Warum kooperieren wir?

Menschen neigen dazu, einander zu helfen – zumindest wesentlich öfter und stärker als Tiere. Warum das so ist, haben Innsbrucker Wirtschaftswissenschaftler untersucht. Das Ergebnis: Die Bereitschaft zur Kooperation ist dann besonders hoch, wenn Nicht-Kooperation bestraft werden kann.
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Bild: Ob wir anderen helfen, hängt auch von sozialen Faktoren ab. (Foto: Damian Gadal/flickr.com)

„Unser Verhalten wird weitgehend durch soziale Normen bestimmt, dazu gibt es einen ganzen Strang von Literatur“, erklärt Mag. Philipp Lergetporer vom Institut für Finanzwissenschaft. „Soziale Normen sind auch maßgeblich dafür verantwortlich, dass Menschen, anders als im Tierreich, auch dazu neigen, Personen zu helfen, die genetisch nicht mit ihnen verwandt sind und die sie mitunter nicht einmal kennen.“ Lergetporer und seine Kolleginnen Mag. Silvia Angerer und Dr. Daniela Glätzle-Rützler haben sich unter der Leitung von Univ.-Prof. Dr. Matthias Sutter die Kooperationsbereitschaft von Kindern in Experimenten angesehen. Teilgenommen haben rund 1.100 Kinder zwischen 7 und 11 Jahren aus Meran in Südtirol.

Kooperations-Spiele

„In vielen wissenschaftlichen Arbeiten zu Kooperationsverhalten wird dasselbe Spiel über mehrere Runden wiederholt, um zu sehen, wie sich Kooperationsverhalten entwickelt“, erklärt Silvia Angerer. Das Setting entspricht dabei weitgehend dem aus der Spieltheorie bekannten Gefangenendilemma: Zwei Testpersonen erhalten eine bestimmte Menge an Geld. Beiden wird gesagt, dass ihr Partner die doppelte Menge erhält, wenn sie selbst auf ihr Geld verzichten, und beide wissen nicht, wie der Partner handeln wird. Eine wichtige Erkenntnis aus der Literatur ist, dass die Kooperationsraten in den ersten Runden des Spieles sehr hoch sind, mit der Zeit allerdings drastisch sinken – je öfter die gleichen Personen das Spiel spielen, desto seltener arbeiten sie zusammen.

„Wir haben das Experiment mit fiktiven Münzen durchgeführt, die von den teilnehmenden Kindern in kleine Geschenke wie Äpfel, Bleistifte oder Süßigkeiten eingetauscht werden konnten. Jedes Kind spielte das Spiel mit einem unbekannten Partner. Die Teilnehmer haben am Anfang zwei Münzen erhalten und mussten sich zwischen zwei Möglichkeiten entscheiden: Wenn sie die Münzen an den Partner schicken, also kooperieren, kommt die doppelte Anzahl bei diesem am. Wenn das Kind die Münzen behält, werden sie nicht verdoppelt. Das sozial wünschenswerteste Ergebnis tritt dann ein, wenn beide kooperieren: in diesem Fall erhält jeder Teilnehmer vier Münzen. Wenn nur einer seine Münzen schickt, bekommt sein Partner sechs Münzen, er selbst geht allerdings leer aus“, sagt Silvia Angerer. Die Wirtschaftswissenschaftler führten dieses Spiel mit einer Gruppe von Kindern durch und ergänzten das Setting in einer zweiten Gruppe um einen weiteren Spieler: Eine dritte Person fungierte als Beobachter und konnte Nicht-Kooperation „bestrafen“, in dem er die Münzen des unkooperativen Spielers vollkommen entwertet. Dieser Beobachter verlor allerdings auch einen Teil seiner eigenen Münzen, wenn er die Strafe aussprach. „Die beiden eigentlichen Testpersonen wussten das auch: Sie wussten, dass der Beobachter für die Bestrafung etwas bezahlen muss, und auch, dass eine Bestrafung den Verlust ihrer Münzen zur Folge hat“, erläutert Philipp Lergetporer. Das Ergebnis dieser Gruppe weicht deutlich von jenem der ersten Gruppe ab: Die Kooperationsraten verdoppeln sich.

Erwartung der Strafe

„Durch Befragungen wissen wir, dass mehr als die Hälfte der Kinder der Überzeugung war, sie werden bei Nicht-Kooperation bestraft – obwohl sie wussten, dass der Beobachter auch selbst auf einen Teil des Gewinns verzichtet, wenn er straft“, sagt Philipp Lergetporer. Tatsächlich bei einem Verstoß gestraft haben nur rund zehn Prozent der Kinder, in Wahrheit wäre also wohl auch bei Nicht-Kooperation mit großer Wahrscheinlichkeit nichts passiert. „Allein die Befürchtung von Strafe reicht aus, um die Kooperationsbereitschaft konstant hoch zu halten“, sagt Silvia Angerer. „Diese Beobachtung deckt sich auch mit realen Situationen: Unser Kollege Dr. Loukas Balafoutas hat im Rahmen eines natürlichen Feldexperimentes in der Athener U-Bahn wiederholt Müll auf den Boden geworfen, um die Reaktion der Passanten zu beobachten. Er wurde dafür aber fast nie von jemandem angesprochen oder gar bestraft. Dennoch ist die U-Bahn dort sehr sauber – allein die Furcht vor Strafe und der soziale Druck, die U-Bahn sauber zu halten, reichen aus“, sagt Philipp Lergetporer.

Für die erhöhte Kooperationsbereitschaft machen die beiden Ökonomen zwei Gründe aus: Einerseits hat die Strafdrohung einen direkten Effekt, da die Testpersonen kooperieren, weil sie Angst vor Strafe haben. Es gibt aber auch einen indirekten Effekt: Testpersonen kooperieren auch mehr, weil sie glauben, dass die Kooperationsbereitschaft ihres Partners durch die Strafandrohung steigt, weshalb sie eher dazu bereit sind, zu kooperieren. „Diese beiden Kanäle waren ungefähr gleich stark“, erklärt Philipp Lergetporer. Zwischen den Altersgruppen gab es übrigens keinen Unterschied: Kinder mit 7 reagierten nicht anders als die älteren Test-Teilnehmer. „Das hat uns etwas überrascht, wir hatten geglaubt, Ältere reagieren eher auf Strafandrohung als Jüngere. Dem war aber nicht so, was für eine sehr frühe Festigung dieses Sozialverhaltens spricht“, sagt Silvia Angerer.

Das Experiment wurde im Zuge des Projektes „Kooperation, Koordination und Wettbewerb – Experimentelle Untersuchungen mit Kindern und Jugendlichen“ durchgeführt und vom Land Südtirol und der Aktion Swarovski gefördert.