Sprache spielt eine Rolle

Über Diskriminierungen durch Sprache haben wir im vergangenen Jahr mit Prof. Lann Hornscheidt von der Humboldt-Universität Berlin gesprochen. Zum Internationalen Frauentag geben wir hier eine gekürzte Fassung dieses Gesprächs wieder.
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Bild: Frauen in Dhaka demonstrieren am internationalen Frauentag für ihre Rechte. (Bild: Soman/Wikimedia Commons, CC by SA 3.0)

iPoint: Sie haben an der Universität Innsbruck einen Vortrag zum Thema „Warum Sprache eine Rolle spielt und es noch immer Diskriminierungen gibt“ gehalten. Worum ging es dabei?

Prof. Hornscheidt: Es geht in meiner Forschung um den Zusammenhang von Diskriminierungen und Sprache, und Sprache verstehe ich immer als Sprachhandlungen: Wenn ich also Sprache benutze, mit Sprache handle und über sprachliche Handlungen Diskriminierungen ausgeübt werden. Hier schaue ich mir speziell Rassismus und Sexismus an. Es gibt auch noch andere Formen wie „Ableism“, also die Diskriminierung von behinderten Personen. In der Öffentlichkeit gibt es häufig die Vorstellung: Diskriminierung ist, wenn jemand totgeschlagen wird – also wenn es körperliche Gewalt gibt, Sprache bilde einfach nur etwas ab und sei nicht so wichtig. Ich glaube aber, dass über sprachliche Handlungen die Grundlage dafür geschaffen wird, dass es auch eine größere Gewaltbereitschaft gibt oder überhaupt Menschen auf unterschiedliche Weise diskriminiert werden, dass sie beispielsweise weniger Arbeitsplätze bekommen, schlechter bezahlt werden, immer ausgegrenzt werden oder andere Formen der Diskriminierung. Es gibt ganz viele unterschiedliche Formen von Gewalt, die alle auch über Sprache hergestellt werden. Sprache ist nicht das einzige Medium, Sprache ist ein aber ein ganz wichtiges Kriterium für Diskriminierung.

iPoint: Inwiefern ist Sprache hier ein wichtiges Instrument für Diskriminierung? 

Prof. Hornscheidt: Ohne Sprache würden wir überhaupt nicht zwischen verschiedenen Gruppen von Personen differenzieren. Dazu dient Sprache, um zwischen Du und Ich zu unterscheiden, zwischen denen und mir, zwischen Einheimischen und Ausländischen, zwischen Frauen und Männern. Das wird alles auch über Sprache übertragen. Stellen sie sich vor, sie kommen auf die Welt und können nicht zwischen Menschen und Gegenständen unterscheiden. Sprache hilft dabei, die Welt zu sortieren und zu konzeptualisieren. Sie macht uns überhaupt dazu fähig, soziale Interaktionen zu führen. Aber gleichzeitig liegt in dieser Differenzierung, die wir mit Sprache vornehmen, eben immer auch die Gefahr, dass Bewertungen mit hineinkommen, diese hierarchisch sind und Machtverhältnisse darüber tradiert werden. Das zeigt sich zum Beispiel darin, dass diskriminierte Positionen häufiger benannt werden als privilegierte, also im Bezug auf Rassismus häufiger über schwarze Personen gesprochen wird als über weiße. Weiße Personen sind heute in Österreich die gemeine Normalvorstellung, schwarze Personen werden extra hervorgehoben. Sprache hilft diese Differenzierungen herzustellen und sie als natürlich und normal herzustellen. Sie hilft gerade die hierarchisierenden Bewertungen und die Ungleichgewichte und Asymmetrien, die damit einhergehen, nicht wahrzunehmen oder zu „entmerken“, wie ich sagen würde – das ist etwas Aktives. Und damit stellen wir immer wieder unsere eigene Normalität her und verorten uns. Das sind keine böswilligen, intentionalen Handlungen, sondern das ist strukturell, also gesellschaftlich so gewollt, dass es bestimmte Diskriminierungsformen gibt, die dann auch über Sprachhandlungen immer wieder hergestellt werden – individuell.  Und hier kann ich individuell eben schauen, ob ich etwas verändern kann.

iPoint: Wie kann man als Einzelner dem entgegenwirken? 

Prof. Hornscheidt: Aufmerksam sein! Es gibt ganz viele Möglichkeiten. Wenn ich etwa über andere spreche, ihnen also etwas zuschreibe, sei es Geschlecht, Ethnizität oder Behinderung, dann habe ich vorher in der gleichen Form über mich selbst gesprochen. Hier habe ich schon sprachlich gehandelt. Bevor ich sage: „Guck mal, die schwarzen Frauen da!“, habe ich zum Beispiel über mich als weiße Frau gesprochen. Darüber kann ich sprachlich etwas herstellen. Indem ich bei Menschen nachfrage, wenn eine negative Bewertung mit sprachlichen Ausdrücken einhergeht – ohne zu sagen: Das darfst du nicht sagen!“, sondern nachzufragen: „Was meinst du damit? Bei mir kommt das so und so an.“ Es geht also darum, den Dialog mit anderen Personen zu suchen und darauf hinzuweisen, dass Sprache da wirkt. Wenn in bestimmten Kreisen nur generische Maskulina verwendet werden, Studenten also nur von „den Professoren“ reden, kann ich als Frau darauf hinweisen, dass ich mich hier nicht gemeint fühle. Diese Diskriminierung ist in der Gesellschaft so normalisiert, dass sie häufig nicht angesprochen wird. Es gibt Untersuchungen, die zeigen, dass generische Maskulina dazu führen, dass sich Leute häufiger Männer als Frauen darunter vorstellen. Hier wird ganz deutlich, dass Sprache wirkt, und dass ein veränderter Sprachgebrauch eben auch wirkt, dass ich andere Bilder entwicklen, dass ich mir andere Vorbilder nehmen und dass ich mir andere Rollen in der Gesellschaft vorstellen kann. Dass ich mir beispielsweise einen schwarzen, österreichischen Bundeskanzler vorstellen könnte. Indem ich einfach andere Begriffe benutze und damit andere Bilder aufrufe.

iPoint: Vor kurzem ist in Österreich die rassistische Bezeichnung der Nachspeise „Mohr im Hemd“ heiß diskutiert worden. Finden Sie die Tendenz einer derartigen medialen Aufarbeitung eher gut oder schlecht? Wohin führt das?

Prof. Hornscheidt: Ich kenne diese Debatte nicht genau. Solche Debatten gibt es aber immer wieder. Die kommen wellenweise. Das führt häufig dazu, dass der Eindruck entsteht, der Rassismus liege in den Begriffen selbst, ein Begriff an sich sei rassistisch. Ich gehe nicht davon aus, dass Begriffe rassistisch sind, sondern dass es der Gebrauch eines Begriffes ist, der einen Begriff zu einem rassistischen Begriff macht. Es gibt im deutschsprachigen Raum bestimmte Ausdrücke, die eine dermaßen lange, massive und sich immer wieder herstellende Geschichte des rassistischen Gebrauchs haben. Dazu würde ich auch „Mohr“ rechnen. Das ist ein Begriff, der – meines Erachtens – in den nächsten 40 Jahren, nicht positiv benutzt werden kann. Wenn er überhaupt resignifiziert werden kann, also wenn er eine neue, eine positive Benutzung erfahren kann, dann nur durch die Personen, die durch diesen Begriff diskriminiert sind.
Was aber in diesen medialen Debatten häufig passiert ist, dass man sagt: „Ja, dann benutze ich den Begriff nicht – und so ist alles gut.“ Es findet aber keine Reflexion daüber statt, was genau an dem Begriff diskriminierend ist, warum dieser Begriff immer noch rassistisch ist, warum der Begriff immer noch benutzt wird und warum es so starke Bilder gibt. Einen Begriff einfach nur zu verbieten, bringt überhaupt nichts. Es bringt nur etwas, wenn damit eine differenzierte gesellschaftliche Auseinandersetzung zur kolonialen Kontinuität einhergeht. Wenn das nicht stattfindet, wird der Rassismus sich anders äußern. Rassismus und Sexismus sind flexible Konzepte. Es bringt überhaupt nichts zu sagen, diese 20 Begriffe darf ich nicht benutzen, wenn damit nicht eine Reflektion einhergeht. Denn sonst werden sofort neue Begriffe nachkommen. Trotzdem ist es für schwarze Personen auf jeden Fall sehr viel angenehmer, wenn der Begriff nicht mehr benutzt wird. Auch wenn dies nur als oberflächlich, politisch korrekte Reaktion geschieht.

iPoint: Danke für das Gespräch!

Das Interview führte Nina Hausmeister im Juni 2012 für die Sendung „Kulturton“ auf Freirad.