Paläontologischer Sensationsfund in Tirol

Durch einen glücklichen Zufall gelangte ein auf den ersten Blick wenig ansehnliches Fossil an die Uni Innsbruck. Nach genauer Analyse des bei Seefeld gefundenen Fossilstücks steht nun fest: Es handelt sich dabei um ein fast komplettes Skelett eines ausgestorbenen Reptils mit dem Namen Langobardisaurus pandolfii, ein kleinwüchsiger Saurier-Verwandter mit langem Hals und langem Schwanz.
Rekonstruktion des jugendlichen Exemplars des Reptils Langobardisaurs pandolfii aus Seefeld. © Silvio Renesto
Bild: Rekonstruktion des jugendlichen Exemplars des Reptils Langobardisaurus pandolfii aus Seefeld. (Illustration: Silvio Renesto)

Der Ölschiefer von Seefeld in Tirol ist ein dunkles, nach Bitumen riechendes Gestein, das vor etwa 210 Millionen Jahren entstand, als das Gebiet der heutigen Alpen Teil eines ausgedehnten tropischen Fachmeeres ähnlich den heutigen Bahamas war. In diesem Meer gab es lokal tiefe Bereiche, in denen es aufgrund schlechter Zirkulation und häufiger Algenblüten zu einer Situation wie im heutigen Schwarzen Meer kam: Ab einer gewissen Wassertiefe war aller Sauerstoff aufgebraucht und am Meeresboden lagerte sich Faulschlamm ab. „Dieses extrem lebensfeindliche Milieu bildete paradoxerweise die Voraussetzung dafür, dass überproportional viele Spuren des damaligen üppigen Lebens erhalten geblieben sind. Denn aufgrund des fehlenden Sauerstoffs verwesten die im Schlamm eingebetteten Organismen nicht und wurden fossilisiert“, erklärt Univ.-Prof. Dr. Christoph Spötl vom Institut für Geologie und Paläontologie der Universität Innsbruck. So entstand über geologische Zeiträume der Ölschiefer von Seefeld, dessen Bitumen seit dem 14. Jahrhundert auch abgebaut wurde, um daraus das Arzneimittel Ichthyol zu gewinnen. Verfallene Stolleneingänge, Halden und Ruinen zeugen noch heute von diesem Bergbau, der 1964 eingestellt wurde.

Fossilienreiches Gebiet

Während des Bergbaues stießen die Knappen immer wieder auf Versteinerungen, insbesondere Fische in teils vorzüglicher Erhaltung. Weiters fanden sich Pflanzenfossilien, meist Blätter von Tropenpflanzen. Mehr als 70 verschiedene Pflanzenarten wurden identifiziert, 90% davon Nadelhölzer. „Diese Funde belegen, dass sich unweit dieses Meeresbeckens Inseln befunden haben müssen, von denen die Pflanzenreste durch Stürme oder Tsunamis auf das Meer hinaustransportiert wurden“, erläutert Prof. Spötl. Seitdem der Bergbau eingestellt wurde, nahmen die Funde von Seefelder Fossilien deutlich ab. Vereinzelt machten seither Sammler interessante Entdeckungen. So wurden in den 1970er und dann nochmals in den 1990er Jahren Überreste von zwei Flugsauriern gefunden; einer davon hatte eine Flügelspannweite von 1,2 m und einen markanten Kamm auf seinem Kopf. Auch diese beiden Reptilfunde belegen, dass unweit des Seefelder Beckens Land gewesen sein muss. Dann wurde es still um Seefeld und seine Fossilien.

Extrem seltener Fund

Langobardisaurus

Foto der Gesteinsplatte mit dem fast vollständig erhaltenen Skelett eines Langobardisaurus pandolfii. Man beachte, dass der Schädel rechts der Wirbelsäule liegt, d.h. der Hals des Reptils ist im Gegenuhrzeigersinn gedreht. Die dunklen Bereiche sind Abdrücke von fossilen Blättern, die das Skelett z.T. bedecken. © Silvio Renesto


„Durch einen glücklichen Zufall kamen wir am Institut für Geologie der Universität Innsbruck vor wenigen Jahren in den Besitz zweier Fossilstücke aus Seefeld. Diese wurden vor etwa 25 Jahren von einem Sammler, der anonym bleiben möchte, gefunden und lagerten seither in seiner Privatsammlung in Innsbruck“, berichtet Spötl. Neben dem Rückenteil eines gut erhaltenen Fisches zog ein zweites schwer zu erkennendes, knöchernes Fossil, die Aufmerksamkeit der Wissenschaftler auf sich. „Da es in Österreich keine Fachleute für die Bestimmung derartiger Tierfossilien gibt, nahmen wir mit Experten in Oberitalien Kontakt auf. Diese kamen mehrfach nach Innsbruck, um das seltsame Fossil genau zu studieren und zu vermessen “, so der Geologe. Kürzlich erschien nun die Auswertung dieser Studie (Saller, Renesto & Dalla Vecchia, 2013) und das Ergebnis ist eine paläontologische Sensation: „Bei diesem unscheinbaren Fossil handelt es sich um ein fast vollständiges Skelett eines kleinen Reptils aus der Gruppe der Protorosaurier mit dem wissenschaftlichen Namen Langobardisaurus pandolfii“, zeigt sich Christoph Spötl begeistert. Diese Reptilien zeichneten sich durch einen stark verlängerten Hals sowie durch einen langen Schwanz aus. Es gab weltweit bisher nur vier Exemplare dieser Art, die in der Lombardei und Friaul in ähnlichen dunklen, bitumen-reichen Schichten wie in Seefeld gefunden wurden. Das Seefelder Exemplar, das fünfte im Bunde, gehört zu den am besten erhaltenen. Interessantes Detail: Bei genauer Betrachtung erkennt man, dass das Seefelder Reptil von länglichen Blättern bedeckt ist, die offenbar zusammen mit dem Tier im Faulschlamm eingebettet wurden und so als Fossilien erhalten blieben.

Langobardisaurus gehörte zu einer Gruppe von sogenannten archosauromorphen Diapsiden, die in der Oberen Trias, also bald nach der Bildung der Seefelder Ölschiefer, ausgestorben sind. Er erreichte eine Länge von etwa einem halben Meter, wovon die Hälfte auf den Schwanz entfiel. Das Seefelder Exemplar weist eine Länge von etwa 25 cm auf und dürfte daher ein jugendliches Exemplar gewesen sein. Über die Lebensweise dieser Gattung ist nur so viel bekannt, dass sie sowohl auf vier Füßen laufen konnten, als auch auf den beiden Hinterbeinen. Entfernte Verwandte dieser Reptilien sind u.a. die Leguane und in Bezug auf die Bewegungsweise dürfte die Kragenechse (Chlamydosaurus kingii), die heute in Australien lebt, Langobardisaurus am nächsten kommen. Sie kann sich sehr schnell aufrecht auf den Hinterbeinen rennend fortbewegen. Langobardisaurus besaß jedoch keinen aufstellbaren Kragen wie die australische Echse.

Welche Nahrung Langobardisaurus zu sich nahm, ist noch unbekannt. Sein Mageninhalt gab dazu keinen Aufschluss. Vermutlich waren diese Reptilien Pflanzenfresser; sein kräftig ausgebildetes Unterkiefer könnte aber auch ein Hinweis sein, dass er in der Lage war, harte Nahrung aufzubrechen, wie beispielsweise Muscheln. Untersuchungen dazu laufen.

Die Untersuchungen am Seefelder Fossil führte Prof. Silvio Renesto (Department of Structural and Functional Biology, Università degli Studi dell' Insubria, Varese) zusammen mit seinem Doktoranden Franco Saller (Dipartimento di Scienze della Terra e Geologico-Ambientali, Università degli Studi di Bologna) und Dr. Fabio M. Dalla Vecchia (Institut Català de Paleontologia Miquel Crusafont, Sabadell, Spanien) durch.