Vorgestellt: Horizonte psychologischer Diagnostik

Psychologische Diagnostik, Emotion, Persönlichkeitsentwicklung und Musikwahrnehmung sind wissenschaftliche Interessen von Marcel Zentner, Professor am Institut für Psychologie an der Universität Innsbruck. Seit Anfang März unterrichtet und forscht er in Innsbruck, bringt engagierte Projekte mit und verfolgt seine internationalen Forschungen auch weiterhin zielstrebig.
Marcel Zentner
Bild: Professor Marcel Zentner engagiert sich wissenschaftlich für die psychologische Diagnostik. (Bild: Maria Iannizzi)

„In Innsbruck habe ich eine Professur für Persönlichkeitspsychologie, differenzielle Psychologie und Diagnostik inne. Daher bin ich hier drei Personen in einer“, schmunzelt Zentner, der aus England von der Uni York dem Ruf nach Innsbruck gefolgt ist. Innsbruck sei für ihn keineswegs ganz fremd: „Ursprünglich bin ich Schweizer, bin aber, aufgrund der italienischen Herkunft meiner Mutter, ein Doppelbürger. Zu Besuchen nach Udine fuhren wir immer über Innsbruck – daran kann ich mich als Kind noch erinnern.“ Seit März ist Innsbruck nun für den Schweizer Wissenschaftler keine Stadt, die man nur passiert, sondern er hat sich an der Uni bereits gut eingearbeitet. Tatsächlich umfasst seine Position ein sehr breites Spektrum an Forschungsfeldern, die der Wissenschaftler mit Begeisterung ausfüllt. Ein sehr umfassendes Gebiet, mit dem sich Zentner intensiv beschäftigt ist die Verbindung von Psychologie und Musik, denn diese, so der Psychologe, beeinflusse die Menschen in einer ganz besonderen Art und Weise. Ein besonderes Interesse von Zentner ist die psychologische Diagnostik, die über seine verschiedenen Interessensgebiete hinweg einen Platz hat.

Musik als Gegenstand psychologischer Diagnostik

In den letzten Jahren befasste sich der Forscher mit der Entwicklung eines Tests zur objektiven Erfassung von Musikalität, der in der rapide zunehmenden Zahl von Studien eingesetzt wird, um die Verbindungen zwischen Musikalität und anderen Eigenschaften wie Sprachbegabung oder Empathie zu untersuchen. Bislang wurden in solchen Studien lediglich „Musiker“ und „Nicht-Musiker“ verglichen, wobei die Zugehörigkeit zur einen oder anderen Gruppe oft auf einer Selbsteinschätzung beruht: „Diese Klassifikation ist unzureichend, weil sie zwei Typen von Personen nicht erfasst: die ‚Musikalischen Schläfer’, daher musikalisch veranlagte Personen ohne formales musikalisches Wissen, und ‚schlafende Musiker’, Personen mit langer musikalischer Ausbildung, aber begrenzter musikalischer Begabung.“ Der Test erfasst Wahrnehmungsfähigkeiten in den neun Bereichen Rhythmus, Klangfarbe, Tempo bis zu Wahrnehmung reiner Stimmung und dauerte in seiner ersten Version eine Stunde – zu lange für die meisten Teilnehmenden. Nach seiner Ankunft in Innsbruck hat Zentner daher eine kürzere Version entwickelt, den sogenannten „Mini-Proms“, der nur 15 Minuten dauert und auf der Seite des psychologischen Institutes zum Selbsttesten frei zugänglich ist.

Neu ist für den Forscher die Beschäftigung mit Musik nicht. Internationale Beachtung haben auch seine Arbeiten zu musikalischen Veranlagungen im Säuglingsalter gefunden. So wiesen er und ein Kollege nach, dass sich Säuglinge bereits im Alter von fünf bis sechs Monaten zu Musik bewegen. „Dabei sahen wir, dass sich die Kinder nicht einfach wild bewegen, sondern teilweise bereits im richtigen Tempo und zur Musik. Anhand von speziellen Kameras, die eine dreidimensionale Auflösung von Bewegungsmustern ermöglichen, konnten wir die Bewegungsabläufe der Kleinkinder auf die Millisekunde genau musikalisch abbilden. Zum Vergleich wurden den Kindern auch Sprechstimmen vorgespielt, die dieses Verhalten allerdings nicht ausgelöst haben“, erklärt der Psychologe. „Ein kurioses Resultat dieser Untersuchung war, dass je rhythmischer sich die Kleinkinder zur Musik bewegten, desto eher lächelten sie und schienen mehr Freude hatten“, zeigt sich Zentner überrascht.

Schubladen-Emotionen reichen nicht

Dass Musik Emotionen so früh auslösen kann hat den Forscher dazu angeregt, solche „musikalischen Emotionen“ eingehender zu untersuchen. Angst, Furcht, Ärger, Freude, Traurigkeit – sogenannte Basisemotionen reichen nicht aus, um durch Musik ausgelöste Gefühlsregungen zu beschreiben. „In mehreren Studien über verschiedene Musikstilrichtungen erwiesen sich aus anfänglich über 500 Emotionsausdrücken nur ungefähr 50 als musikalisch wirklich relevant. Diese haben wir dann durch statistische Verfahren der Datenreduktion zu neun Kategorien bündeln können“, so Zentner. In diesem Modell, auch GEMS (Geneva Emotional Music Scale) genannt, finden sich Kategorien die Emotionen aus den Bereichen Sehnsucht, Nostalgie, Verzauberung, Freude, aber auch Traurigkeit zusammenfassen. „Mit Kollegen aus der Neurowissenshaft konnten wir daraufhin nachweisen, dass das Erleben solcher Emotionen auch mit spezifischen hirnphysiologischen Aktivierungsmustern einhergeht. Beispielsweise wird der Hippocampus oder die Insula, die selbstreflexive und gedächtnisbezogene Funktionen steuern, durch die Emotion ‚Nostalgie’ angeregt“, erklärt Zentner. Solche Erkenntnisse könnten auch in der Neurologie verstärkt eine Rolle spielen. Ein Auge auf das GEMS-Modell hat inzwischen auch die Wirtschaft geworfen: „Google ist daran interessiert wie Suchmaschinen durch unsere musikspezifischen Emotions-Labels optimiert werden können.“ Ähnlich wie Kaufempfehlungen bei Amazon, soll es mit Hilfe von bestimmten Algorithmen möglich werden, Besuchern von Musik-Portalen wie „Youtube“ Lieder vorzuschlagen, die jene Emotionen auslösen, die Besucher auch beim Hören anderer Musik erlebt haben dürften. „Auch für Medienschaffende und Filmproduzenten kann diese Arbeit interessant sein, beispielsweise um eine passende Filmmusik besser finden zu können“, begeistert sich der Psychologe.

Ursprünge der Persönlichkeitsentwicklung

Der Psychologe beschäftigt sich in seinen Forschungen nicht nur mit dem Verhältnis von Psychologie und Musik. Bereits während seiner Zeit als Postdoc an der Harvard-Universität befasste sich Zentner mit den Grundlagen und der Entwicklung von Persönlichkeitsunterschieden. Inzwischen hat der Forscher als Mitarbeiter des „Mauritius Child Health Project“ ideale Bedingungen zur Untersuchung dieser Frage. In dieser Studie werden über 1000 im Jahre 1969 geborene Kinder bis heute in regelmäßigen Abständen, in sogenannten follow-ups, untersucht. Die reichhaltigen Daten aus diesem Projekt bieten eine einzigartige Möglichkeit herauszufinden, auf welche Eigenschaften des Kindes und seiner Umwelt normale und abnormale Persönlichkeitsvarianten zurückgehen. Hierzu gehört die Untersuchung von Faktoren der Schwangerschaft, der Ernährung, der sozialen Schichtzugehörigkeit und des Temperaments, zu denen der Wissenschaftler kürzlich ein internationales Standardwerk publiziert hat: „Frühe Formen fehlender Impulskontrolle, wie eine Unfähigkeit zum Belohnungsaufschub, werfen besonders lange Schatten voraus und erwiesen sich als Vorboten einer ganzen Reihe späterer psychischer Auffälligkeiten, einschließlich von Psychopathie und Kriminalität. Diese Erkenntnisse liefern eine wichtige Grundlage für gezielte Präventionsmaßnahmen.“ Zur Früherkennung solcher Temperaments-Risikofaktoren hat der Psychologe ebenfalls ein diagnostisches Verfahren entwickelt, das Integrative Child Temperament Inventory – ICTI, das auf deutsch übersetzt folgendermaßen betitelt wird: Inventar zur integrativen Erfassung des Kind-Temperaments, IKT.

Zur Person

Der in der Schweiz geborene Wissenschaftler konnte sich nicht von Beginn an für Psychologie begeistern: „In Zürich begann ich mit meinem Studium der Psychologie, doch fand ich das Fach langweilig. Als Austauschstudent verbrachte ich dann ein Jahr in Amerika und kam mit einer komplett veränderten und neuen Einstellung zurück und war begeistert für diese Forschungen zurück.“ Nach Studienabschluss zog es Zentner als Postdoc erneut zurück in die USA, an die Universität in Harvard. An der Universität in Genf erhielt er eine Förderungsprofessur, die vom schweizerischen Nationalfonds finanziert wurde. In dieser Zeit begannen seine Forschungen zu Musik und Emotionen. Eine weitere berufliche Möglichkeit eröffnete sich für ihn in England an der Universität in York. Nach fünf Jahren Forschung und Lehre dort, wechselte er im März 2014 an die Uni Innsbruck. „Ich möchte meine Interessen auch in das bereits sehr vielseitige Studienangebot integrieren und mich auch dafür besonders einsetzen, um ein auch ein dem Markt entsprechendes Studienprogramm anzubieten“, freut sich Zentner auf seine Arbeit in Innsbruck.