Vorgestellt: Für die Underdogs der Antike

Perser, Parther, Makedonen und die späte Römische Republik: Sabine Müllers Forschungsinteressen sind vielfältig. Die neuberufene Professorin für Alte Geschichte beschäftigt sich auch mit der Verlässlichkeit antiker Quellen – und ist bestrebt, manche Zerrbilder zu korrigieren, etwa über die hellenistischen Königinnen.
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Bild: Sabine Müller ist seit Oktober 2013 Professorin für Alte Geschichte in Innsbruck. (Foto: Kirsten Schade)

„Ich habe ein Herz für die Underdogs“, sagt Prof. Sabine Müller mit einem Lächeln. Die gebürtige Gießenerin ist seit Oktober 2013 Professorin für Alte Geschichte in Innsbruck, ihr Forschungsinteresse gilt neben dem Perserreich und Herodot auch den hellenistischen Königinnen und dem Partherreich – und damit in der römischen und griechischen Geschichtsschreibung sehr einseitig dargestellten Personen und Ethnien. „Einige hellenistische Herrschergattinnen waren zum Beispiel zum Teil an der Ausübung der Herrschaft beteiligt, konnten in Abwesenheit ihrer Männer oder eines mündigen Thronfolgers Regentinnentätigkeit erfüllen, als Münzherrinnen auftreten oder in verschiedener Rolle Feldherrentätigkeiten übernehmen – für die Griechen und Römer war das alles undenkbar“, erklärt sie. So wurden diese Frauen aus der Zeit Alexanders des Großen und seiner Nachfolger in der griechischen und römischen Historiografie dann auch als herrschsüchtig, eitel und intrigant dargestellt, weil sie dynastisch komplementär zu ihren Männern in der Repräsentation auftreten konnten. „Diese Zerrbilder, die sich aus dieser Außensicht ergeben, gehören richtiggestellt, und dazu will ich einen Beitrag leisten.“

Perser und Parther

Ähnliches trifft auch auf das Partherreich zu: Im 3. Jahrhundert vor Christus eroberten die Parther große Teile des heutigen Iran und des Seleukidenreichs – eines der nach dem Tod Alexanders des Großen aus seinem Reich hervorgegangenen Diadochenreiche – und treten damit indirekt (und vor allem auch in römischer Ausdeutung) die Nachfolge des ersten persischen Großreichs an. „Das Reich der Parther war seit dem 1. Jahrhundert vor Christus der entscheidende Konkurrent Roms im Osten. Sogar in einem Gedicht von Horaz wird den Parthern die Pest an den Hals gewünscht – das trübt natürlich auch das Bild, das wir heute von den Parthern haben, da es nur die römischen Aufzeichnungen als ausführlichere schriftliche Quellen gibt“, erklärt Sabine Müller. Diese gegnerische Außensicht ist maximal die halbe Wahrheit, wie die Althistorikerin darzustellen versucht: „Die Römer sehen das Partherreich als lockeren Zusammenschluss einzelner Gebiete und damit als schwache Ansammlung von Einzelreichen. In Wahrheit war dieses Gebilde sehr stabil, gerade weil die einzelnen Ethnien ihre lokalen Traditionen und ihre Kultur behalten durften.“ Müller arbeitet gemeinsam mit Udo Hartmann, einem Kollegen, gerade an einer Monografie zur Strukturgeschichte des Partherreichs, wo sie den inneren Aufbau des Reichs genauer untersuchen.

Inwieweit die Parther außerdem strukturell viele Merkmale des Perserreichs übernehmen, ist derzeit ein Brennpunkt in der Forschungsdiskussion. Insgesamt ist das persische Erbe nicht gering einzustufen: „Ohne die Perser ist vieles in der Antike nicht denkbar: Hier haben wir ein ausgefeiltes Straßensystem, die höfische Ordnung, die Ikonografie; wirtschaftliche Perspektiven spielen bei einigen späteren Reichen eine Rolle und werden teilweise übernommen.“ Das erste persische Großreich, das Teispiden- und Achämenidenreich, besteht von ungefähr den 550er Jahren bis 331 vor Christus und zeichnet sich, ähnlich wie das Partherreich, dadurch aus, dass eroberten Gebieten etwa nicht Hauptgottheiten oder kulturelle Eigenheiten der persischen Eroberer aufgezwungen werden. „Diese ‚Toleranz‘ verleiht auch Stabilität.“

Das Ende der römischen Republik

Sabine Müller forscht auch zur späten Republik Roms im ersten Jahrhundert vor Christus vor dem Übergang zur Römischen Kaiserzeit. „Ich arbeite gerade an einer Monografie zu Sertorius, einer spannenden Figur aus dieser Zeit“, sagt sie. Quintus Sertorius stammte aus dem Ritterstand, war als Feldherr erfolgreich und später spanischer Statthalter. Im Bürgerkrieg zwischen Marius und Sulla und ihren Anhängern schlug er sich auf die Seite von Marius und Cinna. Als das Blatt sich wendete und Sulla siegreich zurückkehrte, errichtete Sertorius in Spanien ein Zentrum des Widerstands von Exilrömern gegen das stadtrömische Regime. „In der römischen Sprachregelung wird er danach abwertend als eine Art Räuberhauptmann dargestellt, in Wahrheit war seine Haltung und Selbstdarstellung aber im Rahmen der römischen Tradition“, erklärt Sabine Müller.

Den Weg zur Alten Geschichte fand Sabine Müller allerdings nicht über Rom oder das Perserreich, sondern indirekt über das alte Ägypten. „Ich kann mich noch daran erinnern, als kleines Kind – ich konnte noch nicht lesen – ein Lustiges Taschenbuch durchgeblättert zu haben. Dort kam eine Mumie vor, nach der ich meinen Vater gefragt habe, weil ich das nicht kannte – er nahm mich dann mit ins Museum, um mir Mumien zu zeigen und zu erklären. Aus diesem einen Museumsbesuch entstand eine regelmäßige Tradition und so ist mein Interesse an Geschichte entstanden und gewachsen“, erzählt sie. Neben ihrer wissenschaftlichen Arbeit war Sabine Müller in Gießen später auch ehrenamtlich regelmäßig bei „MuSEHum“, der museumspädagogischen Abteilung des Oberhessischen Museums Gießen, tätig, zuletzt von 2004 bis 2006 als dessen Leiterin. Nach dem Studium in Gießen forschte und lehrte Müller in Hannover, Siegen und Kiel, bevor sie 2013 an die Universität Innsbruck wechselte, wo sie die Alte Geschichte auch in der Lehre vertritt. „Ich lehre sehr gerne, vor allem, weil das ja keine Einbahnstraße ist – ich lerne und meine Studierenden lernen, man beflügelt sich gegenseitig. Es stimmt schon, ohne Forschung wäre gute Lehre nicht möglich, das trifft aber umgekehrt genauso zu.“