Das neue Gesicht der Sklaverei

Gilles Reckinger untersucht, was aus den Flüchtlingen von Lampedusa wird. Ihnen ein Gesicht zu geben und darzustellen, wie ihr Leben weitergeht, ist ihm ein besonderes Anliegen. In seiner engagierten Forschung zeigt er im Projekt „Bitter Oranges“, dass Formen moderner Sklaverei auch in Europa existieren.
Bitter Oranges
Bild: Migrantinnen und Migranten leben im Süden Italiens in ärmlichsten Verhältnissen. (Foto: Carole Reckinger)

„Wir haben uns gefragt, was mit den Migrantinnen und Migranten, die in Lampedusa ankommen, passiert.“, erklärt Gilles Reckinger, Experte für Interkulturelle Kommunikations- und Risikoforschung. Was er in Kalabrien, im Süden Italiens, erfährt, kann als „neues Gesicht der Sklaverei“ bezeichnet werden. Der Wissenschaftler findet die Flüchtlinge in Slums und auf Orangenplantagen, wo sie unter unmenschlichen Bedingungen leben und arbeiten. Reckinger erklärt: „Die Menschen dort sind zwar theoretisch frei, mangels an Alternativen sind sie aber an diese Form der Arbeit gebunden. Sie sind eigentlich Gestrandete – sie können nicht vor und nicht zurück.“

Orangen pflücken sich nicht von selbst

Die Flüchtlinge werden nicht sofort abgeschoben, sondern kommen großteils zuerst nach Italien. Gemeinsam mit seiner Frau, der Ethnologin Diana Reiners, entschloss sich Gilles Reckinger, die Situation vor Ort ethnographisch zu untersuchen. „Wir haben in Lampedusa gelernt, dass vieles völlig anderes ist, als es medial dargestellt wird.“, so erklärt der Wissenschaftler die Anfänge seiner Forschung in Kalabrien. Auf den Orangenplantagen in der Ebene von Gioia Tauro arbeiten viele Flüchtlinge als saisonale Erntehelfer. Am täglichen Arbeitsstrich versuchen sie, einen der Plätze in einem Lieferwagen zu bekommen, der die Arbeiter zum Orangenpflücken auf die Felder bringt. „Die Männer pflücken den ganzen Tag Orangen und verdienen etwa 20 Euro am Tag.“, erläutert Reckinger. Nach der Arbeit werden die Arbeiter in ein Township, mit Unterkünften für etwa 2000 Menschen aus Karton und Plastik, zurückgebracht. „Permanent gerät man an die Grenzen des Erträglichen. Ich habe zum ersten Mal erlebt, wie Menschen hungern – das gibt es auch in Europa.“, schildert der Wissenschaftler. Das Ziel des Forscherteams ist es, den Menschen in Kalabrien ein Gesicht zu geben, ihre Geschichten zu erzählen und das Problem auch öffentlich anzusprechen, wie sie es mit der Web-Seite des Projektes Bitter Oranges zu tun versuchen.

Interessen prallen aufeinander

Reckinger weist darauf hin, dass es sich bei den Missständen in Kalabrien um ein strukturelles Problem handelt. Die Produktionsbedingungen, vor allem in der Landwirtschaft und die Lebensmittelproduktion seien stark von Ausbeutung gekennzeichnet. Es treffen die Effekte des europäischen Grenzregimes, des Migrationsregimes und der Agrarpolitik aufeinander. Diese unterschiedlichen Ebenen der Politik machen das Arbeiten in diesem besonders komplexen Feld sehr schwierig. Gilles Reckinger und Diana Reiners versuchen intensiv in einen Dialog mit der Politik und den Verantwortlichen zu treten, stoßen dabei jedoch auf viel Widerstand. Das Forschungsteam arbeitet gemeinsam mit der Fotografin Carole Reckinger an einer Fotoausstellung mit Texten, die ein breites Publikum für das Leben der Migrantinnen und Migranten sensibilisieren soll.

Zur Person

Prof. Gilles Reckinger studierte in Graz Kulturanthropologie, Europäische Ethnologie und Soziologie. Nach seiner Dissertation in St. Gallen und Forschungsaufenthalten in Genf, Québec und Montreal verbrachte er drei Jahre als selbstständiger Forscher in Luxemburg, bevor er wieder nach Österreich zurückkehrte. An der Universität Innsbruck ist er am Institut für Geschichtswissenschaften und Europäische Ethnologie in einer Stiftungsprofessur für interkulturelle Kommunikations- und Risikoforschung tätig. Diese Stelle wird von der Stiftung Südtiroler Sparkasse finanziert.

Prof. Gilles Reckinger im Video-Interview

 

 

Dieser Artikel erscheint in der aktullen Ausgabe von „Zukunft Forschung“, dem Forschungsmagazin der Universität Innsbruck. Eine digitale Version der Magazin-Ausgabe ist hier zu finden.