Wo die Angst wohnt und das Kokain wirkt

Immer mehr Europäer leiden an Angsterkrankungen. Ängstliche Menschen greifen wahrscheinlicher zu Drogen, Entzug verschlimmert wiederum die Angst. Ein Teufelskreis, den Nicolas Singewald von der Universität Innsbruck und Gerald Zernig von der Medizinischen Universität Innsbruck mit vereinten Kräften durchbrechen wollen.
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Bild: Angst lässt Menschen eher zu Drogen greifen. Nach dem Drogenrausch beziehungsweise beim Entzug verschlimmert sich aber wiederum die Angst. Symbolbild: istockphoto.com

Herzrasen, beschleunigter Atem, kalter Schweiß und weitere Symptome, ausgelöst durch Reize, die gesunde Menschen überhaupt nicht aus der Ruhe bringen, machen das Leben von Menschen mit Angststörungen unterschiedlichster Art zur Qual. In Europa litten vergangenes Jahr 18 Prozent der Bevölkerung an Angststörungen, zu denen u. a. Phobien, Panikerkrankungen oder Posttraumatische Belastungsstörungen zählen. Krankhafte Angst ist aber nicht nur ein großes gesundheitspolitisches und gesellschaftliches Problem, sie erhöht auch das Risiko, drogenabhängig zu werden. Krankhafte Angst ist einerseits genetisch bedingt, andererseits spielen immer auch Umweltfaktoren wie traumatische Erlebnisse eine Rolle. Aus neurobiologischer Sicht liegt eine Fehlsteuerung von verschiedenen Neurotransmittern, Botenstoffen, die für die Weitergabe von Informationen zwischen Nervenzellen verantwortlich sind, vor. „Vor allem durch bildgebende Verfahren weiß man, dass bei Menschen, die unter Angst leiden, bestimmte Hirnareale anders aktiviert werden als bei Gesunden“, erklärt ao. Univ.-Prof. Nicolas Singewald vom Institut für Pharmazie der Uni Innsbruck. Er erforscht schon seit vielen Jahren erfolgreich Angstmechanismen und ist maßgeblich in den von Univ.-Prof. Jörg Striessnig koordinierten großen Spezialforschungsbereich des österreichischen Wissenschaftsfonds (FWF F44) eingebunden, in dem Zellsignalwege im Zusammenhang mit Störungen des Zentralnervensystems untersucht werden. „Obwohl die Amygdala als Kerngebiet des Gehirns, wo emotionale Empfindungen verarbeitet werden, eine wichtige Output-Station für Angst ist, gibt es im Gehirn nicht ein Angstzentrum, sondern ein ganzes Netzwerk von Arealen spielt zusammen“, erklärt Singewald. Der Neuropharmakologe ist über das universitätsübergreifende neurowissenschaftliche Doktoratsprogramm SPIN mit ao. Univ.-Prof. Gerald Zernig in Kontakt gekommen, der sich an der Abteilung für Experimentelle Psychiatrie der Medizinischen Universität mit neuen Therapiemöglichkeiten für Drogenabhängige beschäftigt. „In den neuronalen Netzwerken, die Stress, Angst, andere Emotionen und eben das Abhängigkeitsverhalten prozessieren, gibt es große Überlappungen. Deshalb ist es so interessant, unsere Expertise in einem Forschungsvorhaben zu vereinen“, so Singewald über die Kooperation mit seinem Kollegen von der Medizinischen Uni. „Bei der Therapie von Abhängigkeitserkrankungen gibt es noch extrem viel Verbesserungspotenzial. Die einzige medikamentöse Behandlungsmethode, die erfolgreich ist, ist der Einsatz von Ersatzdrogen. Von Psychotherapie können Abhängige zwar profitieren, aus vielen Gesprächen weiß ich aber, dass Abhängige eine immense Angst vor sozialer Interaktion haben“, schildert Zernig, der selbst als Psychotherapeut tätig ist.

Kartierung des Gehirns

Das Problem bei der pharmakologischen Behandlung liegt laut Zernig darin, dass man zwar weiß, welche Gehirnregionen betroffen sind, die verantwortlichen Nervenzellengruppen aber noch nicht identifiziert sind. Mit immunhistochemischen und molekularbiologischen Methoden wollen Zernig und Singewald die Funktionen jener Gehirnbereiche, die bei Angst und Drogenabhängigkeit involviert sind, bis in die letzte Nervenzelle kartieren, was als funktionelles Mapping bezeichnet wird. Möglich ist dies anhand eines vom Max-Planck-Institut für Psychiatrie (München) entwickelten und etablierten Mausmodells, das auf der Züchtung von hoch-, normal- und wenig ängstlichen Mäusestämmen basiert. „Unsere Vision ist es, exakt jene Neuronenensembles zu finden, die überaktiviert sind, und dann gezielt einzugreifen und diese auf ein normales Maß zu bringen, um so Drogen weniger attraktiv zu machen. Das ist für die Drogenentwöhnung und für die Rückfallprophylaxe ganz wesentlich“, sagt Zernig.

Anderes Suchtverhalten

Bei Angstpatienten sind in bestimmten Gehirnregionen neuronale Veränderungen feststellbar, die eine spätere Drogenabhängigkeit wahrscheinlicher machen. Dieselben Regionen sind dann auch von der Sucht betroffen. Das konnten auch die Innsbrucker Forscher im Zusammenhang mit Angst und Kokain zeigen. „Aus unseren Forschungen wissen wir aber auch, dass neuronale Veränderungen im Gehirn zumindest teilweise wieder rückgängig gemacht werden können. Welche spezifischeren pharmakologischen und verhaltenstherapeutischen Ansätze dazu künftig sinnvoll eingesetzt werden können, wollen wir untersuchen“, beschreibt Singewald die weiteren Ziele des Forschungsvorhabens, an dem auch die Nachwuchswissenschaftlerinnen Dr. Simone Sartori (Uni) und Constanze Barwitz (Medizin-Uni) maßgeblich beteiligt sind. Im Fokus stehen dabei insbesondere zwei Bereiche des Gehirns, die sowohl bei Angsterkrankungen als auch bei Drogenabhängigkeit durch neuronale Veränderungen betroffen sind: der Nucleus Accumbens und der Präfrontale Cortex. Während man den Nucleus Accumbens extrem vereinfacht als Belohnungszentrum bezeichnen kann, ist der Präfrontale Cortex für Verhaltens- und Reaktionskontrolle und damit auch für den Belohnungsaufschub zuständig. Der Konsum von Kokain verhindert die Wiederaufnahme von Dopamin, Noradrenalin und Serotonin und bewirkt eine erhöhte Konzentration dieser Botenstoffe im Belohnungssystem, das damit „geflutet“ wird. Irgendwann sind die Botenstoffspeicher jedoch geleert, das System braucht eine Pause. Dann treten u. a. extreme Angstzustände auf. „Diesen Teufelskreis wollen wir durchbrechen. Der Weg dorthin führt über das funktionelle Mapping“, so die Experten.

Ao. Univ.-Prof. Nicolas Singewald leitet die Forschungsgruppe Neuropharmakologie im Fachbereich Pharmakologie und Toxikologie. Einer seiner Arbeitsschwerpunkte liegt in der Entwicklung angstlösender Medikamente.
Ao. Univ.-Prof. Gerald Zernig leitet an der Abteilung für Experimentelle Psychiatrie das Suchtforschungsteam und arbeitet darüber hinaus als Psychotherapeut mit Drogenpatienten.

Dieser Artikel ist in der Februar-Ausgabe des Magazins „wissenswert“ erschienen. Eine digitale Version steht hier zur Verfügung (PDF).