Ein neuer Blick auf Tirol

Das „Tirol Panorama“ hat sich in den drei Jahren seines Bestehens zu einem Publikumsmagneten entwickelt. Riesenrundgemälde, „Schauplatz Tirol“ und Kaiserjägermuseum: Bei einem Symposium im März wurden alle drei Teile des „Tirol Panorama“ am Bergisel näher beleuchtet und Verbesserungspotenziale diskutiert.
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Bild: Das Riesenrundgemälde ist das Kernstück des „Tirol Panorama“. (Foto: Alexander Haiden)

Das „Tirol Panorama“ ist seit 2011 die neue Heimat des Riesenrundgemäldes zur Schlacht am Bergisel. Seinem endgültigen Umzug vom Osten Innsbrucks auf den Bergisel waren heftige Diskussionen vorausgegangen – heute ist das aus drei Teilen bestehende neue Museum ein Publikumsmagnet. Prof. Timo Heimerdinger vom Institut für Geschichtswissenschaften und Europäische Ethnologie und Prof. Dirk Rupnow vom Institut für Zeitgeschichte haben im März gemeinsam mit dem Direktor der Tiroler Landesmuseen, Wolfgang Meighörner, ein Symposium und eine Podiumsdiskussion zur Gestaltung des „Tirol Panorama“ mit dem Titel „Vom Zankapfel zum Publikumsmagnet“ organisiert. „Seit der Eröffnung wurde einiges zur Architektur des Gebäudes, aber wenig zum musealen Konzept veröffentlicht“, erläutert Timo Heimerdinger. „Dabei gibt es hier durchaus einiges zu diskutieren, wie die Veranstaltung auch gezeigt hat.“

Umstrittener Umzug

Das Herzstück des „Tirol Panorama“ ist das Riesenrundgemälde, das die dritte Schlacht am Bergisel von 1809 zeigt. Es entstand 1896, also fast 90 Jahre nach den historischen Ereignissen. Der Übersiedelung von der Rotunde bei der Kettenbrücke im Osten Innsbrucks auf den Bergisel gingen lange politische Diskussionen voraus – Vertreterinnen und Vertreter der Tiroler Landesregierung wollten das Gemälde rechtzeitig zum 200-Jahr-Gedenken an die Schlacht 2009 auf den Bergisel transloziert sehen. Geschehen ist das letztlich im Jahr 2010, im März 2011 eröffnete schließlich das „Tirol Panorama“ als neues Museum in Verbindung mit dem schon bestehenden Kaiserjägermuseum. „Wir wollten nun, nach drei Jahren seines Bestehens, neue Diskussionsimpulse zur Konzeption dieses Museums geben, aber keinesfalls den alten, sehr hitzigen grundsätzlichen Streit um die Translozierung des Rundgemäldes wieder aufwärmen“, erklärt Dirk Rupnow.

Das Museum am Bergisel hat sich in den drei Jahren seit 2011 zum Publikumsmagneten entwickelt: Mehr als 400.000 Besucherinnen und Besucher zählt das „Tirol Panorama“ seither. „Dieser Erfolg könnte auch dazu führen, dass die Verantwortlichen keinen Änderungsbedarf mehr sehen. Wie die Diskussion im März aber gezeigt hat, wäre das ein Fehlschluss“, sagt Timo Heimerdinger. Neben dem Rundgemälde besteht das Museum aus zwei weiteren Teilen: Dem (schon davor bestehenden) Kaiserjägermuseum und einer Ausstellung zur Geschichte Tirols, die unter dem Titel „Schauplatz Tirol“ gezeigt wird. „Die Veranstaltung hat gezeigt, dass an allen drei Museumsteilen durchaus noch gearbeitet werden kann“, sagt Dirk Rupnow.

Rundgemälde

An der Präsentation des Rundgemäldes kritisierten die beim Symposium anwesenden Experten etwa, dass eine historische und medientheoretische Einordnung des Gemäldes völlig fehlt: Das Rundgemälde entstand rund neunzig Jahre nach der Bergisel-Schlacht, die es darstellen soll. „Diese Panoramen funktionieren auf ihre eigene Art, darüber und auch über das Entstehen und den Zweck dieses im 19. Jahrhundert entstandenen Mediums könnte man einiges sagen – dieser Kontext fehlt derzeit leider völlig.“ Auch ist das Gemälde – erklärbar durch die späte Entstehung – keinesfalls eine originalgetreue Darstellung der Schlacht: „Andreas Hofer stand in Wahrheit nicht dort, wo er abgebildet wird, die Uniformen stimmen nicht und wurden auch gar nicht getragen – diese Darstellung, wie wir sie heute sehen, folgt natürlich einer Absicht, auf die man in einer Erklärung näher eingehen könnte“, sagt Timo Heimerdinger.

Ansgar Reiß, Leiter des Bayerischen Armeemuseum in Ingolstadt, warf für das Symposium einen Blick auf das Kaiserjägermuseum, das weitgehend unverändert als Teil des „Tirol Panorama“ weiterbesteht. „Das Kaiserjägermuseum dient stark der Traditionsbewahrung, das ist kein zeitgemäßes militärhistorisches Museum“, hält Dirk Rupnow fest. „Ansgar Reiß betonte bei der Veranstaltung aber auch die hohe Qualität der dortigen Exponate, die mit verändertem und modernisiertem Konzept einen wertvollen Blick auf die Geschichte von Krieg und Gewalt im 19. und 20. Jahrhundert erlauben würden.“

Schauplatz Tirol

Die räumliche Verbindung zwischen Rundgemälde und Kaiserjägermuseum bildet die Ausstellung „Schauplatz Tirol“. Hier werden Alltagsgegenstände und Exponate aus der Geschichte Tirols gezeigt, allerdings damit teilweise ein stark von Klischees geprägtes Tirol-Bild präsentiert: „Diese Ausstellung könnte eine inhaltliche Nachschärfung vertragen: Tirol ist komplexer und vielschichtiger, als es die Ausstellung derzeit suggeriert“, sagt Timo Heimerdinger. „Die Debatte zur Gestaltung des ‚Tirol Panorama’ muss jedenfalls weiter geführt werden, und wir sind zuversichtlich, dass das auch geschieht“, sind beide Veranstalter überzeugt.

Die Veranstaltung Anfang März wurde gemeinsam mit den Tiroler Landesmuseen organisiert und fand auch vor Ort, im „Tirol Panorama“, statt. „Dass diese Veranstaltung vor Ort stattfinden konnte, ist bemerkenswert und zeigt, dass den Tiroler Landesmuseen an einer Debatte über dieses Museum gelegen ist und dass sie diese Debatte auch öffentlich führen möchten“, sagt Timo Heimerdinger. Die Zusammenarbeit zwischen Museum und Universität sehen die beiden Organisatoren in einem weiteren Kontext: „Die Universität kann und muss solche öffentlichen Debatten fördern und unterstützen. Das ist generell eine Aufgabe der Universität. Regionale Kulturinstitutionen sind dabei natürlich ganz wichtige Partner“, ist Dirk Rupnow überzeugt. Beide Wissenschaftler setzen Museumsbesuche auch für die Lehre ein. „Wenn ich mich als Europäischer Ethnologe mit Geschichte und Menschen aus Tirol beschäftige, muss ich natürlich auch ins ‚Tirol Panorama’ gehen“, sagt Timo Heimerdinger. Und nicht zuletzt ist der Museumsbereich eines der klassischen Berufsfelder für Ethnologen und Historiker.

Dieser Artikel ist in der April-Ausgabe des Magazins „wissenswert“ erschienen. Eine digitale Version ist hier zu finden (PDF).