Die schlafende Schöne

Eritreas Hauptstadt Asmara und ihr einzigartiges koloniales Archtitekturerbe muss man aus vielen Perspektiven betrachten, um ein adäquates Gesamtbild zu bekommen.
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Bild: Tankstelle mit dem Aussehen eines U-Boots in Asmara. (Foto: Katharina Paulweber)

Mondäne Art-Déco-Kinos, futuristisch-geradlinige Industrie-Bauten und avantgardistische Bar-Interieurs aus der italienischen Kolonialzeit – ein Architekturjuwel, wie eingefroren inmitten der Hauptstadt eines bitterarmen, vom Bürgerkrieg erschütterten afrikanischen Staates: So zeigten die „Entdecker“ des modernistischen Asmara in den 1990er Jahren in ihren Ausstellungen und Publikationen die Stadt der Weltöffentlichkeit. Dahinter standen sowohl eritreeische als auch internationale Bemühungen, eines der weltweit größten, erhaltenen modernistischen Architektur-Ensembles zum UNESCO-Weltkulturerbe zu erheben und das 1993 unabhängige gewordene Eritrea touristisch nach außen zu öffnen. Die militaristische Regierung stoppte dann aber aprupt internationale Konserverierungs- und Entwicklungshilfe-Programme und ging auf Isolationskurs. „Seit damals gibt es kaum mehr Material und Forschungen aus und über Asmara“, sagt Dr. Peter Volgger, Mitarbeiter bei Univ.-Prof. Bart Lootsma am Lehrstuhl für Architekturtheorie. Volgger ist mit der einseitigen Darstellung von Asmara als „frozen city“ nicht ganz einverstanden. Im Rahmen des von Bart Lootsma koordinierten FWF-Projekts „The Sleeping Beauty“ streben die Innsbrucker Architekturtheoretiker eine wesentlich vielschichtigere Betrachtung der Stadt an, die die Perspektive der Bevölkerung, aber auch des offiziellen Eritrea miteinbeziehen soll. Denn im Gegensatz zu anderen ehemaligen Kolonialstaaten betrachtet man in Eritrea das architektonische und kulturelle Erbe der italienischen Fremdherrschaft als Teil der nationalen Identität, versucht die wichtigsten historischen Gebäude in Stand zu halten, pflegt den Barbesuch und die Passegiata im Rahmen der eigenen Kultur.

Während in Asmara einige Gebäude tatsächlich in gutem Zustand sind, verfallen andere aufgrund des versiegten Geldflusses aus dem Ausland. Palazzi werden von armen Leuten bewohnt, Improvisation gehört zum Stadtbild. „Die Darstellung der gefrorenen Stadt trifft nur teilweise zu. Als man sich in den 90ern mit Asmara beschäftigte, wurde der europäische Aspekt betont, man stilisierte die Stadt als sicheres und sauberes urbanes Idyll, das sich von anderen afrikanischen Städten unterscheidet. Uns geht es im Projekt darum, das einseitige Bild von Asmara zu korrigieren und verschiedene Strategien aufzuzeigen, wie sich die Eritreer diesen städtischen Raum angeignet haben“, beschreibt Peter Volgger ein wesentliches Vorhaben im Rahmen des Projekts, das sich sowohl in sein eigenes Spezialgebiet, Architektur und Migration, als auch in den städtebaulichen Schwerpunkt des Lehrstuhls für Architekturtheorie inhaltlich einfügt.

Geradlinigkeit: altes neues Programm

Ein schönes Beispiel dafür, wie unterschiedlich sich die Eritreer die von Italienern für Italiener errichteten Gebäude aneignen, sind in den Augen der Wissenschaftler die Bars von Asmara, von denen viele im Stile des italienischen Rationalismus eingerichtet sind. Einige dieser Bars, wie zum Beispiel die berühmte Bar Crispi, werden vom Staat erhalten. „Man argumentiert, dass die Geradlinigkeit und die puristischen Formen die Eigenschaften der eritreeischen Nation widerspiegeln“, erklärt Volgger. „Sie werden als nationales Symbol gepflegt und hochgehalten.“ Auf der anderen Seite gibt es auch viele afrikanisierte Bars, die nicht restauriert wurden, in der Barkultur aber ebenso eine wichtige Rolle spielen.

Auch in anderen städtebaulichen Kontexten bedient sich die eritreeische Regierung der kolonialen Vergangenheit. So wurden im Zuge von Kriegen und Grenzkonflikten die Mauern in und um die Stadt immer höher. „Die Höhe der Mauern ist in faschistischen Baugesetzen geregelt. Bei der Erhöhung beruft man sich auf diese. In Wahrheit geht es hier um die Kontrolle von Raum, bei der man einfach vorhandene Regelungen implentiert, anstatt neue zu machen“, erläutert Peter Volgger. Er will in der nächsten Projektphase, insbesondere durch Interviews und Gespräche, weitere Aneignungsstrategien finden und begründen.

Archivschätze aus Mussolini-Zeit

„Das Asmara-Projekt entwickelt sich aber laufend weiter“, freut sich Volgger, dem es im Zuge seiner Vorortrecherchen im März gelungen ist, Zugang zum Archiv der Stadt zu erlangen und eine Kooperation zu initieren – was angsichts der politischen Situation in Eritrea einiges an Fingerspitzengefühl erforderte. Im Archiv liegen u.a. Originalpläne aus den Jahren 1935 bis 1941, als italienische Architekten unter dem faschistischen Regime Mussolinis über 400 Bauten in Asmara errichteten. „In den kommenden Jahren wollen wir diese wertvollen Archivbestände mit einem Spezialscanner der Universität Innsbruck digitalisieren und einer weiteren Forschung zugänglich machen“, berichtet Lootsma und streicht die Bedeutung der Bestände hervor. „Es gibt zwar ein interessantes Archiv in Rom, dort fehlen aber viele Materialien aus der Zeit Mussolinis.“ Die Pläne kombiniert mit einer detaillierten Bestandsaufnahme des aktuellen Zustands sollen in den kommenden Jahren mit dazu beitragen, zu verstehen, was sich im historischen Asmara tatächlich verändert hat.

(Eva Fessler)

Dieser Artikel ist ursprünglich in der „Zukunft Forschung“, dem Forschungsmagazin der Universität Innsbruck, erschienen. Eine digitale Version der Magazin-Ausgabe ist hier zu finden (Einzel-PDFs).

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