Der Roman unserer Zeit

Die Fernsehserie boomt: Als zeitgenössische Plattform beschäftigt sie sich mit Fragestellungen der Gegenwart. Im Feuilleton liest man, dass die DVD-Box längst zum Roman der Gegenwart avanciert ist. Sabine Schrader und Daniel Winkler vom Institut für Romanistik erforschen, wie angloamerikanische Formate im europäischen Raum adaptiert werden.
Die USA haben am Markt der TV-Serien eine Vormachtstellung. Manche Formate werden für den europäischen Raum adaptiert. Symbolbild: flickr.com / Bentley Smith
Bild: Die USA haben am Markt der TV-Serien eine Vormachtstellung. Manche Formate werden für den europäischen Raum adaptiert. Symbolbild: flickr.com / Bentley Smith

Sich mit einem guten Buch auf die Couch zu legen, in der erzählten Geschichte zu versinken und Stunden im Zeitraffer vergehen zu lassen, war gestern. Heute verbringt man einen gemütlichen Abend vor dem Fernseher, gibt sich den einzelnen, endlos wirkenden Episoden von Serien hin und sieht die Zeit förmlich zerfließen, ganz im Sinne Dalís. „Im Feuilleton kann man heute überall lesen, dass die Serien den Roman abgelöst haben“, sagt Sabine Schrader vom Institut für Romanistik. „Uns geht es aber nicht um eine Konkurrenz von Literatur und Fernsehen, sondern darum, auch auf populärkulturelle Phänomene wie Fernsehserien hinzuweisen.“ Das Serielle ist darüber hinaus auch der Literatur zu eigen, insbesondere dem Feuilletonroman des 19. Jahrhunderts. Gemeint ist damit der Fortsetzungsabdruck von unterhaltsamen und spannenden Romanen, Erzählungen und Novellen in Folgen. „Im Feuilletonroman ist bereits das Muster der Fernsehserie vorgegeben: Eine Dramaturgie kurzer Spannungsbögen, der Cliffhanger, also der offen gehaltene Ausgang am Ende der Episode, und das Aufgreifen zeitgenössischer Themen gesellschaftlicher Relevanz“, erklärt Schrader die Struktur der Serie. „Die Romanistik ist vor allem im deutschsprachigen, aber auch im italienischen Raum sehr stark am literarischen Kanon orientiert. Wir wollen diesen Kanon erweitern und versuchen, anhand unserer Forschung populärkulturelle Themen hinzuzuziehen. Aktuell ist dies bei uns vor allem der Bereich Film und Fernsehen“, schildert Schrader. Daher steht derzeit die Fernsehserie im Forschungsinteresse der beiden RomanistInnen Sabine Schrader und Daniel Winkler von der Universität Innsbruck und erweist sich als spannendes Forschungsgebiet.


Fernsehserien sind heutzutage qualitativ extrem hochwertig gestaltet, basieren auf guten Drehbüchern und weisen eine Ästhetik auf, die mitunter stark an das Kino erinnert. „Der Feuilletonroman wurde geschrieben, um Nachrichten zu verkaufen. Heute wird die Serie gedreht, um Werbung zu verkaufen. Je erfolgreicher eine Serie ist, desto besser kann man die Werbung verkaufen. Dementsprechend sind die Serien auch sehr aufwändig und gut gemacht“, stellt die Romanistin fest. Der Boom des Formats Fernsehserie führt unter Umständen auch zu einem ZuschauerInnenrückgang im Kino. Daniel Winkler führt den Erfolg der Serien auf eine Verschiebung der Medienindustrie zurück, „früher war die Fernsehserie im Gegensatz zum Kinofilm eher ein Produkt zweiter Klasse und heute ist es genau umgekehrt. Bei den Serien wirken meist viele gute Filmleute und gute DrehbuchautorInnen mit. Es ist der Bereich, der letztlich ökonomisch interessanter ist, weil das Kino stark im Umbruch ist.“
Es gibt drei Arten, wie Fernsehserien entstehen können: Es werden entweder US-amerikanische Serien als Gesamtes gekauft oder es werden lediglich Formate, also Ideen zu Serien, gekauft, die dann lokal angepasst werden, oder es werden überhaupt eigene Produktionen entwickelt. „Die Serie Tatort ist ein gutes Beispiel für eine eigene Produktion, die aber innerhalb von drei unterschiedlichen Nationen funktioniert. Es gibt den Wiener oder den Kölner Tatort, in dem jeweils eine spezifische Form von Humor und auf einer Metaebene eine Auseinandersetzung mit den einzelnen Regionen enthalten ist. Der Regionalismus, wie ihn der Tatort aufweist, ist eher ein deutschsprachiges Phänomen und würde in Frankreich nicht funktionieren. Dort wäre die nationale Referenz viel wichtiger“, weiß Winkler.

TV Glokal

Im Fokus des Projektes „TV glokal“ liegt demnach die Fragestellung, wie Fernsehserien Bausteine einer regionalen Identität liefern bzw. abbilden können. „Das Element der Identifikation ist dabei sehr wichtig und nicht zu unterschätzen. Es geht darum, mitleiden und Geschichten wiedererkennen zu können. Die Serie muss dabei eine möglichst große Gruppe ansprechen. Wir konnten bisher beobachten, dass das Lokale zumindest zu einem bestimmten Teil vorhanden sein muss, damit es zu einer Identifikation kommen kann“, erläutert die Kulturwissenschaftlerin. „Natürlich ist dieser Aspekt relativ zu sehen, da auch Serien ohne ein identitätsstiftendes lokales Element funktionieren können, wie zum Beispiel die Fernsehserie Golden Girls“, fügt Winkler hinzu. „TV glokal deshalb, weil wir dem Ansatz der Globalität den der Glokalität, also der Wechselwirkung von globalen und lokalen Formaten, entgegensetzen“, sagt Schrader und ergänzt, dass „der Begriff der Glokalisierung eigentlich aus dem Bereich der Wirtschaft stammt. Natürlich gibt es eine hegemoniale, kapitalistische Ordnung, gleichzeitig aber muss man seine Produkte lokal anpassen, um sie verkaufen zu können. Das Unternehmen Ikea muss im arabischen Raum mit einer anderen Familienwerbung auftreten, als dies in Skandinavien der Fall ist.“ Obwohl das Mediensystem der USA hegemonial ist, kann es trotzdem eine Aneignung dieser angloamerikanischen Formate geben. „Die italienische Serie Boris ist beispielsweise eine Persiflage auf Seifenopern, weil diese mit ihrer bestimmten Gestik und Theatralik natürlich ganz stark US-amerikanisch markiert werden. Boris ist ein Goldfisch, der den Regisseur inspirieren soll, Geschichten zu schreiben. Es geht in der Serie um die schwachen Drehbücher, die Selbstüberschätzung der Stars und Sternchen, die mitspielen, und um die Einbindung von Gaststars, die in vielen Serien auftauchen. Es ist eine Parodie auf die gesamte Industrie der Seifenopern. Die Parodie scheint mir so eine glokale Form zu sein, eine regionale Aneignung“, sagt Schrader.

Internationale Tagung

Im Rahmen ihres Forschungsprojektes „TV glokal. Europäische Fernsehserien im Kontext“ werden die beiden Forschenden der regionalen Aneignung angloamerikanischer Serienformate in Europa nachgehen. In diesem Rahmen findet vom 17. bis 19. April eine gleichnamige internationale Tagung an der Uni Innsbruck statt. Die Tagung steht allen Interessierten offen.

Zu den Personen

Sabine Schrader: Studium der Romanistik und Geschichte an den Unis Göttingen, Venedig und Köln. Wissenschaftliche Mitarbeiterin an den Universitäten Leipzig und Dresden, parallel dazu langjährige freie Mitarbeiterin für die Deutsche Welle (TV) in Köln und Organisatorin zahlreicher Filmreihen mit städtischen Programmkinos. Seit 2009 Professorin für italienische Literatur- und Kulturwissenschaft an der Uni Innsbruck.
Daniel Winkler: Studium der Romanistik, Komparatistik und Geschichte in Aix-en-Provence, Paris und Wien. Forschungsschwerpunkte sind italienische, französische und kanadische Literatur- und Medienwissenschaft des 18. bis 20. Jahrhunderts. Habilitationsprojekt zur italienischen Theaterliteratur der Aufklärung. Assistent am Institut für Romanistik der Universität Innsbruck.

(Nina Hausmeister)

Dieser Artikel ist in der Februar-Ausgabe des Magazins „wissenswert“ erschienen. Eine digitale Version steht hier zur Verfügung (PDF).