habe, antwortete Reckinger: „Selbstverständlich. Das ist eine Insel, die lässt einen nicht mehr los.“

Zur Person:

Prof. Dr. Gilles Reckinger, geboren 1978 in Luxemburg, studierte in Graz Kulturanthropologie, Europäische Ethnologie und Soziologie. Nach seiner Dissertation in St. Gallen und Forschungsaufenthalten in Genf, Québec und Montreal verbrachte er drei Jahre als selbstständiger Forscher in Luxemburg, bevor er wieder nach Österreich zurückkehrte. Seit Oktober letzten Jahres ist er an der Universität Innsbruck am Institut für Geschichtswissenschaften und Europäische Ethnologie in einer Stiftungsprofessur für interkulturelle Kommunikations- und Risikoforschung tätig. Diese Stelle wird von der Stiftung Südtiroler Sparkasse finanziert.