Informelles Lernen neu gedacht

Informelle Lernerfahrungen am Arbeitsplatz sind in vielen Branchen längst als wichtiger Faktor neben formale Fortbildungs-Veranstaltungen getreten. In einem neuen EU-Projekt arbeiten Innsbrucker Wirtschaftsinformatiker an neuen mobilen Informations- und Kommunikationstechnologien mit, die das Lernen abseits von Seminarräumen und Klassenzimmern erleichtern sollen.
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Bild: Handwerker, die im Bereich der erneuerbaren Energien arbeiten, sind eine der Zielgruppen des aktuellen Projekts. (Foto: flickr.com/Mike Baker, CC BY-NC-SA 2.0)

„Lebenslanges Lernen“ als Schlagwort begleitet die Debatten um Berufsqualifikationen schon seit vielen Jahren. Für eine immer stärker steigende Anzahl von Berufsgruppen ist das aber heute schon wesentlich mehr als ein Schlagwort: „Wir haben es in den unterschiedlichsten Branchen mit immer rascheren Neuerungen zu tun, auf die sich Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer einstellen müssen“, sagt Prof. Dr. Ronald Maier, Leiter des Instituts für Wirtschaftsinformatik, Produktionswirtschaft und Logistik an der Fakultät für Betriebswirtschaft. In einem neuen EU-Projekt, „Learning Layers“, beobachtet er mit seinem Team informelle Lernprozesse. Am Ende dieses Projekts sollen Technologien stehen, die diese Lernprozesse unterstützen.

Informelle Lernprozesse

Informelles Lernen beschreibt Wissensvermittlung abseits formaler Lern-Settings: Die Hilfe vom Kollegen, der in Handwerksberufen bestimmte Handgriffe erklärt, ist ein klassisches Beispiel für das Lernen fernab eines Klassenzimmers. „Bisher wurden bei Untersuchungen zu informellem Lernen hauptsächlich klassische Büroarbeiter ins Auge gefasst – also Leute, die ohnehin vor dem Computer sitzen und die in ihren Lernerfahrungen auch über diesen Computer angesprochen werden können“, erklärt Dr. Stefan Thalmann, der als Teil von Ronald Maiers Team an „Learning Layers“ arbeitet. Das neue Projekt geht einen Schritt weiter, fokussiert auf mobile Technologien, bezieht die physische Umgebung mit ein, etwa Maschinen und Anlagen, in der die Lernerfahrungen stattfinden und zielt auf zwei in diesem Kontext bisher wenig beachtete Berufsgruppen: Handwerker im Baugewerbe und medizinisches Fachpersonal in Arztpraxen.

Die Handwerker, mit denen die Forscherinnen und Forscher zusammenarbeiten, sind im Bereich der erneuerbaren Energien tätig – sie montieren etwa Solaranlagen und errichten energieeffiziente Häuser nach dem neuesten Stand der Technik. „Diese Branche unterliegt extrem kurzen Innovationszyklen. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter müssten in der Praxis sehr häufig für Schulungen in Klassenzimmern sitzen, um immer auf dem aktuellen Stand zu bleiben“, beschreibt Ronald Maier eine grundlegende Herausforderung: „Viele Klein- und Mittelbetriebe können sich das aber gar nicht leisten, da geht höchstens der Meister in eine Schulung und muss seine Mitarbeiter dann einlernen.“ Ähnliches gilt auch für Angestellte im Gesundheitswesen. Zudem nehmen in beiden Branchen Dokumentationspflichten zu, etwa um ein Gebäude nach dem Passivhausstandard zu zertifizieren oder die erforderliche Weiterbildung im Gesundheitsbereich nachzuweisen.

Unterstützung beim Lernen

Insgesamt 17 Forschungsinstitute und Partnerunternehmen aus sieben EU-Ländern arbeiten in unterschiedlichen Bereichen an „Learning Layers“ mit. Die theoretische und empirische Basis zu informellem Lernen an Arbeitsplätzen sowie ihrer Unterstützung durch IT liefert Ronald Maier mit seinem Team in Kooperation mit europäischen Universitäten im Projekt, andere Projektpartner arbeiten am Design der Lösung und ihrer praktischen Umsetzung. „Ein Beispiel für diese Umsetzung sind Smartphone-Apps, die das Lernen auch während der Arbeit erleichtern sollen“, sagt Stefan Thalmann: „Stellen Sie sich vor, Sie sind als Arbeiter auf einem Dach und sollen eine Solaranlage montieren – Ihre gewohnte Halterung passt hier aber aufgrund einer Neuerung nicht. Nun zücken Sie Ihr Smartphone, scannen den Strichcode der Anlage ein und erhalten ein Video zur Montage, das zeigt wie die alte Halterung für das neue Solarpanel angepasst werden kann.“ Ziel ist auch, diese Lerninhalte nicht zentral vorzugeben, sondern diejenigen, die sich damit beschäftigen, diese Inhalte selbst erstellen zu lassen – als Hilfe für Kolleginnen und Kollegen. „Dazu arbeiten wir und unsere Projektpartner eng mit Innungen und Unternehmensverbänden zusammen – immerhin sind diese meist für die Fortbildung von Arbeitern zuständig und bringen auch viele dieser kleinen und mittleren Unternehmen zusammen“, erklärt Ronald Maier.

Die Grundlagenforschung, die die Innsbrucker Wirtschaftsinformatiker hier leisten, soll in einigen Jahren zu anwendungstauglichen Modellen führen. Bis es soweit ist, wartet noch einiges an Arbeit auf die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler: „Worüber wir uns unter anderem noch Gedanken machen müssen, ist, wie das Wissen, das Arbeiterinnen und Arbeiter informell erwerben, dokumentiert und letztlich auch zertifiziert werden kann“, sagt Ronald Maier. Eine Prüfung in einem formalen Setting wäre letztlich dem eigentlichen Ziel abträglich, informelle Lernerfahrungen zu verbessern.

Erfolgreiches Institut

„Learning Layers“, das seit November 2012 läuft und von der EU-Kommission mit rund 12 Millionen Euro gefördert wird, ist bereits das vierte hochkarätige EU-Projekt innerhalb von sechs Jahren, an dem Ronald Maier und sein Team mitarbeiten. Diese Forschung kommt auch der Lehre zugute: „Wir freuen uns sehr darüber, unseren Masterstudierenden Mitarbeit in einem spannenden, anwendungsorientierten Feld mit hochkarätigen Partnern bieten zu können und ihnen durch unsere Industriekontakte auch Praktika und Jobs vermitteln zu können“, beschreibt Ronald Maier. „Und natürlich profitiert die Lehre sehr durch Theorien, Modelle und aktuelle Fallstudien aus den Forschungsprojekten, die wir direkt in Seminare und Vorlesungen einfließen lassen.“