Gemeinsam einzigartig

Eine gute Beziehung wird nach wie vor mit konservativen Beziehungsmustern gleichgesetzt. Dirk Mügge und Cathrin Schiestl vom Institut für Psychologie wollen in mehreren Forschungsvorhaben die Qualität moderner Beziehungen besser untersuchbar machen.
Entscheidend für eine gute Beziehung ist die individuelle Passung des Paares zueinander, diese ist derzeit aber nicht adäquat messbar.
Bild: Entscheidend für eine gute Beziehung ist die individuelle Passung des Paares zueinander, diese ist derzeit aber nicht adäquat messbar.

Beziehungszufriedenheit erhöht Lebensqualität. Gute Beziehungen, die als unterstützend wahrgenommen werden, haben nicht nur Auswirkungen auf das allgemeine psychologische Wohlbefinden, sie wirken positiv auf gesundheitliche Aspekte des Menschen. Aber was macht eine gute Beziehung aus? Allgemeine Komponenten wie das Ausmaß an Intimität und Konflikten werden in der Beziehungsforschung ebenso wie in der therapeutischen Praxis zur Messung der Beziehungsqualität herangezogen. Ausschlaggebend für eine gute Beziehung ist jedoch die Individualität jedes Paares und deren Passung zueinander, unabhängig von gesellschaftlichen Beziehungsmustern. Cathrin Schiestl und Dirk Mügge vom Institut für Psychologie der Universität Innsbruck versuchen deshalb, in ihrem durch den Tiroler Wissenschaftspreis geförderten Projekt, das theoretische Verständnis von Beziehungsqualität real messbar zu machen. Dabei sind sie in dem noch relativ jungen Forschungsfeld, erste wissenschaftliche Instrumente kommen aus den 1970ern, auf erhebliche Defizite im Bereich der derzeitigen Forschung gestoßen. Durch die Konzipierung eines multidimensionalen Fragebogens zur Erfassung von Beziehungsgüte wollen Schiestl und Mügge bisherige wissenschaftliche Probleme lösen und gleichzeitig veränderte Lebensumstände berücksichtigen. Insbesondere soll die Individualität einzelner Paare hervorgehoben werden.

Defizite in der Forschung

Anstoß zum gemeinsamen Projekt gab die Erkenntnis, dass bisher keine Möglichkeit besteht, die Befragungsergebnisse der einzelnen Fragebögen eines Paares aufeinander abzustimmen. Wie so oft in einer Beziehung besteht zum Beispiel eine kontroverse Einschätzung zur Zufriedenheit mit dem Thema Haushaltsführung. Dem Klischee nach überlässt der Mann die Arbeit oftmals gerne der Frau und ist mit der Situation sehr zufrieden, die Frau hingegen wünscht sich eine gerechte Arbeitsteilung. Auf eine Frage, die sich auf die Intimität bezieht, kann wiederum eine völlig entgegengesetzte Einschätzung der Situation durch Mann und Frau erfolgen. Die Frau empfindet die partnerschaftliche Nähe als ausreichend, der Mann hingegen wünscht sich mehr. Die separate Einschätzung der Beziehungsqualität durch Mann und Frau kann zu einem numerisch identisch hohem Wert führen, was für die Psychologie wiederum eine theoretisch gute Partnerschaft indiziert. Werden diese Ergebnisse hinterfragt und die Fragebogen aneinander angepasst, können grundsätzlich gegensätzliche Einschätzungen, die zum selben Ergebnis geführt haben, zu einer Verzerrung des Resultats beitragen. Im Fragebogen von Cathrin Schiestl und Dirk Mügge soll das Partnerschaftliche im Kontext zueinander erforscht werden.

Unkonventionelle Beziehungsmuster

Neben dieser Anpassungsschwierigkeit ergeben sich aber weitere Herausforderungen für die Wissenschaftler: In dem in der Praxis am häufigsten verwendeten Fragebogen zur Beziehungsqualität, der sogenannten Dyadic Adjustment Scale, werden Fragen zur Zufriedenheit innerhalb der Partnerschaft unterschiedlich gewichtet. „Wir versuchen in unserem Projekt komplett auf Ja- oder Nein-Fragen zu verzichten, da es sehr wichtig ist, Fragen gleichmäßig zu bewerten“, sagt Cathrin Schiestl. Um die Realität wahrheitsgemäß abbilden zu können, versuchen die Wissenschaftler, die Gewichtung der Fragen durch das jeweilig befragte Paar selbst zu ermöglichen. Beziehungsgüte hängt stark vom alltäglichen Leben ab, von den Vorstellungen, dem Verhalten, aber auch von den Verfehlungen und wie gut der einzelne Partner dies kompensieren kann.
Die Welt ist in einem stetigen Wandel, mit ihr auch die Menschen und ihre Beziehungsmuster. Die Forschung im Bereich der Beziehungszufriedenheit hat seit ihrem Anfang in den 1970er Jahren nur eine geringe Anpassung erfahren. Vor vierzig Jahren wurden Instrumente entwickelt, die heutzutage noch immer ihre Anwendung finden, ergänzt Dirk Mügge. Die Dyadic Adjustment Scale, ein Standardinstrument in der Beziehungsforschung, welches auch heute noch vorrangig verwendet wird, geht von einem konventionellen Ehemuster mit einer gemeinsamen Haushaltsführung aus. Die technische Entwicklung – insbesondere in der Kommunikation – ermöglicht es uns heutzutage, andere Formen von Beziehungen zu führen. „Fragen zu gemeinsamen Haushaltsmitteln werden in einer Fernbeziehung irrelevant, jedoch spielen andere Faktoren eine wichtige Rolle, die in diesen veralteten Versionen von Fragebögen nicht berücksichtigt werden“, führt Dirk Mügge als Beispiel an.

Der mehrdimensionale Fragebogen soll nicht nur partnerschaftliche Beziehungen erfassen, Cathrin Schiestl und Dirk Mügge versuchen ihr Forschungsfeld auf freundschaftliche Beziehungen auszuweiten. Denn wie auch der Kinofilm „Freundschaft Plus“ aus dem Jahr 2011 zeigt, haben sich Beziehungsformen entwickelt, in denen sexuelle Treue eine zweitrangige Rolle spielt. Paare stellen den sogenannten social support, also die Unterstützung in allen Lebenslagen durch den Partner, in den Vordergrund. In der praktischen Erfassung der Beziehungsgüte wird die sexuelle Treue aber noch immer als ausschlaggebend für eine gute Beziehung angesehen. Dem wird die Auffassung zugrunde gelegt, unabhängig von der persönlichen Einstellung des Paares, dass sexuelle Untreue automatisch etwas Schlechtes für eine Beziehung bedeutet.

Wissenschaftliche Herausforderung

Der neue multidimensionale Fragebogen soll also einerseits die Selbsteinschätzung der befragten Paare ermöglichen, auf der anderen unkonventionelle Beziehungen genauso adäquat abbilden wie klassische Beziehungen. Die wissenschaftliche Herausforderung dabei liegt darin, ein Gleichgewicht zwischen der Flexibilität des Instrumentes auf verschiedene Beziehungsmuster und der präzisen Anwendbarkeit zu finden. Für die Entwicklung der Daten werden willkürlich ausgewählte Laien herangezogen, das Projekt baut auf einem völlig neuen Ansatz auf: Die Realität soll durch die direkte Befragung von Paaren widergespiegelt werden. „Man muss sich in die Personen hineinversetzen können, die diesen Fragebogen ausfüllen sollen“ ergänzt Cathrin Schiestl. Derzeit werden die ersten empirischen Daten analysiert und noch in diesem Jahr soll eine vorläufige Version des Fragebogens entstehen. Als langfristiges Ziel wünschen sich die Wissenschaftler, dass der Fragebogen verlegt und in der Praxis als geeignetes Mittel zur Untersuchung von Beziehungsgüte angenommen wird.

Wie rechtfertigen die Wissenschaftler ihre Kritik?

Mit den veränderten Beziehungsformen gehen wissenschaftlich methodische Schwierigkeiten einher, die Dirk Mügge in einem Einzelprojekt durch einen wissenschaftlichen Artikel aufzeigen will. Der aktuelle Stand der Forschung wird dabei quantitativ und qualitativ abgebildet und auf die Defizite eingegangen. Dadurch soll aufgezeigt werden, dass in der Praxis die Methoden zur Erhebung von Beziehungsqualität nicht angemessen ausgewählt werden. Basierend auf diesem Projekt bekommt die mit Cathrin Schiestl zusammen durchgeführte Entwicklung eines multidimensionalen Fragebogens eine fachlich wichtige Rechtfertigung.

Dieser Artikel ist in der April-Ausgabe des Magazins „wissenswert“ erschienen. Eine digitale Version ist hier zu finden (PDF).

(Lisa Steurer)