Vorgestellt: „Spiritualität an vielen Orten“

Christliche Lebenskunst theologisch zu reflektieren und pastorales Personal kulturell mehrsprachig auszubilden – das ist eine der Kernaufgaben von Christian Bauer. Der Pastoraltheologe ist seit Oktober 2012 Professor in Innsbruck, in seiner Forschung beschäftigt er sich unter anderem mit dem Umgang der Kirche mit interkulturellen Kontrasten in der Gesellschaft.
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Bild: Christian Bauer ist seit Oktober 2012 Professor in Innsbruck.

„Nach der Schule stand ich vor der Entscheidung: Entweder ich trete aus der Kirche aus oder ich studiere Theologie“, sagt Prof. Christian Bauer. Geworden ist es das Theologiestudium, heute ist Christian Bauer Professor für Interkulturelle Pastoraltheologie in Innsbruck und versucht, die Kirche auf diesem Weg gegenwartsfähiger zu machen. „Pastoraltheologie beschäftigt sich nicht nur mit dem Handwerkszeug für angehende Pfarrer und andere kirchliche Mitarbeiter“, erklärt der Theologe. Es gehe auch um eine entdeckungsfreudige Wahrnehmung des Umfeldes: „Spiritualität gibt es an vielen Orten. Religion findet man nicht nur in Kirchen, sondern zum Beispiel auch im Fußballstadion.“

Implizite Religiosität

Diese implizite Religiosität außerhalb von kirchlichen Settings ist es auch, die Christian Bauer in seiner Forschung beschäftigt: „Es gibt zahlreiche Übergangszonen und Schnittstellen, an denen die Kirche in Kontakt mit der ‚Welt draußen’ steht.“ Spiritualität sieht der Theologe unter anderem auch in persönlichem Engagement für zivilgesellschaftliche Ziele. „Spiritualität ist letztlich das, wofür und woraus Menschen leben. Wofür sie bereit sind, Zeit, Geld und Lebensenergie zu opfern. Das schließt zum Beispiel auch ein Engagement bei Amnesty International oder Greenpeace mit ein.“ Diese „säkulare Frömmigkeit“, wie Christian Bauer es nennt, ist für ihn ein Punkt, an dem die Theologie und insbesondere die Kirche ansetzen muss: „Die Kirche muss nach außen gehen, weil sie dort viel lernen kann.“

Christian Bauer leitet auch den Universitätslehrgang (ULG) „Pastoraljahr“. Dieser zweisemestrige Lehrgang steht am Übergang vom Theologiestudium zur beruflichen Tätigkeit in der Kirche und soll angehende Seelsorgerinnen und Seelsorger befähigen, in den heutigen Umbruchssituationen urteils- und handlungsfähig zu werden. „Es ist zentral, dass angehende kirchliche Mitarbeiter eine eigene, überzeugende Sprache finden, mit der sie in der Pastoral über Gott und den christlichen Glauben sprechen können. Nicht zuletzt dazu dient auch dieser ULG“, erklärt der Theologe. Die Verortung von Lehrgängen wie diesem und der Theologie als ganzer an Universitäten ist für ihn sehr wichtig: „Ich halte es für gesellschaftlich wesentlich, dass die Theologie an den Universitäten präsent ist. Ihre doppelte Zuordnung zu zwei gesellschaftlichen Subsystemen, dem Universitäts- und dem Kirchensystem, erlaubt nicht nur spannende Kooperationen – sie schützt einerseits auch die Universität davor, die eigenen wissenschaftlichen Diskurse nicht vorschnell innerweltlich ruhigzustellen, und andererseits die Kirche, nicht in Fundamentalismus zu kippen und auch selbst transzendenzoffen zu bleiben.“

Interkulturalität

Wie der Name der Professur schon verrät, bestimmt auch die Auseinandersetzung mit interkulturellen Kontrasten Christian Bauers Arbeit. Im Rahmen von religiöser und konfessioneller Pluralität sieht er diese als Lernchancen für alle Beteiligten: „Christen können von anderen Religionen lernen und umgekehrt, Katholiken von Protestanten und umgekehrt – und alle zusammen von säkularen Zeitgenossen. Und auch das gilt in beide Richtungen.“ Die schrumpfende Kirche ist für den gebürtigen Würzburger kein Unglück: „Die Kirche muss sich damit abfinden, zumindest in Europa zur Minderheit zu werden – das geschieht auch dann, wenn innerkirchliche Reformen wie ein Ende des Pflichtzölibats angegangen würden. Mir ist eine Minderheit mit offenen Türen und offenen Fenstern lieber als eine sich abschottende Minderheit im Ghetto.“ Es gebe derzeit de facto schon graduelle Abstufungen in der Kirchenmitgliedschaft: „Leute, die häufiger oder weniger häufig in den Gottesdienst kommen, Menschen in interessierter, aber kritischer Halbdistanz – die Kirche sollte das nicht nur dulden, sondern es auch als Bereicherung sehen.“

An der weltweit renommierten Innsbrucker Katholisch-theologischen Fakultät schätzt Christian Bauer vor allem deren Internationalität: „Ich habe Studierende aus vier Kontinenten und mindestens zehn Ländern in meinen Vorlesungen, das erweitert den Horizont.“ Bauer selbst kommt aus Deutschland. Er wurde 1973 in Würzburg geboren und studierte Katholische Theologie in Würzburg, Pune (Indien) und Tübingen sowie Semiotik in Berlin. 2001 bis 2003 arbeitete er als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut M.-Dominique Chenu in Berlin. Ein Graduiertenstipendium des Cusanuswerks förderte längere Forschungsaufenthalte in Frankreich und Indien. 2008 bis 2012 war er wissenschaftlicher Assistent für Praktische Theologie an der Uni Tübingen, dort wurde er 2010 auch promoviert und begann noch im selben Jahr die Arbeit an seiner Habilitationsschrift. Es folgte 2010/11 eine Lehrstuhlvertretung an der Universität Bonn, 2012 wurde er an die Universität Innsbruck berufen. Christian Bauer ist verheiratet und Vater zweier Kinder.