Frau Holle auf die Finger geschaut

Wie sich die alpine Schneedecke im Lauf der letzten 120 Jahre verändert hat und wie sich der Klimawandel auf den Schnee im Gebirge auswirkt, untersucht Ulrich Strasser vom Institut für Geographie im Projekt SNOWPAT. Gemeinsam seinen Kolleginnen und Kollegen hat er sich das Ziel gesetzt, die historischen Veränderungen der Schneedecke in Österreich zu analysieren.
Snowpat - Strasser
Bild: Mit SNOWPAT soll eine flächendeckende Zeitreihe österreichischer Schneebedeckung mit Tagesauflösung über 120 Jahre erstellt werden. (Foto: Ulrich Strasser)

Eine lückenlose Zeitreihe von 120 Jahren Österreichischer Schneebedeckung mit einer Auflösung von einem Quadratkilometer zu erstellen, ist das spannende Vorhaben, das Ulrich Strasser mit seiner Arbeitsgruppe Alpine Hydroklimatologie, in Zusammenarbeit mit Wolfgang Schöner aus Graz, der ZAMG und dem SLF (Institut für Schnee- und Lawinenforschung in Davos) umsetzen wollen. „Die Anforderung ist, die bestmögliche Zeitreihe von täglichen Schneekarten für Österreich zu erarbeiten. In Anbetracht des Klimawandels müssen wir uns zunächst die Frage stellen, wie sich die saisonalen Schneeressourcen im Gebirge räumlich und zeitlich entwickeln“, erläutert Strasser das ambitionierte Projekt seines Teams. Von der Variabilität der Schneedynamik hängt sehr viel ab: „Damit verbunden sind entscheidende Fragen der Nutzung von Wasserkraft zur Energieproduktion, Fragen des Tourismus, der Standortökologie, der Bewässerung, Trinkwasserversorgung, Wasserführung der Flüsse und ökologische Fragestellungen zu Wasserständen in Auenlandschaften oder Hochwasserrisiko – all das hat in Österreich eine enorme Bedeutung.“

Eine wertvolle Ressource

Die in alpinen Schneedecken gebundenen Wasserressourcen sind von enormer Bedeutung für eine Vielzahl an gesellschaftlichen und ökonomischen Sektoren. „Die Gebirgsschneedecke fungiert als temporärer Speicher für den Niederschlag im Winter. Das Wasser geht nicht sofort in die Flüsse, sondern wird im Gebirge bis zum Frühjahr aufgespart. Jede Schneeflocke, die im Gebirge fällt, ist für die Energieerzeuger bares Geld wert“, erläutert Strasser. Mit dem Klimawandel müssen sich die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die Frage stellen, welche Auswirkungen der Anstieg der Temperatur auch auf den Schnee im Gebirge hat. Da die natürliche Variabilität der Schneebedeckung deutlich größer ist als der durch den Klimawandel verursachte Trend, ist es für Strasser und das Projektteam schwierig, langfristige Aussagen zu treffen. Der Geograph veranschaulicht: „Die Abfolge von schneereichen und schneearmen Wintern hat es immer schon gegeben. Letztere können daher nicht ohne weiteres als eine Folge des Klimawandels angesehen werden. Wir wollen genau hinschauen und untersuchen, wie sich die Schneedecke als Folge veränderter klimatischer Verhältnisse entwickelt hat und ob wir aus diesem Zusammenspiel lernen können, was die natürliche Variabilität ist und wie groß der durch den Klimawandel verursachten Trend ist.“ Um dieses Vorhaben umzusetzen, möchten die Forscherinnen und Forscher eine systematische und für Österreich flächendeckende Analyse der historischen, räumlich-zeitlichen Dynamik der Schneedecke erstellen, die im Rahmen des Projektes SNOWPAT realisiert werden soll.

SNOWPAT

„Die Grundidee des vom Klima- und Energiefonds geförderten Projektes ist, die historische Schneedeckendynamik in ganz Österreich, mit verfügbaren Daten seit 1895, zu reproduzieren“, erläutert Strasser. Diese Analysen sind für die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mit vielen Komplikationen verbunden, denn durchgehende Daten der Klimastationen sind vielerorts nicht über den gesamten Zeitraum vorhanden. „Da wichtige Daten der ZAMG im Zweiten Weltkrieg vernichtet wurden, können wir auf die Messdaten deren Klimastationen erst seit 1945 zurückgreifen. Von 1895 bis 1945 bedienen wir uns daher Daten vom Hydrographischen Zentralbüro“, so der Geograph. Die Aufbereitung und Homogenisierung der Daten erfolgt in Wien, unter der Leitung des Projektkoordinators Wolfgang Schöner. Anschließend werden diese an das Team von Strasser in Innsbruck geschickt, wo die Modellberechnungen durchgeführt werden, um die Schneedeckendynamik zu simulieren. „Das Modell AMUNDSEN wurde von uns für solche Zwecke entwickelt und rechnet in jeder einzelnen Zelle an jedem einzelnen Tag die Veränderungen der Schneedecke aus. Für einen Schneemodellierer ist der dabei entstehende Film einer Wintersaison ebenso spannend, wie für andere ein James Bond“, schmunzelt Strasser.

Zukunft noch ungewiss

„Die Vergangenheit ist für uns ein Trainingslabor für das, was wir in Zukunftssimulationen erarbeiten möchten. Nur mit diesem historischen Hintergrund können wir dann die künftige Entwicklung verstehen und besser beurteilen“, so der Wissenschaftler. Bisherige Ergebnisse zeigen, dass es künftig eine verkürzte Schneedeckensaison besonders in mittleren Höhenlagen, geben wird. „Am stärksten wird sich der Rückgang der winterlichen Schneedeckendauer wohl in Höhenlagen zwischen 1000 und 2000 Metern auswirken. Bis zum Jahr 2050 rechnen wir vor allem dort mit einem deutlich späteren Beginn der Schneedecke im Spätherbst und einem früheren Abschmelzen des Schnees im Frühjahr“, erklärt der Geograph. Das Ziel der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ist es, zum einen eine optimierte Modellversion sowie eine bestmögliche Zeitreihe von Schneekarten für Österreich zu generieren, zum anderen eine stark anwendungsbezogene Perspektive zu kommunizieren. Am Ende des Projektes möchten Schöner und Strasser mit ihren Teams einen Workshop für betroffene Organisationen organisieren, um die Ergebnisse vorzustellen. Eingeladen werden sollen Lawinenwarndienste, die hydrographischen Services, Skigebietsbetreiber, Tourismusmanager und Bergsportorganisatoren. Das SNOWPAT-Team beschäftigt sich nicht allein mit diesem Thema: „Die Österreichischen Klimaforscher haben gemeinsam im Herbst einen 1000 Seiten dicken Bericht veröffentlicht. Diesen Österreichischen ‚Sachstandsbericht Klimawandel 2014’ können sich Interessierte selbst im Internet herunterladen.“ Die Forscherinnen und Forscher sind sich einig, dass durch den Klimawandel die Wintertemperaturen und damit die Schneefallgrenze steigen werden. Generelle Aussagen über die zukünftigen Schneebedingungen seien laut Strasser aber schwer zu treffen, da die regionalen Unterschiede und die natürliche Variabilität der Schneedeckendynamik sehr groß seien. Der Experte merkt für alle Skibegeisterten an: „Die technische Beschneiung mit der Schneekanone taugt nicht wirklich als Anpassungsinstrument für den Klimawandel. Würden die Kunden nicht von November bis Januar Skifahren wollen, sondern so, wie Frau Holle uns das eigentlich schenkt, von Januar bis März, dann bräuchten wir viel weniger Schneekanonen – diese sind zuerst ein Managementinstrument, um den Skigebietsbetrieb marktgerecht zu optimieren.“ Schneereiche Winter wird es aber auch in Zukunft geben – wenngleich sicher seltener als in der Vergangenheit.

Zur Person

Ulrich Strasser ist Professor am Institut für Geographie sowie Mitarbeiter in der strategischen Leitung des alpS-Centre for Climate Change Adaptation Technologies. Sein Hauptaugenmerk richtet der Forscher auf das Wasser im Gebirge in all seinen Formen, denn dieses spielt wegen seiner Unverzichtbarkeit für den Menschen eine besonders wichtige Rolle. Sein Methodenschwerpunkt ist die physikalisch basierte Modellierung hydroklimatologischer Prozesse in Gebirgsräumen. Die Auswirkungen des Klimawandels und das Entwickeln von Anpassungsstrategien sind dabei für ihn von besonderem Interesse.

Dieser Artikel ist in der Dezember-Ausgabe des Magazins „wissenswert“ erschienen. Eine digitale Version ist hier zu finden (PDF).