Unsichere Startbedingungen

Angststörungen, Verlusterfahrungen und traumatische Erlebnisse in der Kindheit erschweren nicht nur das Leben der Betroffenen – sie können auch Auswirkungen auf ihre Kinder haben. Univ.-Prof. Dr. Anna Buchheim vom Institut für Psychologie beschäftigt sich mit den generationenübergreifenden Effekten psychologischer Störungen.
Die Bindungssicherheit eines Kindes bildet sich bereits im 1. Lebensjahr. (Foto: flickr.com/thomas)
Bild: Die Bindungssicherheit eines Kindes bildet sich bereits im 1. Lebensjahr. (Foto: flickr.com/thomas _-0-_)

„Die eigenen Erfahrungen spielen in der Kindererziehung eine große Rolle“, erklärt Univ.-Prof. Dr. Anna Buchheim vom Institut für Psychologie der Universität Innsbruck. Die Psychologin, die sich auf Bindungsforschung spezialisiert hat, untersuchte bereits im Jahr 2007 die generationsübergreifenden Auswirkungen von Angststörungen. „Die sensibelste Phase in der ein Kind sein Bindungsmuster bildet, ist das erste Lebensjahr. Um möglichst früh präventiv eingreifen zu können, wenn in der Beziehung zwischen Eltern und Kind etwas schief läuft, ist es wichtig, den Einfluss psychologischer Probleme auf die weitere Entwicklung zu kennen“, so Buchheim. Im Rahmen einer Pilotstudie untersuchte sie gemeinsam mit Kollegen von der Universitätsklinik Ulm die Zusammenhänge zwischen Angststörungen bei Müttern und möglichen Verhaltensauffälligkeiten bei Kindern. Ihre Probandinnen suchten die Wissenschaftler an Kindertagesstätten und Kindergärten, wo sie mit Flyern mögliche Teilnehmerinnen ansprachen. „Wir suchten gezielt nach Müttern, die Fragen wie: Sorgen sie sich ständig um ihr Kind?, Haben Sie Angst, alleine einzukaufen? mit Ja beantworten können“, beschreibt Anna Buchheim. Auch wenn sich viele Frauen meldeten, konnten nur wenige überzeugt werden, an der Studie teilzunehmen: „Angststörungen sind – anders als zum Beispiel Burnout – gesellschaftlich nicht besonders anerkannt. Die Hemmschwelle war hier sehr groß.“

Gestörtes Bindungsverhalten

Die Teilnehmerinnen, bei denen sich nach einer ausführlichen klinischen Erstanamnese eine Angststörung zeigte, wurden in der Folge mittels verschiedener diagnostischer Verfahren untersucht. Gleichzeitig wurden auch ihre Kinder verschiedenen Tests unterzogen.

„Die Ergebnisse zeigten, dass die Mütter mit einer diagnostizierten Angststörung ihre Ängste, die meist auf einer unverarbeiteten Trauer oder Verlusterfahrung basierten, weitergegeben haben“, berichtet die Psychologin Anna Buchheim. Die untersuchten Kinder zeigten zum Großteil ein unsicheres Bindungsmuster, manche zeigten auch ein desorganisiertes Bindungsverhalten. Für die Entwicklung von Bindungssicherheit ist es wichtig, dass die Eltern in Situationen die Bindungsverhalten auslösen- also negative Situationen wie Hunger, Angst oder Dunkelheit – feinfühlig reagieren, das heißt das Bedürfnis ohne Verzerrung durch ihre eigenen Bedürfnisse wahrnehmen und adäquat und möglichst prompt reagieren. „Durch diese Feinfühligkeit bildet sich ein bindungssicheres Beziehungsverhalten“, erklärt die Bindungsforscherin. „Ein unsicher gebundenes Kind hat im Lauf seines Lebens nicht gelernt, wie es das Verhalten seiner Bezugsperson einschätzen kann, da diese für das Kind nicht zuverlässig, nachvollziehbar oder vorhersagbar reagiert. Somit ist es ständig damit beschäftigt, herauszufinden in welcher Stimmung die Bezugsperson gerade ist und kann sich nur schwer zum Beispiel mit einer kurzen Trennung von der Bezugsperson umgehen“, beschreibt Anna Buchheim. Die Folgen einer Bindungsunsicherheit sind bis heute nicht umfassend erforscht, da dazu umfassende Längsschnittstudien notwendig sind. „Man geht davon aus, dass Bindungsunsicherheit allein noch kein Risikofaktor für eine spätere psychische Störung ist, es gilt aber als vielfach belegt, dass eine sichere Bindung einen Schutzfaktor dagegen darstellt.“

Verlusterfahrung als Auslöser

In den Interviews mit den betroffenen Müttern zeigte sich, dass ihre Angststörungen meist durch eine Verlusterfahrung oder unverarbeitete Trauer ausgelöst wurden – sie also selbst eine Bindungsunsicherheit haben. „Man geht in der Bindungsforschung davon aus, dass bei einer Mutter in einer Bindungssituation mit ihrem Kind, eigene Erfahrungen aktiviert werden. Da dies meist unbewusst abläuft, kann dies zu Problemen im Mutter-Kind-Verhältnis führen“, beschreibt Anna Buchheim. So kann beispielsweise das Füttern eines Kindes unterschiedliche Reaktionen hervorrufen. „Lehnt ein Kind die Nahrung, die die Mutter ihm geben will ab, so sieht beispielsweise eine sicher gebundene Mutter dies als Zeichen dafür, dass das Kind gerade nicht hungrig ist oder nicht essen möchte“, so Buchheim. „Eine unsicher gebundene Mutter könnte dieses Verhalten aber als Ablehnung ihr gegenüber empfinden. Diese Projektionen können relativ früh dazu führen, dass kleine Verzerrungen der Wahrnehmungen entstehen und sich Bindungsunsicherheiten aufbauen, weil das Kind dieses Verhalten nicht verstehen kann.“ Auch wenn die Ergebnisse der Studie zeigten, dass sich die Angststörungen der Mütter negativ die Bindungsentwicklung der Kinder auswirken können, heißt das aber nicht, dass dem nicht entgegengesteuert werden kann: „Es gibt mittlerweile sehr viele Sprechstunden für Eltern, wo bereits in wenigen Sitzungen sehr viel erreicht werden kann“, so Buchheim. So können beispielsweise Videoanalysen der Interaktion zwischen Mutter und Kind sehr gut aufzeigen, wo Schwierigkeiten in der Interaktion vorliegen. Aus diesem Grund hält Anna Buchheim es auch besonders wichtig, in diesem Bereich Aufklärungsarbeit zu leisten, und Eltern dazu zu motivieren, sich Hilfe zu suchen.

Meine Kindheit – Deine Kindheit

In einer kürzlich begonnen Langzeitstudie gehen die Psychologen nun noch einen Schritt weiter: In dem gemeinsam mit dem Universitätsklinikum Ulm durchgeführten Projekt „Meine Kindheit – Deine Kindheit“, will das große Forscherteam in Kooperation mit Anna Buchheim nun herausfinden, welchen Einfluss Kindheitserfahrungen auf Mütter und deren neugeborene Kinder haben. „In dieser Studie bauen wir auf die gute Zusammenarbeit zwischen Kinderpsychiatrie und Psychosomatik am Universitätsklinikum Ulm auf. Ziel ist es hier, Mütter und ihre Kinder über einen Zeitraum von mehreren Jahren zu begleiten und die Entwicklung des Kindes und die Bindung zwischen den Müttern und ihren Kindern systematisch untersuchen“, beschreibt die Psychologin. Neben zahlreichen psychologischen Messverfahren wie Interviews oder Videoanalysen werden auch biologische Parameter miteinbezogen. „Im Lauf der Studie soll untersucht werden, inwieweit einschneidende traumatische Lebensereignisse eine Rolle auf die Entwicklung der Kinder haben könnte, wie diese verändert werden könnten und wo die Schutzfaktoren liegen“, so Buchheim. Auch wenn die Ergebnisse der Langzeitstudie noch nicht vorliegen, ist Anna Buchheim davon überzeugt, dass eine frühe Zusammenarbeit zwischen Klinischer Psychologie, Psychosomatik, und Kinderpsychiatrie in Bezug auf Präventionsmodelle große Vorteile für alle Beteiligten haben kann. „Frühes Reagieren ermöglicht relativ rasch große Veränderungen sowohl für die Kinder wie auch für die Mütter.“

Dieser Artikel ist in der Oktober-Ausgabe des Magazins "wissenswert" erschienen. Eine digitale Version ist hier zu finden (PDF).