Verloren geglaubte Schätze im Buchumschlag

Dank eines Zufalls wurden Teile jahrhundertealter jüdischer Handschriften in österreichischen Archiven entdeckt – zerschnitten und eingearbeitet in den Einband mittelalterlicher Bücher. Ursula Schattner-Rieser vom Institut für Bibelwissenschaften und Historische Theologie ist den mittelalterlichen Zeitzeugen aus Pergament in Tirol auf der Spur.
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Bild: Die oft sehr kunstvoll gearbeiteten Schriftrollen aus Pergament wurden konfisziert und in Fragmenten für den Buchdruck weiterverwendet. (Bild: Universität Innsbruck)

Die Erfindung des Buchdruckes stellte die Menschen im Mittelalter vor vielfältige Herausforderungen, die keineswegs nur die Frage nach dem Bedrucken von Papierseiten, sondern auch die möglichst stabile Gestaltung der Bucheinbände umfasste. „Nachdem für uns heute selbstverständliche Materialien wie beispielsweise Karton im 15. Jahrhundert noch nicht vorhanden waren, machten sich die Buchbinder auf die Suche nach anderen Möglichkeiten, um die Einbände der Bücher widerstandsfähiger zu machen“, sagt Univ.-Doz. Dr. Ursula Schattner-Rieser. Mit dem Vorläufer des Papiers, dem Pergament, war eine solche „Verstärkung“ bald gefunden: Das aus Tierhaut bestehende Material galt aufgrund seiner Festigkeit und langen Haltbarkeit als äußerst wertvoll und war beliebtes Handelsgut.

„Pergament-Recycling“

Da die Herstellung von neuem Pergament für diese Zwecke viel zu aufwendig gewesen wäre, bedienten sich die Buchbinder bereits vorhandenen Materials. Sie verarbeiteten lateinische, mittelhochdeutsche und vor allem hebräische bzw. aramäische Handschriften. Dass diese Schriftrollen oder Manuskripte überhaupt greifbar waren, erklärt sich aus den damaligen historischen Umständen. „Der weitaus größte Teil der verwendeten hebräischen Handschriften, also Manuskripte jüdischen Ursprungs, stammen aus konfisziertem oder geraubtem Gut, dessen Eigentümer aus religiösen oder wirtschaftlichen Gründen vertrieben oder ermordet wurden“, erklärt Schattner-Rieser. Vom 13. Bis zum 16. Jahrhundert waren Menschen jüdischen Glaubens Verfolgungen ausgesetzt, die Verbrennungen oder Konfiszierungen ihrer Schriften mit sich brachten. Die Buchbinder verwendeten diese oft viele Meter langen Schriftrollen für ihre Bucheinbände, indem sie sie zerschnitten und die Buchdeckel damit beklebten: „Manchmal auch in mehreren Schichten, natürlich ohne Rücksicht auf Inhalt oder künstlerische Verarbeitung, es ging rein um die Stabilisierung des Bucheinbandes“, so Schattner-Rieser. Dabei handelt es sich keineswegs um Einzelfälle, das Pergament wurde in der Buchbinderei bis ins 17. Jahrhundert in Europa flächendeckend für diese Zwecke verwendet.

Historischer Wert

Dass von den überaus wertvollen hebräischen Manuskripten zumindest noch Fragmente vorhanden sind, blieb über mehrere Jahrhunderte hinweg unbeachtet. Erst im Zuge von Restaurierungen unter anderem in österreichischen Archiven und Bibliotheken wurden Anfang des 20. Jahrhunderts die Buchdeckel zahlreicher mittelalterlicher Frühdrucke geöffnet und das Pergament zufällig entdeckt. Zunächst wurde diesem Fund noch keine große Bedeutung beigemessen. „Erst als sich einige Theologen und Philologen in den 90er Jahren an die Übersetzung des Inhalts der Fragmente machten, wurde schnell klar, dass deren historische Bedeutung gar nicht hoch genug eingeschätzt werden kann“, erklärt die Wissenschaftlerin. Während in anderen europäischen Ländern wie etwa Italien, Frankreich und Deutschland die mittelalterlichen Schriften bereits untersucht wurden, gibt es in Österreich noch Aufholbedarf, ganz besonders was den Tiroler Raum betrifft. „Eine systematische Aufarbeitung der alten Bibliotheksbestände hat in Tirol bis jetzt nicht stattgefunden“, erklärt Schattner-Rieser. In der Tiroler Universitäts- und Landesbibliothek wurden bisher 19 hebräische Fragmente aus den Einbänden herausgelöst, wesentlich mehr wird aber tirolweit vermutet.

Neue Perspektive

Heute ist bekannt, dass etwa ab dem 13. Jahrhundert Juden in Nord- und Südtirol ansässig waren. „Historiker haben bzgl. der Aufarbeitung der Geschichte der jüdischen Bevölkerung in Tirol auch schon sehr wertvolle Arbeit geleistet, allerdings nur unter Berücksichtigung externer Quellen“, so Schattner-Rieser. Um von den zerschnittenen Resten dieser hebräischen Schriften auch inhaltlich „profitieren“ zu können, bedarf es ausgezeichneter Kenntnisse der hebräischen Sprache, der jüdischen Religion sowie der damaligen historischen Begebenheiten. „Ich möchte mit der systematischen Analyse dieser Fragmente die jüdische Geschichte in Tirol komplettieren, indem ich ihre Geschichte aus einer neuen Perspektive heraus aufrolle, nämlich aus interner, jüdischer Perspektive“, betont Schattner-Rieser. Denn gerade der Tiroler Raum weist im Hinblick auf die Erfassung der jüdischen Geschichte eine Besonderheit auf. Aufgrund der geographischen Lage trafen hier zwei jüdische Traditionen aufeinander, aus denen sich eine Mischform ergab, die einzigartig ist. „Im jüdischen Glauben gibt es mit dem aschkenasischen und dem sephardischen Ritus zwei große Traditionen, und das Besondere im Tiroler Raum ist nun, dass sich diese Riten in Norditalien und Südtirol zu einem so genannten italienischen Ritus vermischt haben“, erklärt die Schattner-Rieser. Über diese spezielle jüdische Tradition liegen bisher wenige Informationen vor. Die zumindest noch in Teilen durch die Einarbeitung in die Bucheinbände erhaltenen jüdischen Handschriften liefern somit wertvolle Informationen über die Lebensweise der Juden Tirols. „Wenn wir es mit einer aufwendig gearbeiteten Handschrift zu tun haben, die in einer sehr gehobenen Sprache formuliert ist und auf hochwertigem Pergament verfasst wurde, lässt das Rückschlüsse auf Bildungsgrad und wirtschaftliche Situation der betreffenden Personen zu“, verdeutlicht die Wissenschaftlerin.

Tiroler Geschichte

Aber nicht nur die jüdische Geschichte erfährt durch die Auseinandersetzung mit den hebräischen Fragmenten wichtige Ergänzungen, sondern auch die Geschichte des Landes Tirol kann dadurch teilweise in neuem Licht erscheinen. Denn die sowohl weltlichen als auch religiösen Textreste liefern Informationen über die Judenpolitik der mittelalterlichen Landesherren aus der Sichtweise der Betroffenen. Außerdem geben sie Aufschluss über die Beziehungen der Juden zu anderen Teilen der weitgehend christlichen Bevölkerung. „Somit kann ich unsere Geschichte um eine weitere Sichtweise ergänzen und zu einer Vervollständigung der Historie beitragen“, erklärt Schattner-Rieser eines ihrer Ziele. In Tirol zeigen sich bzgl. der jüdischen Geschichte noch viele weitere interessante Aspekte, einer davon betrifft das Wahrzeichen der Stadt Innsbruck: „Warum Kaiser Maximilian die Balkonreliefs des Goldenen Dachl an manchen Stellen mit hebräischen Schriftzeichen verzieren ließ, möchte ich gerne noch klären“, deutet die Bibelwissenschaftlerin ein weiteres Forschungsvorhaben an.

Zur Person

Ursula Schattner-Rieser studierte Judaistik, Religions- und Bibelwissenschaft, Altorientalistik, Ethnologie und Semitistik in Wien, Paris und Jerusalem. Sie ist Mitglied der Akademie der Wissenschaften Frankreichs und Forschungsmitglied sowie Co-Autorin der französisch-hebräischen Ausgabe der Qumrantexte. Schattner-Rieser arbeitet als Forschungsbeauftragte im Rahmen von www.hebraica.at zur Erfassung der mittelalterlichen hebräischen und aramäischen Fragmente in den Bibliotheken Tirols und Westösterreichs des Instituts für Jüdische Geschichte. Seit 2012 ist sie an der Universität Innsbruck tätig.


Dieser Artikel ist in der Oktober-Ausgabe des Magazins "wissenswert" erschienen. Eine digitale Version ist hier zu finden (PDF).