Steinzeitdiät – war früher alles besser?

Das Thema Ernährung ist ein medialer Dauerbrenner. Pünktlich zur Badesaison erscheinen jährlich neue Wunderdiäten und Geheimtipps – auch die Paläodiät kommt dabei immer wieder zur Sprache. Klaus Oeggl beschäftigt sich aus archäobotanischer Sicht mit frühzeitlichen Ernährungsgewohnheiten und erklärt, was damals auf dem Speiseplan stand.
War die Ernährung in der Steinzeit trotz einfachster Mittel - im Bild ein Mahlstein - gesünder?
Bild: War die Ernährung in der Steinzeit trotz einfachster Mittel - im Bild ein Mahlstein - gesünder?

Ötzi – die Gletschermumie aus der Kupfersteinzeit – ernährte sich sehr ausgewogen. „Die Analysen des Speisebreis, den wir beim Mann aus dem Eis in sehr gut erhaltener Form analysieren konnten, ergaben, dass er sich omnivor ernährte“, erklärt Univ.-Prof. Dr. Klaus Oeggl vom Institut für Botanik der Universität Innsbruck. „Das heißt, dass er sich sowohl von Getreide und Gemüse als auch von Fleisch ernährt hat.“ Die Analyse des Speisebreis – unter anderem auch die Analyse des darin vorkommenden Blütenstaubs – ermöglichte es den Wissenschaftlern, den Weg der letzten 55 bis 33 Stunden des Eismanns zu rekonstruieren. „Die urzeitliche Ernährungsweise rückte durch einen wissenschaftlichen Disput in den Fokus meines Interesses“, erklärt Oeggl. Denn obwohl die Wissenschaftler aus Innsbruck Fleisch in Ötzis Speisebrei nachweisen konnten, publizierte der Wissenschaftler Stephen Macko (Universität Virginia) als Ergebnis seiner stabilen Isotopenmessung am Haar des Eismannes, dass Ötzi Veganer war. „Diesem Ergebnis haben wir massiv widersprochen,“ so Oeggl, wobei wieder entgegengehalten wurde, dass Ötzi erst in den letzten Tagen gezwungenermaßen seine Diät änderte. „Da das Ernährungsverhalten in ursprünglichen Ethnien konservativ ist, suchten wir eine Möglichkeit, um dies auch für die Prähistorie zu beweisen. In den Bronze- und Eisenzeitlichen Bergbaugebieten (2200 bis 800 bzw. 800 bis 15 v. Christus) haben wir ausreichendes, sehr gut erhaltenes Material zur Verfügung, um sowohl stabile Isotopenmessungen an Knochen als auch Speisebrei- Analysen der Besiedler durchzuführen.“ Mithilfe dieser Untersuchungen konnten die Innsbrucker Wissenschaftler die Aussagen von Macko klar widerlegen.

Mischkost auf breiter Basis

„Im Zuge dieser Untersuchungen haben wir auch einen sehr guten Eindruck davon bekommen, wie sich diese prähistorischen Siedler ernährt haben“, beschreibt Oeggl. Im Konkreten untersuchte der Botaniker Fäzes – in den Bergwerken erhalten gebliebener Kot der Bergleute. Für die Analysen müssen die Proben, die sich im getrockneten Zustand sehr gut halten, rehydriert werden. „Tritt bei der Rehydrierung eine Schwarzfärbung ein, so können wir davon ausgehen, dass die Probe von einem Menschen stammt, da diese Schwarzfärbung im Tierreich nur bei Tapiren – einer in Mitteleuropa nicht heimischen Art – vorkommt“, erläutert Klaus Oeggl. In der Folge wird die Probe gefiltert und die Großreste mithilfe weiterer Methoden analysiert. Die Untersuchungen der Fäzes aus den Bergwerken ergaben, dass damals eine ungeheuer ballaststoffreiche Ernährung auf einer sehr breiten Basis üblich war. „Sowohl Fleisch, Kohlenhydrate als auch Hülsenfrüchte und Ölpflanzen – als Lieferant ungesättigter Fettsäuren – standen damals auf dem Speiseplan “, berichtet Oeggl. Ergänzt werden die Kenntnisse urgeschichtlicher Diät durch Funde von Kochtöpfen, in denen noch Speisereste enthalten waren. „In der Kombination erlauben uns diese Funde eine Rekonstruktion der üblichen Speisen bis in die Antike, aus der wir erste schriftliche Überlieferungen haben“, erklärt Oeggl.

Ballaststoffreich

In den Fäzes-Proben der Bergleute sind noch ganze Getreide-Ährchen sichtbar. (Foto: Institut für Botanik)
In den Fäzes-Proben der Bergleute sind noch ganze Getreide-Ährchen sichtbar. (Foto: Institut für Botanik)

„Bei einer der ersten Fäzes aus der Bronzezeit, die ich analysiert habe, konnte ich erst nicht glauben, dass diese Probe von einem Menschen stammt. Da diese ganze Getreide-Ährchen enthielt, wäre es für mich viel naheliegender gewesen, dass die Probe von einem Wiederkäuer stammt“, berichtet der Botaniker. Die Ergebnisse aus dieser Probe sind allerdings kein Einzelfall: Die folgenden Analysen bestätigten durch weitere Ährchen- und Spelzenreste-Funde im Speisebrei, dass für Suppen oder Breie ganze Getreide-Ährchen verarbeitet wurden. „Dass diese Kost um ein vielfaches ballaststoffreicher war als die heutige, liegt auf der Hand“, so der Wissenschaftler, der aber auch betont, dass ein derartiger Getreidekonsum uns nicht sehr angenehm wäre. Weitere Bestandteile der Nahrung der Bergleute waren Fleisch, Karotten, Spinat und Leindotter – eine Ölpflanze, die damals alternativ zum Lein verwendet wurde. Pollenanalysen zeigten auch ein deutlich erhöhtes Vorkommen von insektenbestäubten Pflanzen, darunter von der Mädesüß-Pflanze, die aufgrund ihres Salizylsäuregehalts als Stabilisator dem Met zugesetzt wurde. „Auch Honig wurde neben dem Met von den Bergarbeitern in den Minen konsumiert“, so Oeggl.
Die Kartoffel, heute eines der beliebtesten Nahrungsmittel in Mitteleuropa, spielte damals noch keine Rolle. „Die Kartoffel hielt erst im 19. Jahrhundert Einzug in die europäischen Küche – sie kam zwar schon im 16. Jahrhundert nach Europa, war aber aufgrund ihres hohen Solanin-Gehalts nur schwer bekömmlich“, beschreibt der Botaniker. Erst nachdem neue Kartoffelsorten, die nun an das mitteleuropäische Klima angepasst waren, gezüchtet waren, begann der Siegeszug der Kartoffel. „Dazu war aber einiges an Überzeugungsarbeit notwendig: Die Adeligen veranstalteten im 19. Jahrhundert Kartoffel-Schauessen, um diese den Bauern als Feldfrucht schmackhaft zu machen“, erklärt Klaus Oeggl.

Gesundes Maß

Die Frage, ob die Steinzeitdiät wirklich gesünder war als heutige Ernährungsgewohnheiten, ist für Klaus Oeggl nicht so leicht zu beantworten. „Wir müssen eine Gleichheit herstellen – ein Problem der damaligen Zeit war, dass die Vorräte jahreszeitlich bedingt ausgegangen sind, was eine einseitige Ernährung nach sich zog “, beschreibt der Botaniker. „Die Menschen haben gegessen, was verfügbar war. Das bestätigen auch unsere Analysen.“ Zeigen die Proben aus dem Neolithikum noch einen sehr hohen Anteil an Sammelfrüchten, der sich auch bis in die Bronzezeit zieht, so ergeben die Untersuchungen der folgenden Jahre immer höhere Anteile an landwirtschaftlich erzeugten Produkten, die die Sammelfrüchte mehr und mehr verdrängten. „Heute verfügen wir über ein Nahrungsangebot, das es in einer derartigen Breite noch nie gegeben hat – frisches Obst und Gemüse steht uns ganzjährig zur Verfügung“, erläutert der Wissenschaflter. In diesem Übermaß sieht er aber auch eines der größten Probleme der heutigen Ernährung. „Mit dem Wissen über die Ernährungsgewohnheiten unserer Vorfahren und dem vorhandenen Angebot sind wir heute in der Lage, eine ausgewogene Ernährung zu wählen“, so der Botaniker. „Früher war nicht alles besser – wir müssen lernen, mit dem Überfluss umzugehen und dabei hilft uns das Wissen aus der Vorzeit enorm.“

Vortrag

Mehr Informationen zur Ernährung in der Steinzeit erhalten sie beim Vortrag: „Steinzeitdiät – war die Ernährung früher besser?“ von Klaus Oeggl am 18. Juni um 17:00 Uhr im Hörsaal A des Instituts für Botanik, Sternwartestrasse 3. Der Eintritt ist frei!

Dieser Artikel ist in der Juni-Ausgabe des Magazins „wissenswert“ erschienen. Eine digitale Version ist hier zu finden (PDF).