Vorgestellt: Europa verstehen

Andreas Maurer, neuberufener Professor für Europäische Integration am Institut für Politikwissenschaft, plädiert für eine intensivere Auseinandersetzung mit der EU und ihren Funktionsweisen. Einen Beitrag zu einem besseren Verständnis des komplexen Systems der Europäischen Union zu leisten, ist dem Europaforscher ein wichtiges Anliegen.
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Bild: Andreas Maurer ist Professor für Politikwissenschaft an der Uni Innsbruck. (Foto: Andreas Friedle)

„Wir haben in der Europaforschung zwei Bibeln: der Vertrag auf der einen und die Geschäftsbedingungen auf der anderen Seite“, beschreibt Dr. Andreas Maurer seine wichtigsten „Untersuchungsgegenstände“. Zentrales Forschungsinteresse des Wissenschaftlers ist die Analyse der europäischen Vertragsgrundlagen und deren dynamischer Entwicklung. Maurer beschäftigt sich vordergründig mit der Frage, in welcher Form die Handlungsangebote der EU vonseiten der Politik, der Wirtschaft, von NGOs aber auch von den Bürgern selbst genutzt werden. „Durch laufende Adaptierungen der Rechtslage versucht die EU Anreize dafür zu schaffen, dass sich die Bevölkerung in einem stärkeren Ausmaß unmittelbar an Entscheidungsprozessen beteiligt“, verdeutlicht Maurer. „Mich beschäftigt, wie und warum dieses Angebot angenommen wird – oder auch nicht.“

Mitbestimmung gewünscht?

Seit etwa einem Jahr gibt es beispielsweise die Europäischen Bürgerinitiativen: Eine Million Unterschriften sind erforderlich, damit sich die EU-Kommission mit dem Anliegen der Initiative befassen muss, bisher mit eher mäßigem Erfolg. „Da immer wieder der Vorwurf auftaucht, dass die EU alles von oben herab bestimme, mutet diese fast flächendeckende Stimmenthaltung einigermaßen paradox an“, sagt der Europaforscher. Desinteresse und Vertrauensverlust seien auch der populistischen Nutzung von Schlagworten wie „Euro-Krise“ und „Rettungsschirm“ geschuldet. Diese EU-Verdrossenheit sieht Maurer allerdings gelassen: „Das ist gelebte Demokratie, man kann und muss keine 100-prozentige Zustimmung erwarten“.

Blick für den Vertrag

Andere Menschen vom europäischen Gedanken zu überzeugen, sieht Maurer nicht als Ziel seiner Lehr- und Forschungstätigkeit. Dem Wissenschaftler geht es vielmehr darum, gerade junge Menschen für die Wichtigkeit einer intensiven Auseinandersetzung mit der EU und ihrer rechtlichen Grundlagen zu sensibilisieren. Besonders für eine berufliche Perspektive hält Maurer fundiertes Wissen über die EU für enorm wichtig: „Vom Gemeinderat bis zum Nationalrat gehen sehr viele Entscheidungen letztlich auf einen Impuls der EU zurück. Politologen sollten daher dazu in der Lage sein, den Menschen Brillen anzubieten, durch die sie das komplexe, aber für jeden Bürger relevante System der EU besser erfassen können“, ist Andreas Maurer überzeugt.

Zur Person

Andreas Maurer, geboren 1965 in Koblenz, studierte Politikwissenschaft, Rechtswissenschaft, Soziologie und Sozialpsychologie in Frankfurt/Main und Paris sowie Europäische Verwaltungswissenschaften am Europa-Kolleg Brügge. Seine Dissertation wurde mit dem Wissenschaftspreis des Deutschen Bundestages ausgezeichnet. Maurer war über mehrere Jahre hinweg wissenschaftlicher Mitarbeiter der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin, er hatte und hat mehrere Beraterfunktionen in der EU inne. Im September 2013 folgte der Europaforscher dem Ruf nach Innsbruck.

(Melanie Bartos)

Dieser Artikel ist ursprünglich in der „Zukunft Forschung“, dem Forschungsmagazin der Universität Innsbruck, erschienen. Eine digitale Version der Magazin-Ausgabe ist hier zu finden (Einzel-PDFs).