Ein europäischer „Tanz“ für den Wiener Kongress

Der Wiener Kongress tagte vor knapp 200 Jahren und sollte Europa entscheidend prägen. Die in den europäischen Ländern unterschiedlichen Erinnerungskulturen daran untersucht nun die Historikerin Eva Maria Werner in einem vom FWF geförderten Projekt.
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Bild: Das heutige Bundeskanzleramt am Wiener Ballhausplatz war zur Zeit des Wiener Kongresses Amtssitz des österreichischen Außenministers Metternich und einer der Tagungsorte im Rahmen des Wiener Kongresses. (Foto: Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0)

Im September 1814, vor knapp 200 Jahren, begann der Wiener Kongress – ein Treffen hochrangiger europäischer Diplomaten, Staatsmänner und Monarchen, bei dem nicht weniger als die territoriale Neuordnung Europas auf dem Plan stand. Die Historikerin Dr. Eva Maria Werner vom Institut für Geschichtswissenschaften und Europäische Ethnologie untersucht in einem vom Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung (FWF) finanzierten Projekt nun die Erinnerungskulturen zum Wiener Kongress. „Über den Kongress wurde in nahezu allen europäischen Ländern viel produziert: Es gibt Malereien, Filme, Bücher, Operetten, Zeitungen haben über den Kongress geschrieben – eine ganze Reihe an Quellen berichten darüber“, erklärt sie. Die Vielfalt dieser Erinnerungstraditionen nimmt die Historikerin nun genauer unter die Lupe. „Sehr wichtig für diese Erinnerungen ist bis heute das verbreitete Bonmot ‚Der Kongress tanzt, aber er kommt nicht vorwärts’ eines österreichischen Diplomaten – er nimmt dabei Bezug auf so empfundene schleppende Verhandlungen und gleichzeitigen Pomp bei den Veranstaltungen rund um den Kongress.“

Wiener Kongress

Anlass für den Wiener Kongress war die Niederlage von Napoleon Bonaparte, die eine neue Ordnung notwendig machte. Dabei wurden eine Nachkriegsordnung und ein System zwischenstaatlicher Konfliktregelung in Europa geschaffen, das bis in die 1850-er Jahre Bestand haben sollte. „In Wien trafen sich Vertreter aller europäischen Großmächte zur weiteren Ausgestaltung des Pariser Friedens, der Ende Mai 1814 geschlossen wurde und den Sechsten Koalitionskrieg gegen das napoleonische Frankreich beendete“, erklärt die Historikerin. Schätzungen zufolge hielten sich bis zu 100.000 Gäste in Wien auf: Diplomaten, Regenten und Amtsträger nahezu aller europäischen Mächte, deren Diener und Stäbe, Kaufleute, Künstler und Vertreter unterschiedlichster Interessen. „Den Kongress“ als solchen gab es dabei gar nicht – zu einer allgemeinen Versammlung aller Teilnehmer kam es nie. Stattdessen wurden unterschiedliche Punkte in einzelnen Kommissionen verhandelt, die auch unterschiedlich besetzt waren. So gab es zum Beispiel je einen Ausschuss für die Deutsche Frage, für die Flussschifffahrt oder für den Sklavenhandel und eine Reihe weiterer Ausschüsse; eine neuartige und in ihrer Professionalisierung zukunftsträchtige Art des Verhandelns.

Die Verhandlungen dauerten insgesamt von September 1814 bis Juni 1815 und wurden auch fortgesetzt, als Napoleon erneut die Macht in Frankreich übernahm – die sogenannte „Herrschaft der 100 Tage“ – und es erneut zum Krieg kam. Zentrale Ergebnisse des Wiener Kongresses, der mit Unterzeichnung der Kongressakte am 9. Juni 1815 offiziell beendet wurde, waren unter anderem die Schaffung des Deutschen Bundes, die neuerliche Teilung Polens und die formelle Ächtung des Sklavenhandels. Dem besiegten Frankreich gelang es durch geschicktes Verhandeln seines Vertreters Talleyrand sowie aufgrund der politischen Differenzen zwischen den anderen europäischen Mächten, wieder gleichberechtigt in das europäische Mächtekonzert aufgenommen zu werden.

Rezeption des Kongresses

Die Rezeption des Kongresses in der europäischen Öffentlichkeit fiel je nach Land unterschiedlich aus und änderte sich auch mit der Zeit: „In Österreich gab es beispielsweise Ende des 19. Jahrhunderts eine Phase, in der die eigentlichen Inhalte des Kongresses nahezu vollkommen ausgeblendet wurden und das Ereignis vielmehr dazu genutzt wurde, den Glanz und Ruhm des Habsburgerreiches darzustellen“, erklärt die Historikerin. Daran knüpften später auch die berühmten Filme an, die den Kongress ebenfalls einseitig vereinnahmten und zu einem glanzvollen bis dekadenten, recht inhaltsleeren Ereignis machten. Die politischen Ergebnisse des Kongresses hingegen wurden vor allem in den deutschen Staaten lange Zeit dezidiert negativ betrachtet, weil sie nicht zu einem Nationalstaat führten. Im Kontrast dazu gab es beispielsweise in England schon früh eine differenziertere Sicht auf die Errungenschaften des Kongresses, insbesondere die lange Phase des Friedens, die ihm folgte, und die bleibenden Beiträge zum Völkerrecht.

Trotz ihrer Unterschiede haben die Erinnerungskulturen an den Wiener Kongress in Europa viele gemeinsame Schnittpunkte. Ob der Wiener Kongress als europäischer Erinnerungsort zu verstehen ist, ist daher eine zentrale Frage von Eva Maria Werners Projekt. Gleichzeitig dient ihr der Wiener Kongress unter anderem auch dazu, Erkenntnisse über das Verhältnis von Geschichte und Politik sowie über die Rolle von Geschichte für die Bildung von Identitäten zu gewinnen. Das FWF-Projekt mit dem Titel „Der Wiener Kongress in den europäischen Erinnerungskulturen“ läuft bis 2017.