Mit Bio wachsen

Konsumentinnen und Konsumenten fordern vermehrt biologische Produkte, Handelsketten liefern. Wie funktionieren Biomärkte, wie wachsen sie und wie können sie am Markt bestehen, ohne ihre Werte zu verlieren? Diesen Fragen gehen nun Innsbruck Soziologen nach, sie untersuchen nun die Funktionsweise dieser Märkte.
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Bild: Innsbrucker Soziologen untersuchen unter anderem die Vermarktung von biologisch angebautem Gemüse. (Foto: flickr.com/ilovebutter, CC BY 2.0)

Woher kommt unser Essen? Wie wurde das Schwein, von dem das Schnitzel im Supermarkt stammt, gehalten? Sind Gemüsesorten gentechnikfrei? Diese und ähnliche Fragen beschäftigen die Öffentlichkeit immer stärkerund mit ihr auch den Agrarsoziologen Prof. Markus Schermer. Im gerade angelaufenen, internationalen Projekt „HealthyGrowth“ untersucht er gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen aus neun weiteren Ländern – Deutschland, Frankreich, Dänemark, Norwegen, Schweden, Finnland, Slowenien, Litauen, Türkei – das Funktionieren von Märkten für Bioprodukte. Bio wird oft mit Direktvermarktung verbunden: „Derzeit werden in Österreich etwa 13 Prozent der biologisch produzierten Lebensmittel direkt, also ab Hof oder von den Produzenten selbst auf Märkten, verkauft“, erklärt Markus Schermer. „Die Umsätze in der Direktvermarktung sind allerdings seit 2001 rückläufig – der Druck zur Professionalisierung steigt und damit kommen indirekte Verkaufswege, etwa durch Supermarkt-Ketten, stärker ins Spiel.“

Werte vermitteln

Die Vermittlung der Werte des Biolandbaus wird in der indirekten Vermarktung vergleichsweise schwieriger. „Die Verbindungen und Beziehungen in der Wertschöpfungskette sind andere. Wir wollen nun herausfinden, wie sie sich genau verändern“, erklärt Markus Schermer. Viele lokale und regionale Biovermarkter und –verbünde haben Probleme zu wachsen, da der vorherrschende Nebenerwerb die verfügbare Arbeitszeit begrenzt. Supermärkte hingegen stehen vor dem Problem, bei höheren Absatzmengen den ursprünglichen Werten gerecht zu werden. Im Projekt „HealthyGrowth“ untersuchen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler nun gezielt mehrere Bio-Netzwerke und sehen sich unter anderem an, wie deren Vermarktung, Kommunikation und innerer Aufbau funktionieren. „Auf diesem Gebiet gibt es eine große Anzahl von unterschiedlichen Organisations- und Kooperationsformen: Ein Beispiel, das wir uns ansehen, ist die Marke ‚Bio vom Berg’, die  den Tiroler Biobauern selbst gehört und mit der Supermarktkette MPreis kooperiert, ein weiteres ist die Bioregion Mühlviertel. Grundsätzlich wählen wir jeweils mindestens zwei ähnliche, miteinander vergleichbare Initiativen aus unterschiedlichen Ländern aus – so gibt es zum Beispiel in Frankreich ein der Bioregion Mühlviertel ähnliches Modell.“

Der Fokus des Innsbrucker Teams liegt auf der Kommunikation entlang der Wertschöpfungskette. „Dabei geht es uns zum Beispiel auch um die Frage, inwieweit sich der einzelne Bauer noch in seinem Produkt, das verpackt im Supermarkt liegt, wiederfindet – und ob hier auch eine Rückmeldung vom Kunden zum Produzenten möglich ist“, sagt Markus Schermer. Bei der direkten Vermarktung verkauft die Bäuerin oder der Bauer selbst, kennt die Kunden und diese können ihm oder ihr mitteilen, ob das jeweilige Produkt in Ordnung war. Das fällt im indirekten Vertrieb weg. „Die Vielzahl an Zertifizierungsstellen und Labels, die es gibt, sind deshalb nur ein Ersatz dafür: Der Kunde kann nicht selbst zum Hof fahren und sich beim Bauern von der Qualität des Produkts überzeugen. Die Qualitätssicherung wird einer Zertifizierungsstelle übertragen, die dann ein entsprechendes Gütesiegel vergibt.“

Biologische Alternativen

Da viele Konsumenten damit nicht mehr zufrieden sind gibt es heute, ausgehend vom englischsprachigen Raum, eine „post-organic“-Bewegung – ein „Zurück zu den Wurzeln“: „Hier ersetzt wieder persönliche Bekanntschaft und Vertrauen die Zertifizierung durch Externe: Konsumenten und Produzenten handeln gemeinsam aus, was und wie produziert wird“, erklärt Markus Schermer. Auch hier existieren unterschiedliche Modelle, die unter anderem auch  im Rahmen des Projekts „HealthyGrowth“ untersucht werden sollen: Etwa Einkaufsgemeinschaften, zu denen sich Familien zusammenschließen können, um in größerem Mengen biologisch produzierte Lebensmittel zu kaufen. „In Frankreich gibt es derzeit schon über 1.600 solcher Gruppen, die berits mehr als 270.000 Menschen erreichen“, sagt der Agrarsoziologe. Ein weiterer Trend  versteckt sich hinter dem Begriff der sogenannten „community supported agriculture“: Dabei können Familien oder andere Personengruppen Anteile an Bauernhöfen erwerben. Eine Gewinnbeteiligung gibt es in dem Sinne nicht, sondern man wird in Naturalien, in Form von am Hof produzierten Lebensmitteln ausbezahlt.

„Auf dem Gebiet der ökologischen Landwirtschaft ist sehr viel in Bewegung, sowohl auf der Produzenten- als auch auf der Kundenseite“, erzählt Markus Schermer. Betrachtet man die mediale Diskussion über Lebensmittelskandale und die Rolle, die Essen ganz allgemein in unserer Gesellschaft spielt, bestätigt sich das: Kochshows im Fernsehen boomen, zugleich steigt das Bewusstsein für qualitativ hochwertiges Essen. „Auch in Österreich steigt die Anzahl von solchen Lebensmittel-Kooperativen – zwar auf recht niedrigem Niveau, aber es werden immer mehr.“ Das nun angelaufene Forschungsprojekt soll dazu beitragen, Märkte für Bioprodukte besser zu verstehen und auch aufzeigen, wie Biobauern am Markt bestehen und wachsen können.

Dieser Artikel ist in der Dezember-Ausgabe des Magazins „wissenswert“ erschienen. Eine digitale Version ist hier zu finden (PDF).

Foto: flickr.com/ilovebutter, CC BY 2.0